• Könnten die Flüchtlinge aus der Ukraine einen Gewinn für den deutschen Arbeitsmarkt sein?
  • Zum ersten Mal wird die "Massenzustromrichtlinie" in der EU angewandt. Was bedeutet das konkret für die Arbeitsmarktchancen der Kriegsflüchtlinge?
  • Was sind Bedingungen für eine gelingende Arbeitsmarktintegration der Kriegsflüchtlinge?
  • In welchen Bereichen haben die jungen Frauen in der Ukraine gearbeitet?
  • Gibt es Chancen, einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz in Deutschland zu bekommen?
  • Wer ist Yuliya Kosyakova?

inFranken.de sprach mit der gebürtigen Ukrainerin, Dr. Yuliya Kosyakova, die als Wissenschaftlerin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg forscht, über den Arbeitsmarkt für ukrainische Kriegsflüchtlinge. 

inFranken.de: Könnten die Flüchtlinge aus der Ukraine ein Gewinn für den deutschen Arbeitsmarkt sein?

Yuliya Kosyakova: "Wir reden zunächst einmal über die humanitäre Aufnahme der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. Das ist der Ausgangspunkt: Es geht zunächst um 'Ankommen', Sicherheit und Unterkünfte – das sind die vorrangigen Bedürfnisse der Flüchtlinge, die wir erfüllen müssen. Ist das geklärt, ist die Integration von Ukrainer*innen in den Arbeitsmarkt und deren soziale Teilhabe zu begrüßen, insbesondere wenn sie beabsichtigen, auf längere Zeit in Deutschland zu bleiben und Interesse haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Und in jedem Fall wäre es ein Gewinn für den deutschen Arbeitsmarkt, wenn das Interesse sich in Arbeitsverhältnisse umsetzen lässt."

Warum wäre das positiv zu bewerten?

"Grundsätzlich weisen erwachsene Geflüchtete aus der Ukraine günstige Voraussetzungen für die Arbeitsmarktintegration auf: Wir reden über Menschen, die eine sehr gute Bildung in ihrer Heimat durchlaufen haben. In der Ukraine haben fast alle eine umfassende Grundbildung absolviert. Der Anteil der Personen, die eine Hochschule, Fachschule, Berufsakademie oder eine Berufsbildung durchlaufen haben, ist in der Ukraine höher als in Deutschland. Dies gilt insbesondere für Frauen, die ja den Hauptanteil der Kriegsflüchtlinge stellen."

Sie sind in der Ukraine geboren ...

"Ja, das stimmt und ich bin schon vor zwanzig Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen. Ohne die deutsche Sprache zu können und habe dann selber einen Integrationsprozess durchlebt. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass ich mich als Wissenschaftlerin heute mit Migration beschäftige. Nach dem Kriegsanfang in der Ukraine ist meine Schwester Anfang März zusammen mit ihrem Sohn aus Kharkiv geflohen. Beide leben nun bei mir in Nürnberg. Ich erlebe jetzt, was es heißt, Kriegsflüchtling zu sein."

Zum ersten Mal wird die "Massenzustromrichtlinie" in der EU angewandt. Was bedeutet das konkret für die Arbeitsmarktchancen der Kriegsflüchtlinge?

"Das ist sicherlich eine Lehre aus der großen Flüchtlingsbewegung von 2015. Sie eröffnet den sofortigen Einstieg in den Arbeitsmarkt, jenseits von Asyl. Die Erfahrung zeigt: Die oft langwierigen Verfahren und der damit verbundene, unsichere rechtliche Status belastet die Menschen sehr und beeinflussen die Arbeitsmarktintegration negativ. Diese lähmende Situation bleibt den ukrainischen Kriegsflüchtlingen zumindest erspart. Allerdings bekommen die Kriegsflüchtlinge zunächst diesen sicheren Status für ein Jahr - so ist die Situation bei meiner Schwester. Die jüngsten Pläne der Regierung, diese kurze Bleibeperspektive nun auf zwei Jahre zu erweitern, sind sehr zu begrüßen."

Was sind Bedingungen für eine gelingende Arbeitsmarktintegration der Kriegsflüchtlinge?

"Die Sprache zu erlernen, ist der erste Schritt, um eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration zu schaffen. Ohne Sprachkenntnisse können Geflohene zumeist nur auf niedrigstem Niveau einsteigen. Erfahrungen mit den Ukrainern, die schon früher nach Deutschland gekommen sind, zeigen, dass sie dieses Defizit schnell ausgleichen können."

Sprachkurse sind also jetzt ganz wichtig ...

"Ja, Integrationssprachkurse von der Arbeitsagentur oder von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen sind jetzt angesagt. Jetzt ist aber eins anders als 2015: Es sind viele Frauen mit Kindern gekommen, nur wenige Männer. Unter den 320.000 Kriegsflüchtlingen in Deutschland sind viele Kinder. Zentral sind also Kita-Angebote und die Einbeziehung in das Schulsystem. An beiden Punkten gibt es Fortschritte. Wichtig ist auch die Lage am Arbeitsmarkt."

