"Unerträgliche" Diskussion: Maybrit Illner wird der eigene Talk zu "anstrengend"

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"Maybrit Illner"
Maybrit Illner (Mitte) tat sich schwer, ihre Gäste im Zaum zu halten.
ZDF/Jule Roehr
"Maybrit Illner"
"Was die CDU Lifestyle genannt hat, ist eine absolute Unverschämtheit für die Lebensrealität von Frauen", empörte sich Katharina Dröge.
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"Maybrit Illner"
Robin Alexander mahnte: "Irgendwann müssen wir irgendetwas machen."
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"Maybrit Illner"
"Typisch Grüne", schimpfte Thorsten Frei.
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"Maybrit Illner"
Robin Alexander warf den Grünen "bewusstes Missverstehen" vor.
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Weg mit einem Feiertag, der telefonischen Krankschreibung und dem Acht-Stunden-Tag - die Ideen, um die marode Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, klingen beinah bizarr. Kann mehr Arbeit unseren Wohlstand retten? Darüber war man sich bei "Maybrit Illner" am Donnerstag uneinig.

"Ich hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend ist", seufzte Maybrit Illner, als die Debatte an diesem Donnerstag mal wieder aus dem Ruder lief, und sie die Diskussion mehr schlecht als recht wieder in geordnete Bahnen zu lenken versuchte. Die ZDF-Moderatorin konnte einem fast schon leid tun. Denn in der Sendung zum Thema "Mehr schuften - Wohlstand retten?" war die Stimmung mehr als aufgeheizt.

Immer wieder verstrickten sich die Gäste - CDU-Kanzleramtsminister Thorsten Frei, Katharina Dröge von den Grünen, Yasmin Fahimi (Vorsitzende Deutscher Gewerkschaftsbund DGB), der Ökonom Michael Hüther und Journalist Robin Alexander - in hitzige Wortgefechte. Stein des Anstoßes war die Idee der Union, für eine Wirtschaftswende das Teilzeitrecht einzuschränken.

Teilzeit hätte zu mehr Beschäftigung von Frauen geführt und sei deshalb eine absolute Erfolgsgeschichte, betonte etwa Katharina Dröge. "Was die CDU Lifestyle genannt hat, ist eine absolute Unverschämtheit für die Lebensrealität von Frauen", empörte sie sich in der Sendung erneut über das ursprüngliche Wording seitens der Union. "Wie abgehoben muss man sein, so eine Debatte zu führen?"

Dass der "herablassende Begriff" gestrichen und der Teilzeitanspruch von Erziehern, Menschen in Weiterbildung und Pflegende weiterhin per Gesetz geregelt bleiben sollte, ignorierte die Grünen-Politikerin. Es sei ein "bewusstes Missverstehen", warf Robin Alexander ihr und ihrer Partei vor, damit eine notwendige Debatte "kaputt zu machen".

Während es ihm als Journalisten um die Fakten ginge, sprang CDU-Kanzleramtsminister Thorsten Frei ein, um die Sache zu verteidigen: "Das ist Ihre Interpretation. Das ist falsch", widersprach er - eine Behauptung, die er der nächsten Stunde mehrfach tätigen würde. "Typisch Grüne", konnte und wollte er es nicht anders formulieren, "typisch für Ihre Politik, dass Sie den anderen sagen, wie sie ihr Leben führen möchten".

"Verdrehen Sie es nicht", wollte Dröge das so nicht auf sich sitzen lassen. Es sei vielmehr die Union, die diese Freiheiten einschränken wollte. Im Umfeld der Union komme seit Jahren immer der Vorwurf, Beschäftigte seien nicht leistungsbereit genug, ergänzte Gewerkschafterin Yasmin Fahimi: "Das ist schäbig und respektlos", kritisierte sie die "fehlgeleitete" Debatte um die Teilzeitarbeit, die die Schuld bei den Beschäftigen ablege.

"Ne, das tun wir nicht", hielt Frei dagegen. Generell wolle seine Partei niemanden zur Arbeit verpflichten oder drängen. Vielmehr ginge es darum, dass sich die Arbeit für die Menschen lohne. "Wir sollten Rahmenbedingen so setzen, dass niemand aufgrund seiner Verhältnisse auf Vollzeit verzichten muss", betonte er.

