Kurze Krankschreibungen stehen politisch im Fokus, doch die Zahlen aus Bayern erzählen eine andere Geschichte: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen verursachen rund 40 Prozent aller Fehltage.
Der Krankenstand in Bayern bleibt auf hohem Niveau – doch nicht kurze Erkältungen oder Rückenschmerzen sind der Haupttreiber der Fehltage, sondern eine Diagnose, die lange unterschätzt wurde. Psychische Erkrankungen wie Depressionen verursachen laut BKK Landesverband Bayern und AOK Bayern inzwischen die längsten Ausfallzeiten und sind seit 2016 um knapp 50 Prozent gestiegen.
Gleichzeitig plant die schwarz-rote Koalition eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag – ein Vorhaben, das Hausärzte als "absolute Katastrophe" bezeichnen und das laut Krankenkassen-Daten am eigentlichen Problem vorbeigeht.
Kurze Krankschreibung? Diese Diagnose sorgt für die meisten Fehltage
Schnupfen, Halsweh, ein paar Tage flach – wer über den hohen Krankenstand in Bayern nachdenkt, hat meist genau dieses Bild vor Augen. Und genau dort möchte die Bundespolitik jetzt ansetzen: Die schwarz-rote Koalition aus CDU, CSU und SPD hat Anfang Juli 2026 im Rahmen eines Reformpakets beschlossen, die Attestpflicht auf den ersten Krankheitstag vorzuziehen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen.
Bislang ist eine ärztliche Bescheinigung gesetzlich erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben. Es handelt sich dabei noch um keinen rechtskräftigen Beschluss – Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, das Gesetzgebungsverfahren bis Ende 2026 abzuschließen. Merz betonte zudem, dass Beschäftigte nicht zwingend am ersten Krankheitstag eine Arztpraxis aufsuchen müssen. Die genaue Ausgestaltung des Gesetzes – etwa ob eine Rückdatierung möglich sein soll oder ob Videosprechstunden als Ersatz gelten – ist noch offen.
Die Ärzteschaft reagierte bereits mit scharfer Kritik: Der Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, nannte die Beschlüsse gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt eine "absolute Katastrophe" und warnte vor einer kompletten Überlastung der Praxen. Experten warnen zudem vor einem paradoxen Effekt der geplanten Attestpflicht: Wer ohnehin zum Arzt gehen muss, lässt sich womöglich gleich für mehrere Tage krankschreiben – damit würde aus einem kurzen Ausfall ein längerer. Doch die Daten der Krankenkassen zeigen: Kurze Ausfälle sind gar nicht das eigentliche Problem.
Bayerische Erwerbstätige waren 2025 an 19,2 Kalendertagen krank
Laut dem Betriebskrankenkassen-Dachverband für Bayern (BKK Landesverband Bayern) meldeten sich BKK-versicherte Erwerbstätige im Freistaat 2025 durchschnittlich an 19,2 Kalendertagen arbeitsunfähig – rund drei Tage weniger als im Bundesschnitt von 22,1 Tagen. Bayern reiht sich damit hinter Baden-Württemberg traditionell auf einem der vorderen Plätze beim niedrigen Krankenstand ein.
Verantwortlich sind dabei keineswegs die kurzen Erkältungsausfälle – sondern lang andauernde Erkrankungen, die den Krankenstand strukturell in die Höhe treiben. Kurze Krankschreibungen von bis zu einer Woche machen zwar rund 70 Prozent aller Krankmeldungen aus, stehen aber nur für einen Bruchteil der gesamten Fehltage.