Aber die ist doch gut?

"Das stimmt schon, sie ist aber regional unterschiedlich. Die regionale Verteilung der Kriegsflüchtlinge berücksichtigt den Aspekt der Arbeitsmarktchancen aber kaum. Das hat negative Auswirkungen auf eine potenzielle Arbeitsmarktintegration. Das IAB hat gerade jetzt einen Vorschlag veröffentlicht, wie man die Lage des Arbeitsmarktes bei der Verteilung berücksichtigen kann."

In welchen Bereichen haben die jungen Frauen in der Ukraine gearbeitet?

"Es sind die typischen Wirtschaftszweige: Bildung und Gesundheit. In diesen Sektoren haben die Frauen auch ihre Bildungsabschlüsse gemacht. Insoweit haben wir in beiden Ländern die typischen Frauen- und Männerberufe. Das ist aber durchaus eine Chance, weil das in Deutschland die Bereiche sind, in denen Fachkräfte rar sind. Aber es sind meistens reglementierte Berufe, in denen man Abschlüsse braucht. Die Ukrainerinnen müssen sich also ihre Zertifikate erst einmal anerkennen lassen. Und so etwas dauert in Deutschland."

Wie steht es um die Frauenerwerbstätigkeit in der Ukraine?

"Wenn die Geflüchteten 'angekommen' sind, geht es schnell auch um die Frage: Wo kann ich arbeiten? Dazu muss man wissen, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen in der Ukraine hoch ist, nur etwas weniger als in Deutschland. Wobei in Deutschland Teilzeitbeschäftigung dreimal höher ausgeprägt ist."

Gibt es Chancen, einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz in Deutschland zu bekommen?

"Das ist für Migranten generell schwierig. Viele bekommen ihre erste Arbeitsmarktchance in ausbildungsinadäquaten Jobs. Bei den Ukrainern, die in Deutschland schon länger leben, ist das ungefähr ein Drittel. Die Gründe sind immer die gleichen: keine Anerkennung des erlernten Berufs oder ein schneller Einstieg war den Betroffenen wichtiger als lange Sucharbeitslosigkeit. Aber: je länger jemand hier ist, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit im erlernten Beruf tätig zu sein. Aber nicht alle schaffen den Umstieg."

Wer ist der bessere Ansprechpartner für die Kriegsflüchtlinge: Sozialämter oder Arbeitsagenturen?

"Die Flüchtlinge bekommen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Die Sozialämter sind damit die ersten Ansprechpartner. Beim Punkt Arbeitsmarkt, Sprach- und, Integrationskurse sind sie aber überfordert, das ist ja auch nicht ihre Kompetenz und ihr Erfahrungswissen. Deshalb brauchen wir unbedingt den systematischen 'Link' zu den Arbeitsagenturen. Information und Beratung, das ist ein 'Schatz', das ermöglicht Geflüchteten sehr viel."

Kriegsflüchtlinge sind in Bayern vor allem in den Großstädten zu finden. Gibt es hier die besseren Beschäftigungschancen?

"Die Großstädte in Bayern sind klar die Hotspots, aber auch deshalb, weil hier größere ukrainische Communities sind. Relativ zu der Bevölkerungsgröße hat Nürnberg eine der Größten in Deutschland. Aber alle Großstädte in Bayern haben Wohnungsprobleme, das verkompliziert die Hilfe. Gleichzeitig ist die Arbeitsmarktlage in diesen Städten sicherlich gut."

Ist der deutsche Arbeitsmarkt für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gerüstet?

"Integration ist immer ein wechselseitiger Prozess, die Voraussetzungen für die geflüchteten Ukrainer sind aber nicht schlecht. Wir müssen ihnen Chancen eröffnen: die Sprache zu lernen, schnelle Anerkennungsverfahren für Berufs- und Bildungsabschlüsse, Nachqualifizierungen – dann kann das gelingen. Deutschland ist ein Migrationsland, das ist schon seit länger Zeit so und wir haben aus 2015 gelernt. Es gibt viele Chancen für Deutschland und für meine Landsleute, die Ukrainerinnen."

Lesetipp: Ukrainische Flüchtlinge zuhause aufnehmen: So geht es und was du noch wissen musst

Wer ist Yuliya Kosyakova?

Yuliya Kosyakova ist seit April 2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das IAB ist eine besondere Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg und ist zentrale Einrichtung der wissenschaftlichen Politikberatung in Arbeitsmarktfragen. Kosyakova studierte Ökonomie an der Universität Bamberg und schloss ihr Promotion in Soziologie am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz ab. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Migrations- und Integrationsforschung, Geschlechter-soziale Ungleichheiten und internationale Vergleiche. Kosyakova wurde in der Ukraine geboren und kam 2002 nach Deutschland. Nach dem Kriegsanfang in der Ukraine ist ihre Schwester Anfang März zusammen mit ihrem Sohn aus Kharkiv geflohen und lebt nun bei ihr in Nürnberg.