Markus Söder spricht derzeit gerne über die Vorteile der Atomkraft. Schon wenige Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine 24. Februar 2022 drang Bayern auf eine Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke. Seitdem wird Söder nicht müde zu betonen, dass "die Entscheidung der Ampel zur Abschaltung der drei noch laufenden Kernkraftwerke [...] falsch [ist]." Stattdessen bräuchten wir in Deutschland "rasch eine Laufzeitverlängerung", wie Söder auf Twitter betonte.

Nun ist es sicherlich legitim und wichtig, angesichts der drohenden Energiekrise auch über die Kernkraft zu diskutieren. Doch die Vehemenz, mit der Markus Söder, Friedrich Merz und andere Poltiker*innen für die Kernkraft kämpfen, könnte zumindest stutzig machen: Denn so einfach, wie Söder und Co. tun, ist es mit der Laufzeitverlängerung der verbliebenen AKW in Deutschland nicht.  

Massive Abhängigkeiten: Wo kommt eigentlich das Uran her?

Neben Sicherheitsfragen und der technischen wie rechtlichen Umsetzung geht es beispielsweise auch um die Frage: Wo kommt der nukleare Brennstoff eigentlich her? Und wann bekommen wir den überhaupt? Diese Frage hatte sich beispielsweise die FAZ schon Anfang März 2022 gestellt, als die Forderung nach einer Laufzeitverlängerung das erste Mal aufkam.  Die Antwort damals: „Nach einer ersten Abschätzung gehen wir davon aus, dass frische Brennelemente in gut 1,5 Jahren zur Verfügung stehen könnten“. Dies sagte übrigens kein Atomkraftgegner, sondern die Sprecherin von PreussenElektra, einer Eon-Tochterfirma, welche eins der verbliebenen Kernkraftwerke in Deutschland betreibt.

Um Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 über Ende 2022 weiterzubetreiben, bräuchte es also zunächst neue Brennelemente. Vor allem dann, wenn es nicht allein um eine kurzfristigen Weiterbetrieb im Winter 22/23 geht, sondern, wie von Söder gefordert, um eine Laufzeitverlängerung um mehrere Jahre

Beim Erdgas geht es für Deutschland darum, von Russland unabhängiger zu werden. Schließlich stammten im Jahr 2021 knapp 55 Prozent des Erdgases in Deutschland aus Russland. Weltweit ist Russland für knapp 18 Prozent der Erdgasproduktion verantwortlich. Doch die Lage beim Kernbrennstoff Uran ist nicht besser, im Gegenteil: Für mehr als 50 Prozent der weltweiten Uranproduktion sind Russland und sein Verbündeter Kasachstan verantwortlich. 

Rosatom: Gigant der Atomindustrie von Putins Gnaden 

Noch schlimmer wird es, wenn man die Bedeutung des im Jahr 2007 von Wladimir Putin gegründeten Kernkraft-Unternehmens Rosatom miteinbezieht. Dem gehören nämlich nicht nur russische und kasachische Uranminen, sondern auch mehrere Minen in den USA, Kanada, Mosambik und Tansania. Nur wenige Länder auf der Welt produzieren überhaupt Uran. Nennenswerte Mengen gab es 2021 nur in 15 Ländern - und bei fast allen hat Russland direkt oder über Rosatom seine Finger im Spiel. 

In Europa stammen etwa 40 Prozent des verwendeten Urans direkt aus Russland oder Kasachstan. Auch die noch laufenden deutschen Atomkraftwerke werden nach Aussagen von PreussenElektra hauptsächlich mit Uran aus Russland und Kasachstan betrieben. Das gilt auch für den bayerischen Atommeiler Isar 2. Zwar machte der Import von "radioaktiven Elementen und radioaktiven Isotopen" aus Russland nach Bayern 2021 nur einen Bruchteil der Importe von Erdöl und Erdgas aus - dennoch waren Uran und Co. der fünftgrößte Einzelposten in der Importstatistik des Freistaates aus Russland. 

Das allein mag kein Grund sein, die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke kategorisch auszuschließen. Andererseits ist es aber verwunderlich, dass die Herkunft der Brennelemente bei der Diskussion um die Atomkraft in Deutschland kaum eine Rolle spielt.