Oh, das könnte schiefgehen: Eine ganze Festhalle füllen zu wollen, ausgerechnet an dem Abend, an dem das Champions-League-Finale in der Besetzung Bayern München gegen Borussia Dortmund stattfindet. Wenn der gute Michl Müller da mal nicht zur Einzeltherapie übergehen muss heute Abend ... Da schaust du lieber am Nachmittag noch einmal schnell auf die Homepage des Kabarettisten. Nein, abgesagt ist nichts. Der Mann hat Mut. Die Veranstalter auch.
"Ausverkauft" steht da. Ein paar werden also kommen, obwohl zwischen dem Vorverkauf im Dezember und dem Termin im Mai ein knappes halbes Jahr liegt, in dem viel Wasser die Saale hinuntergeflossen ist. Eine derartige Terminkollision war beim Kartenlauf nicht vorherzusehen. Schaun mer ma ...

Parkplatz: Voll

Am Abend zeigt sich schon beim Versuch, auf dem Parkplatz der "Rhönfesthalle" in Stangenroth noch einen Stellplatz finden zu wollen, dass jegliche Sorge völlig unbegründet war: Da ist nix mehr frei. Und in den Seitenstraßen wenig. Die Halle selber ist bis auf den allerletzten Platz gefüllt mit gut gelaunten Leuten. Da sieht man, dass Franken eben doch keine Bayern sind, was auch der Müller Michl in seinem Programm später stets aufs Neue eindrucksvoll konstatieren wird.
Die Prioritäten sind eindeutig: Zwischenergebnisse aus Wembley gibt's immer mal wieder, aber das bleibt sehr am Rande. Müller selber ruft am Anfang ganz begeistert: "Es ist Wahnsinn, dass so viele Leute gekommen sind." Er hat allerdings auch eine Erklärung dafür: Das sei "so die späte Rache vom Muttertag", an dem der Vater die Mutter gürtet und dorthin führt, wohin sie nicht will, um sie mit einem Essen zu verwöhnen, auf das sie keine Lust hat.

Rhönfesthalle: Voll

Gute Theorie, doch das Bild im Saal spricht eine andere Sprache: Dazu sind, neben Alten und Älteren, zu viele ganz junge Mädchen da, die nicht danach ausschauen, als hätten sie einen Herrn Gemahl, den sie strafend zum Mitkommen hätten bewegen müssen. Und es sind zu viele junge und ganz junge Männer da, die sich köstlich amüsieren und nicht den Eindruck machen, als müssten sie sich im täglichen Leben mit den Worten "Väterchen! Kommst du jetzt?!" am Gängelbande führen lassen.
So etwa, wie der Mann jenes Pärchens, dessen Großeinkauf beim Discounter Michl Müller humorvoll und lebensnah beschreibt. Sie sind das Markenzeichen dieses Energiebündels: Die Geschichten aus dem Leben, und sie machen den Großteil des Programmes aus. Michl Müller hat sie im Alltag gesammelt und erzählt sie nun, in bühnentaugliche Form gebracht, je nach Situation ein wenig anders: wie ein Kollege dem anderen etwas erzählt; wie die eine Nachbarin mit der anderen ratscht; wie Otto Normalgorilla sich vor dem anderen aufbläst.

Schüchtern-witzig bis rustikal

Seine Bühnenshow ist eine Mischung aus Anekdoten, Lebensweisheiten, mal zarter, mal grober Komik, deren Farbskala von schüchtern-witzig bis rustikal- männerchor- und damenke gel clubderb reicht. Eine Melange aus Beschreibungen seiner Landsleute, die er mal deskriptiv, mal illustriert auf die Bühne bringt und dabei - wohlwollend, kritisch oder scheinbar neutral - immer genau den Punkt trifft.

Bierzelt- und Partstimmung

Michl Müllers Programm ist eine Zusammenstellung aus Dampfplauderei, Kalauern, Comedy und ein wenig Kabarett. Wobei Komponente eins und vier eher Randerscheinungen sind. Und doch darf man das, was der Kabarettist Müller sagt, nicht unterschätzen: Es ist gut überlegt und logisch zugespitzt, und es geht nur allzu leicht in der sympathischen Kalberei des großen Ganzen unter.
Die mitreißenden Lieder, die Bierzelt- und Partystimmung erzeugen, runden die Sache sehr gelungen ab. Die Kommunikation mit dem Publikum ist lebendig, sie ist ehrlich und sympathisch. Echt ist sie nicht nur, weil Müller die Sprache der Leute spricht. Er liebt das, was er tut, ganz offensichtlich. Und er mag sein Publikum. Dieses wiederum liebt ihn. Die lange Liste der Zugaben bezeugt die innige Verbundenheit.

Stimmung unbeschreiblich gut

Nein, bereuen muss wirklich niemand die Entscheidung, an einem so weltbewegenden Fußball-Abend nach Stangenroth gekommen zu sein. Die Stimmung in der Halle ist unbeschreiblich gut. Die Leute haben Spaß, der Mann auf der Bühne (den ab und an selber das Lachen überkommt) hat Spaß, alle sind in gelöster Stimmung, es ist ein wenig Fete und ein wenig Kabarett, und es herrscht eine nahezu sagenhafte mit den Händen greifbare Harmonie. Den Sieg erringt an diesem Abend in knapp vierstündigem, scheinbar mühelosem Solospiel mit Gesang- und Tanzeinlagen Michl Müller. Nicht nur sportlich eine beeindruckende Leistung.