Die Albrecht-Dürer-Straße ist die typische 70er Jahre Wohnsiedlung: Beschauliche Lage am Stadtrand. Alle Häuser sind baugleich, in Richtung Straße liegt ein kleiner Garten, oft mit Nadelbaum. Die Grundstücke sind von dunklen Jägerzäunen eingefasst. "Früher haben die Kinder hier Fußball gespielt. Heute warte ich darauf, dass mir beim Straßenkehren ein Auto die Hosen herunterreißt", erzählt Anwohner Kurt Glatt.


Die Verkehrsbelastung blieb lange überschaubar. 1999 fuhren täglich 720 Autos durch die Albrecht-Dürer-Straße, heute sind es doppelt so viele. Nach 2000 wurde die ehemalige Kaserne zum Gewerbegebiet; die Sackstraße Stögerstraße wurde geöffnet und hat ab sofort das Wohngebiet Sinnberg an das Gewerbegebiet angebunden. Als dort große Märkte wie Kaufland öffneten, ist der Verkehr in der Umgebung angestiegen.

"Das Problem ist, dass die Umgehungsstraße umgangen wird", sagt Anwohnerin Marita Weinsziehr. Autofahrer, die aus Nüdlingen kommend zu den Einkaufsmärkten fahren, benutzen nicht den Ostring, sondern kürzen über das Wohngebiet ab. Sie entscheiden sich für die eigentlich umständlichere Strecke: Die Geschwindigkeit ist auf 30 km/h begrenzt, ständig gilt es rechts vor links zu beachten, überall parken Autos. "Die Autofahrer umfahren die Ampeln", vermutet Kurt Glatt.

Die Anwohner klagen über Lärm

Bei einer offiziellen Messung der Stadt Bad Kissingen im Jahr 2009 wurden in der Albrecht-Dürer-Straße 1 700 Fahrzeuge am Tag gezählt. In der parallel verlaufenden Veit-Stoß-Straße waren es 1 400 und in der Stögerstraße 2 200. Die Anwohner klagen über den hohen Lärm und ärgern sich über abgefahrene Außenspiegel. "Das hohe Verkehrsaufkommen beschädigt die Lebensqualität", beschwert sich Marita Weinsziehr.

Anwohner Jürgen Hofmann hat den Verkehr 24 Stunden lang überwacht und dabei festgestellt, dass morgens zwischen 6 und 8 Uhr und abends zwischen 17.30 und 20 Uhr am meisten Betrieb herrscht. "Die kritischste Zeit ist vor Schulbeginn", hat er beobachtet. Dann bringen die Eltern ihre Kinder in Sinnbergschule und -Kindergarten. 120 Autos pro Stunde durchqueren dann die Albrecht-Dürer-Straße. Die Situation wird nach 20 Uhr nur bedingt besser. "Wenn weniger los ist, fahren manche Autofahrer extrem schnell", sagt der Familienvater.

Die Anwohner wollen die Autos auf die Umgehungsstraße bringen. Sie haben sich deshalb vor Jahren zusammengeschlossen und fordern die Stadt immer wieder zum Handeln auf. Sie haben Leserbriefe geschrieben, die Bürgermeistersprechstunden besucht und mit den Stadträten Richard Fix (Grüne) und Klaudia Schick (CSU) den Ort besichtigt. "Bisher ist nicht viel passiert", meint Jürgen Hofmann gefrustet. Um den Verkehr zu reduzieren, schlagen sie vor, aus der Stöger- eine Einbahnstraße zu machen. Auch ein Linksabbiegeverbot aus der Kaserne in die Stögerstraße würde helfen. Schutz vor Rasern könnten Blumenkübel gewährleisten, die die Straßen verengen. Außerdem soll ein Zebrastreifen am Kindergarten für die Sicherheit der Kinder sorgen.

"Man kann nichts tun"

Rainer Warzecha, Leiter des städtischen Ordnungsamtes, bestätigt, dass viele Autofahrer über das Wohngebiet abkürzen, um die Ampeln zu vermeiden. "Das ist ein normales Verhalten." Bei Verkehrszählungen und Geschwindigkeitsmessungen sei nichts auffälliges festgestellt worden. 1 500 Fahrzeuge täglich "sind eine völlig normale Verkehrsbelastung in einer Wohnstraße", sagt er. Mehrere Maßnahmen - die Einbahnstraße und der Zebrastreifen - wurden 2009 im Bauausschuss beraten und als ungeeignet verworfen. Das Thema sei abgehakt.

"Die Abkürzung wird intensiv benutzt. Ich verstehe, dass es für die Anwohner ärgerlich ist", sagt Lothar Manger, Verkehrssachbearbeiter der Polizei Bad Kissingen. Er betont, dass für Schule und Kindergarten ein funktionierendes Verkehrskonzept erarbeitet wurde. Die Sicherheit bei An- und Abfahrt ist gegeben. Den Vorschlägen der Anwohner erteilt der Verkehrsexperte eine Absage: Die Errichtung einer Einbahnstraße, beziehungsweise eine Fahrbahnverengung sei wegen des Stadtbusverkehrs keine Lösung. Das Linksabbiegeverbot hält er ohne häufige Kontrollen für nicht durchsetzbar. Die Stadt habe zudem schlechte Erfahrung an der Amtsgerichtskreuzung gemacht, wo vor einigen Jahren ein Abbiegeverbot gegolten hatte.Und es sei laut Manger zu erwarten, dass sich manche Anwohner beschweren werden, wenn sie den Umweg über den Ostring nehmen müssten. "Am besten wäre es, an die Vernunft der Fahrer zu appellieren."

Zumindest eine theoretische Lösung besteht, wie Rainer Warzecha vom Ordnungsamt erläutert: Ein verkehrsberuhigter Bereich in der Albrecht-Dürer-Straße. "Damit verlagern wir aber das Problem eine Straße weiter." Außerdem müsste dann der Gehsteig und die Fahrbahn auf gleiche Höhe gebracht werden. Ein teures Unterfangen, dessen Kosten mit auf die Anlieger umgelegt würden.