Ökonom Hüther warnt vor demografischem Wandel

2,5 Millionen Menschen würden laut Fahimi eine Vollzeitstelle suchen und nur Teilzeitpositionen angeboten bekommen. "Was müsste passieren?", fragte Maybrit Illner und hoffte, endlich mit den "schlauen Menschen" an diesem Tisch zu einer konstruktiven Debatte zu kommen.

Das liege nicht an den Angeboten seitens der Arbeitgeber, widerlegte Michael Hüther, Ökonom und Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die These der DGB-Vorsitzenden. Die Hemmnisse seien vielmehr fehlende Betreuung für Kinder oder Pflegefälle. "All das ist zu diskutieren", betonte er und warnte, sich "durch dumme Kommunikation die Chance, gemeinsam zu gestalten", zu nehmen. Das wahre Problem liege ohnehin im demografischen Wandel. "Wenn 3,1 Millionen Menschen mit Arbeitsleistung fehlen, müssen wir auch darüber reden, das Jahresarbeitsvolumen zu erhöhen", sprach er davon, dass in der Schweiz Vollzeitbeschäftigte um 249 Stunden mehr tätig seien als hierzulande.

Die Schweizer arbeiteten in einer durchschnittlichen Vollzeitstelle 40,1 Stunden pro Woche, die Deutschen 40,2 Stunden, rechnete Fahimi vor und meinte mit Blick auf Frei: "Die Schweizer haben auch einen Mindestlohn von 25 Euro (...), die Schweiz ist kapital- und wissensintensiver aufgestellt als wir." Sie forderte, über wirklich relevante Punkte zu sprechen. "Welche Stilblüten wir diskutieren müssen, ist unerträglich", klagte sie.

Fahimi wettert gegen 48-Stunden-Woche: "So arbeiten, wie der Chef bestimmt"

Daraus, dass Fahimi dazu auch die im Koalitionsvertrag angedachte Abschaffung des aktuellen Arbeitszeitgesetzes zählt, machte sie bei Maybrit Illner keinen Hehl. Statt dem Acht-Stunden-Tag soll es im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie eine 48-Stunden-Woche geben.

"Dreiviertel der Beschäftigten lehnen eine 48-Stunden-Woche ab", erklärte Fahimi. Überhaupt gebe es diese Möglichkeit bereits heute. "Es geht nicht um Flexibilität und Vereinbarkeit, sondern darum, die Höchstarbeitszeit abzuschaffen", konnte sie mit der Argumentation der Union nichts anfangen. "Fällt das Arbeitszeitgesetz, dann läuft es darauf hinaus: So arbeiten, wie der Chef bestimmt, heute acht oder morgen 13 - das heißt nicht mehr Vereinbarkeit, sondern weniger."

Dass Frei dagegen hielt, war wenig überraschend. Doch auch Hüther gab dem CDU-Politiker Rückendeckung: Durch die 48-Stunde-Woche sei alles einfacher organisierbar, verstand er den harschen Konter nicht. Anders Dröge, die sich auf die Seite der Gewerkschafterin stellte: "Dass es tägliche Grenzen gibt, ist ein Schutzgrund für Beschäftige", sagte sie und betonte, dass dies für "Sicherheit und Planbarkeit" sorge.

Robin Alexander: "Irgendwann müssen wir irgendetwas machen"

Die darauffolgende Diskussion konnte Maybrit Illner nur lösen, indem sie das Schlusswort an Robin Alexander übergab. Was gerade passiere, sei das "Schlechteste aus beiden Welten", unkte er. Jeder wüsste, Reformen seien notwendig, aber die relevanten Leute - so auch Kanzleramtsminister Frei - hielten sich angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen mit konkreten Aussagen zurück. Deshalb gebe es keine Debatte in der Substanz, sondern es werde bloß über Zähne und Teilzeit gesprochen, sodass Menschen "Angst vor der Zumutung" hätten. Dennoch zeigte er sich zuversichtlich, dass Union und SPD sehr wohl zu einem Konsens kommen könnten - das Problem seien die Sozialpartner.

Hier befürchtete er, dass "Frau Fahimi den Dialog ähnlich konstruktiv gestaltet wie diese Sendung". Wenn man immer nur sage, das geht nicht, seien keine Reformen möglich. Das sei die eigentliche Herausforderung, denn: "Irgendwann müssen wir irgendetwas machen."

Quelle: teleschau – der mediendienst