Bei der Vorführung der Cowboys in der Auerochsenherde wurde schnell klar, dass es sich weder um eine actionreiche Show in Wild-West-Manier noch um ein Spiel, sondern um ernsthafte Arbeit an und mit den Tieren handelt. Die gut 30 Tiere umfassende Auerochsenherde sei das ganze Jahr über auf der Weide. "Sie benötigen keinen Stall, sie finden genügend Schutz in den dichten Gebüschen rund um die Weide", erklärte Carmen Kronester den Besuchern.
Lediglich im Winter werde mit Heu zugefüttert. Carmen Kronester, ausgebildete Tierpsychologin, ist von der Herdenstruktur begeistert, die sich nur bilden könne, weil die Tiere eben so wenig von den Menschen beeinflusst werden. So regele die Herde sämtliche Konflikte wie Rangordnung, Futterkonkurrenz oder das frühzeitige Decken des noch zu jungen weiblichen Nachwuchses selbständig und effektiv. Carmen Kronester schwärmt vom ruhigen und gelassenen Temperament ihrer Auerochsen und von der sichtlich individuellen Persönlichkeit eines jeden Tieres. Für die Schlachtung der Tiere haben die Kronesters eine Ausnahmegenehmigung für den Kugelschuss auf der Weide. So bleibe den Auerochsen jeglicher Stress durch Einfangen und Transport erspart.

Dennoch unterliege die Herde natürlich gewissen Auflagen, Ohrmarken müssen angebracht werden, Blutprobenentnahme und tierärztliche Untersuchungen seien notwendig. Einfach auf die Weide gehen und die Tiere markieren oder untersuchen, sei aufgrund der extensiven Tierhaltung nicht möglich. Hier kommen nun die Cowboys aus dem Edertal ins Spiel, die die Auerochsenherde vom Pferd aus zusammen treiben.

Die Cowboys und -girls habe es sich zum Aufgabe gemacht, den Umgang mit Rindern und Pferden nach den Prinzipien des Low Stress Stockmanship zu pflegen. "Es ist ganz wichtig, dass wir auf die Tiere eingehen und mit ihnen arbeiten. Wir wollen uns, unsere Pferde und die Rinder keiner Gefahr aussetzen", erklärte Harald Fedder vom "Cattle-Drive-Team". Aber natürlich müsse sich der Reiter Respekt verschaffen, die Rinder müssen die Pferde respektieren. Wenn die Peitsche knallt, dann nicht um die Tiere zu schlagen, sondern um ein akkustisches Signal zur Unterstützung zu geben. "Wir orientieren uns an den Arbeitstechniken und Fertigkeiten Cowboys. Es sind alte handwerkliche Fertigkeiten, die zum Einsatz kommen. Doch wir orientieren uns auch am Tierschutz, arbeiten mit Respekt vor dem Geschöpf und seinen Bedürfnissen ohne aus den Augen zu verlieren, dass die Arbeit erledigt werden muss, und auch unsere eigene Sicherheit zu berücksichtigen ist." Für Harald Fedder und seine Frau Birgit geht es nicht darum, einen Wettbewerb auf Zeit zu gewinnen oder möglichst spektakulär mit Lasso und Sporen zu agieren, sondern schonend, sicher und effektiv die Arbeit erledigt zu erledigen. "Es hat keine Sinn, die Tiere im gestreckten Galopp zu jagen, nicht nur weil das Gelände dazu viel zu klein ist. Auch steigt die Gefahr, dass die Auerochsen mit erhöhtem Druck von Seiten der Reiter einfach durch den Zaun brechen." So ein Zaun sei für die mächtige Tiere ohnehin nur eine Bitte innerhalb der Einzäunung zu bleiben, schmunzelte Carmen Kornester.

Harald Fedder hat seine Kinderphantasien vom Cowboy zum Beruf gemacht. Vom Edersee aus fährt er bis weit über die Landesgrenzen hinaus, um Rinderherden zusammen zu treiben, um eben die nötigen Untersuchungen oder Markierungen vornehmen zu können. Seine Frau Birgit begleitet ihn dabei, sie ist Tierärztin, kann Untersuchungen und Behandlungen vornehmen.

Die uralte Weise, die Rinderherden in einen Pferch zu treiben sei vor allem wichtig für Landwirte, die eine extensive Rinderzucht betreiben, bei denen also die Rinder die meiste Zeit weitgehend frei auf den Weiden leben und sich deshalb auch nicht so einfach einpferchen lassen.

Seit 2009 arbeiten die Cowboys des Cattle-Drive-Team für Familie Kronester. Sie sind gerne in der Rhön zu Gast, denn die Arbeit ist für auch eine gute Gelegenheit ihre Pferde zu schulen und die eigene Geschicklichkeit und Fertigkeiten zu trainieren.