«Die Fakten zeigen uns, dass die zugrunde liegenden Kräfte, die die Wälder der Welt zerstören – verzerrte wirtschaftliche Anreize, schwaches Regierungshandeln und unzureichender Schutz für indigene Völker und lokale Gemeinschaften – nach wie vor allgegenwärtig sind», betont Co-Autor Ivan Palmegiani. «Letztendlich ist die Krise, die wir in unseren Wäldern beobachten, in Wirklichkeit die Folge einer umfassenderen Krise der Wirtschafts- und Regierungssysteme, die deren Zerstörung ermöglichen und sogar fördern.»
Fortschritte können auch schnell wieder kippen
Dieser Zusammenhang ist auch ein Grund dafür, weshalb das Autorenteam zurückhaltend mit Prognosen ist. Bei den bisher erreichten Fortschritten sei keinesfalls klar, dass sie sich fortsetzten. Der Schutz der für das Weltklima so relevanten Wälder hänge von den Entscheidungen einiger weniger Regierungen ab – und deren Politik könne sich schnell ändern.
Besonders relevant dürfte dies mit Blick auf Brasilien sein. Der derzeit noch amtierende linke Lula muss am 25. Oktober in einer Stichwahl gegen seinen rechtsgerichteten Herausforderer Flávio Bolsonaro – Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro – antreten. In dessen Amtszeit weitete sich die jährlich in Brasilien abgeholzte Fläche deutlich aus, erst mit Lula kam die Kehrtwende.
Nach Daten des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (Inpe) war die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet zuletzt so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.
Brasilien mit Schlüsselrolle in kritischen Zeiten
Als Gastgeber der Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr hatte Lula mit einem sogenannten Tropenwaldfonds namens Tropical Forest Forever Facility (TFFF) für einen weiteren neuen Ansatz getrommelt, mit dem Waldschutz attraktiver werden soll: Länder, die ihre Wälder erhalten, sollen nach dem neuartigen Modell belohnt werden. Umgekehrt sollen sie für jeden zerstörten Hektar Wald Strafe zahlen. Überprüft werden soll dies mit Satellitenbildern. Deutschland sagte über einen Zeitraum von zehn Jahren insgesamt eine Milliarde Euro zu. Wie es im Fall eines Wahlsiegs von Bolsonaro mit dem Fonds weitergehen wird, ist fraglich.
Die Autoren des Waldberichts weisen zudem darauf hin, dass die Amtszeit des nächsten brasilianischen Präsidenten in einem kritischen Zeitfenster liegt. Die Welt könnte in den nächsten Jahren offiziell die 1,5-Grad-Marke reißen, bei der man die Erderwärmung eigentlich stoppen wollte.
Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, erklärte auf der Klimakonferenz am Rande des Amazonas im vergangenen Jahr, wenn man den Regenwald zu sehr belaste, könne er sich irreversibel in eine Savanne verwandeln. «Wenn wir 1,5 Grad überschreiten, was wir sehr wahrscheinlich in den nächsten 5 bis 10 Jahren tun werden, und wenn wir weiterhin Waldfläche verlieren, können wir nicht ausschließen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten diesen Kipppunkt erreichen», so der renommierte Klimaforscher. «Wir alle sind auf den Amazonas-Regenwald angewiesen, um ein stabiles Klima zu gewährleisten.»