Ökonom Hüther warnt vor demografischem Wandel
2,5 Millionen Menschen würden laut Fahimi eine Vollzeitstelle suchen und nur Teilzeitpositionen angeboten bekommen. "Was müsste passieren?", fragte Maybrit Illner und hoffte, endlich mit den "schlauen Menschen" an diesem Tisch zu einer konstruktiven Debatte zu kommen.
Das liege nicht an den Angeboten seitens der Arbeitgeber, widerlegte Michael Hüther, Ökonom und Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, die These der DGB-Vorsitzenden. Die Hemmnisse seien vielmehr fehlende Betreuung für Kinder oder Pflegefälle. "All das ist zu diskutieren", betonte er und warnte, sich "durch dumme Kommunikation die Chance, gemeinsam zu gestalten", zu nehmen. Das wahre Problem liege ohnehin im demografischen Wandel. "Wenn 3,1 Millionen Menschen mit Arbeitsleistung fehlen, müssen wir auch darüber reden, das Jahresarbeitsvolumen zu erhöhen", sprach er davon, dass in der Schweiz Vollzeitbeschäftigte um 249 Stunden mehr tätig seien als hierzulande.
Die Schweizer arbeiteten in einer durchschnittlichen Vollzeitstelle 40,1 Stunden pro Woche, die Deutschen 40,2 Stunden, rechnete Fahimi vor und meinte mit Blick auf Frei: "Die Schweizer haben auch einen Mindestlohn von 25 Euro (...), die Schweiz ist kapital- und wissensintensiver aufgestellt als wir." Sie forderte, über wirklich relevante Punkte zu sprechen. "Welche Stilblüten wir diskutieren müssen, ist unerträglich", klagte sie.
Fahimi wettert gegen 48-Stunden-Woche: "So arbeiten, wie der Chef bestimmt"
Daraus, dass Fahimi dazu auch die im Koalitionsvertrag angedachte Abschaffung des aktuellen Arbeitszeitgesetzes zählt, machte sie bei Maybrit Illner keinen Hehl. Statt dem Acht-Stunden-Tag soll es im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie eine 48-Stunden-Woche geben.
"Dreiviertel der Beschäftigten lehnen eine 48-Stunden-Woche ab", erklärte Fahimi. Überhaupt gebe es diese Möglichkeit bereits heute. "Es geht nicht um Flexibilität und Vereinbarkeit, sondern darum, die Höchstarbeitszeit abzuschaffen", konnte sie mit der Argumentation der Union nichts anfangen. "Fällt das Arbeitszeitgesetz, dann läuft es darauf hinaus: So arbeiten, wie der Chef bestimmt, heute acht oder morgen 13 - das heißt nicht mehr Vereinbarkeit, sondern weniger."
Dass Frei dagegen hielt, war wenig überraschend. Doch auch Hüther gab dem CDU-Politiker Rückendeckung: Durch die 48-Stunde-Woche sei alles einfacher organisierbar, verstand er den harschen Konter nicht. Anders Dröge, die sich auf die Seite der Gewerkschafterin stellte: "Dass es tägliche Grenzen gibt, ist ein Schutzgrund für Beschäftige", sagte sie und betonte, dass dies für "Sicherheit und Planbarkeit" sorge.
Robin Alexander: "Irgendwann müssen wir irgendetwas machen"
Die darauffolgende Diskussion konnte Maybrit Illner nur lösen, indem sie das Schlusswort an Robin Alexander übergab. Was gerade passiere, sei das "Schlechteste aus beiden Welten", unkte er. Jeder wüsste, Reformen seien notwendig, aber die relevanten Leute - so auch Kanzleramtsminister Frei - hielten sich angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen mit konkreten Aussagen zurück. Deshalb gebe es keine Debatte in der Substanz, sondern es werde bloß über Zähne und Teilzeit gesprochen, sodass Menschen "Angst vor der Zumutung" hätten. Dennoch zeigte er sich zuversichtlich, dass Union und SPD sehr wohl zu einem Konsens kommen könnten - das Problem seien die Sozialpartner.
Hier befürchtete er, dass "Frau Fahimi den Dialog ähnlich konstruktiv gestaltet wie diese Sendung". Wenn man immer nur sage, das geht nicht, seien keine Reformen möglich. Das sei die eigentliche Herausforderung, denn: "Irgendwann müssen wir irgendetwas machen."
Quelle: teleschau – der mediendienst