«Die russischen Streitkräfte werden uns in diesem Raum voraussichtlich quantitativ überlegen sein», sagt Freuding zur Lage im Baltikum. Seine eigene Truppe soll beim Aufbau schnell vorankommen. Die Schwachpunkte sind bekannt.
Für Bündnisverteidigung müssen Hausaufgaben gemacht werden
Freuding nennt die Abwehr von Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum, den elektromagnetischen Kampf mit Störsignalen sowie den Einsatz von Drohnen und unbemannten Systemen. Dazu kommt eine digitale Kommunikation mit KI-Unterstützung, um die Truppe zu führen. Nötig sei es auch, Waffen und Material schon im Baltikum bereitzuhalten («logistische Vorstationierung») und mehr für die Durchhaltefähigkeit einer Bündnisverteidigung zu tun.
Als ganz wichtig gilt das sogenannte indirekte Wirken mit weitreichendem Feuer. Das Heer will mit preiswerteren Marschflugkörpern bis auf 1.500 Kilometer in feindliches Gebiet hinein den Aufmarsch und Nachschub des Gegners angreifen können. Es gilt als wahrscheinlich, dass dafür sowohl in der Ukraine als auch aus Produktion in Deutschland bestellt wird.
Freuding spricht auf Fragen aber nur von einer vertieften Marktsichtung. Ein wesentliches Auswahlkriterium werde sein, dass Waffensysteme schnell im Heer eingeführt werden können. Ein erfolgreicher Einsatz in der Ukraine («combat-proven») könne ein weiterer Faktor sein.
Schützengräben und Bunker an der Grenze zu Russland
Entlang der Ostflanke bauen Estland, Lettland und Litauen die militärische Infrastruktur («Baltic Defense Line») schon kräftig aus. Zu der Verteidigungslinie gehören militärische Sperren, Kommunikationslinien und die Stationierung von Drohnensystemen für Angriff, Abwehr und Aufklärung.
Ein möglicher Brennpunkt, in dem Russland eine Auseinandersetzung beginnen könnte, ist die estnische Grenzstadt Narva. Von den rund 52.000 Einwohnern sind etwa 87 Prozent russischstämmig, ohne dass es deswegen in dieser nordöstlichen Ecke des Baltikums bisher aber zu Spannungen gekommen wäre.
Aus Lautsprechern dröhnt Musik von Rammstein
Auch unmittelbar an der Grenze zu Russland werden Gräben ausgehoben und neue Bunkeranlagen eingerichtet. Die Generale aus Deutschland und den Niederlanden bekommen dazu und zu den Vorbereitungen einen umfangreichen Lagebericht.
Es geht um «Tiefe», also wie Aufmarschgebiete und Depots eines Gegners getroffen werden können. Es geht um «Nähe», also wie der Kampf im direkten Feindkontakt geführt wird und wie es um die eigenen Nachschubwege oder auch die Kommunikation dabei steht.
Auch die Geländebeschaffenheit und die jahreszeitliche Witterung werden berücksichtigt und wie sie Angriff oder Verteidigung begünstigen könnten. Die Details müssen in jedem Fall geheim bleiben. Aus Lautsprechern spielen die estnischen Streitkräfte laut Musik der deutschen Band Rammstein ab. Die blecherne Geräuschkulisse soll auch einen Lauschangriff der Russen verhindern, deren Grenzposten wohl nur wenig mehr als 100 Meter entfernt ist.