Die Region steht unter Schock. Faschingsfeiern werden abgesagt, der Politische Aschermittwoch fällt aus.
"Eigentlich unvorstellbar": Fahrdienstleiter spielte auf seinem Handy
"Es war eigentlich unvorstellbar, dass in einem hochmodernen Land wie Deutschland einfach zwei Züge ineinander knallen", schildert Höfler. "Das schien angesichts der Sicherheitstechnik praktisch unmöglich."
Später wird klar: Es war nicht die Technik. Ein Fahrdienstleiter hatte die Strecke freigegeben, obwohl der Gegenzug sie noch nicht passiert hatte. Er war abgelenkt – er spielte auf seinem Handy. Er bemerkt den Irrtum, drückt dann aber den falschen Alarmknopf. Wegen fahrlässiger Tötung wird er später zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Mehrfach war menschliches Versagen Auslöser eines Zugunglücks. Bei Aichach 2018 und Ebenhausen 2022 spielten Fehler von Menschen eine Rolle, ebenso in Hordorf in Sachsen-Anhalt, wo 2011 zehn Menschen starben. Nach dem Unglück von Garmisch-Partenkirchen mit fünf Toten 2022 wurden zwei Bahnmitarbeiter freigesprochen, doch die Anklage hat Revision eingelegt.
Die Lehren aus dem Zugunglück von Bad Aibling
Um Fehlverhalten wie in Bad Aibling vorzubeugen, würden Aus- und Fortbildungen stetig weiterentwickelt, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Es gebe engmaschige Kontrollen und Simulationstrainings für Fahrdienstleiter. "In den Schulungen sensibilisieren wir auch gezielt hinsichtlich der Risiken durch Ablenkung." Zudem seien Verfahren für Notrufe angepasst worden, um Handlungsabfolgen zu vereinfachen und Verwechslungen auszuschließen. Und: Der Gebrauch privater Handys im Dienst ist verboten.
Die Ursache des Unglücks beschäftigt die Retter in den ersten Stunden nicht. Sie arbeiten im Akkord. Mannschaftswagen der Feuerwehren bringen leichter Verletzte vom Unfallort weg. Immer wieder starten Helikopter, um Schwerverletzte zu holen.
In der völlig zerstörten Führerkabine findet Höfler den schwerst verletzten Lokführer. "Sein Funktelefon baumelte im Wind." Auch das Bild wird Höfler nicht vergessen. Der Lokführer überlebt nicht.
Lokführer überlebt Unglück nicht - Nachwirkungen bei den Helfern
Ein 17-Jähriger wird erst nach etwa drei Stunden geborgen. Er ist so eingepfercht in den Trümmern, dass Höfler ihn nicht gleich sieht. Bis ihm ein Notarzt wenigstens den Zugang für Schmerzmittel legen kann, vergeht fast eine Stunde. Eine Bundespolizistin bleibt die ganze Zeit bei ihm, hält seine Hand. Mühsam kämpft er sich danach ins Leben zurück. Operationen, Therapie: "Ich kann jede zweite Nacht nicht schlafen", sagt er Monate später dem Münchner Merkur.
Höfler hatte schon 1975 beim Unglück im nahegelegenen Warngau mit mehr als 40 Toten geholfen. Seit Bad Aibling hat der heute 72-Jährige rund 150 Vorträge im In- und Ausland gehalten, wie sich Rettungskräfte auf solche Unglücke vorbereiten können. Eine Lehre: Jeder noch so kleine Einsatz müsse professionell abgewickelt werden. Professionalität sei eine der entscheidenden Säulen.
Die Einsatzkräfte wurden damals psychologisch betreut. Etliche litten laut Höfler später unter Schlafstörungen, ein Helfer musste stationär behandelt werden, ein anderer verließ die Feuerwehr. Höfler selbst verdrängt das Erlebte teils - und teils hilft ihm seine Rolle als Einsatzleiter: "Mein Vorteil war, dass ich mit hundert Pressevertretern zu tun hatte - und mir in vielen Interviews alles von der Seele reden konnte."
Zum Jahrestag ist ein Gottesdienst geplant, anschließend wird an der später eingerichteten Gedenkstätte unter anderem die Landtagspräsidentin und oberbayerische CSU-Chefin Ilse Aigner sprechen.