Auf eine virtuelle Bahnreise ins 19. Jahrhundert gingen die Gäste der Veranstaltungsreihe "Genusswelten" mit Autor Guido Fuchs (65), der ihnen mit Auszügen aus seinem Buch "In der Bahnhofsgaststätte" ein literarisches Menü bot. Mit teils humoristischen, teils sozialkritischen Texten bekannter Schriftsteller ließ er die Pracht und das pralle Leben in der Bahnhofsgastronomie der Gründerzeit lebendig werden.

Besser hätte die Veranstaltung in das prachtvolle Fürstenzimmer des Bad Kissinger Bahnhofs gepasst, in dem seit 1874 herrschaftliche Gäste des einst königlich bayerischen Staatsbades wie Reichskanzler Otto von Bismarck oder Kaiserin Elisabeth von Österreich von Badkommissär und Bürgermeister empfangen oder verabschiedet wurden. Doch seit Jahrzehnten ist dieser von den meisten Bad Kissingern längst vergessene Raum verschlossen und war zuletzt nur noch als Abstellkammer missbraucht worden.

Deshalb trafen sich die knapp 40 Gäste zur genussvollen Lesung im Obergeschoss der Regionalvinothek KissVino (Altes Rathaus), wo ihnen Betriebsleiter Bernhard Gößmann-Schmitt ein dreigängiges Menü servieren ließ. Zum jeweiligen Gang gab es einen passenden Wein.

Guido Fuchs las nicht, wie sonst bei Autorenlesungen üblich, kapitelweise aus seinem Buch, sondern verband die von ihm ausgewählten Bahnhofstexte bekannter Schriftsteller mit launiger Moderation und zeigte dazu zeitgenössische Bilder. So entführte er seine Zuhörer in die Welt der Bahnreisen vor 150 Jahren. Die Bahnhofsgaststätten jener Zeit gibt es längst nicht mehr, machte Fuchs den vollzogenen Wandel zu heutigen Fast-Food-Imbissen und Coffee-to-go im Pappbecher deutlich, "aber die Literatur hält sie in Erinnerung".

Die einstigen Wartesäle erster Klasse waren "bewirtete Oasen der Geräumigkeit", in denen der Adel, Offiziere und das gehobene Bürgertum während langer Umstiegspausen beim Genuss von Champagner mehrgängige Menüs verspeisen konnten, "die Tische bogen sich unter dem Angebot der Speisen", während die Reisenden der Arbeiter- und Bauernklasse sich im Wartesaal dritter oder gar vierter Klasse mit Sack und Pack tummelten und sich mit Bier, Eintopf und Bockwurst begnügten.

Bahnhofsgaststätten waren einst gesellschaftliche Treffpunkte im Zentrum der Stadt. Es trafen sich dort die Honoratioren zum Stammtisch, Maler machten beim Beobachten der Reisenden aus aller Welt ihre Charakter- und Millieustudien, und nicht selten wurden dort zarte Bande zwischen Liebenden geknüpft. Bahnhöfe und ihre Gaststätten werden nicht nur in Büchern geschildert, sondern manche Autoren schrieben sogar ihre Romane in der Bahnhofsgaststätte an für sie reservierten Tischen.

Ziemlich schlecht kommen in den Schilderungen mancher Autoren die bayerischen Bahnhöfe weg, wie Guido Fuchs beispielhaft mit einer von Wilhelm Busch gezeichneten Szene aus dem Rosenheimer Wartesaal andeutete. Worauf Gastgeber Gößmann-Schmitt zur Belustigung der Gäste anmerkte: "Ich bin stolz, dass ich kein Bayer, sondern Franke bin." Doch auch im fränkischen Bad Kissingen gibt es seit Jahren keine Bahnhofsgaststätte mehr.

Informationen zum Buch:

Guido Fuchs: "In der Bahnhofsgaststätte", Verlag Monika Fuchs, Taschenbuch, 260 Seiten, Preis: 17,50 Euro, ISBN 978-3947066650