"Ab dem 5. Juli 2000 wurde es ernst," sagt Barbara Stamm und fügt später hinzu: "Das war der Wendepunkt." Die Präsidentin des Bayerischen Landtags meint damit, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt jedem Abgeordneten eines klar sein musste: In einer Initiative aller Fraktionen - damals CSU, SPD und Grüne - wird der Landtag ein Gesetz verabschieden, das den Abgeordneten die Beschäftigung von Verwandten ersten Grades, also zum Beispiel von Ehepartnern und Kindern, verbietet. Diese Neufassung des Abgeordnetengesetzes trat am 1. Dezember 2000 in Kraft. Ausgenommen, auch das war klar, blieben so genannte Altfälle, also bereits bestehende Arbeitsverträge auf Staatskosten.

"Wer konnte was vorher wissen oder ahnen?" Die Antwort auf ihre eigene Frage ließ Barbara Stamm gestern offen. Genau das aber ist der Punkt: Das Verwandten-Verbot war schon zu Jahresbeginn ein Thema, gegen das allerdings CSU und SPD gemeinsam mit dem damaligen Landtagspräsidenten Johann Böhm (CSU) Front machten.

Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass Abgeordnete noch rasch Ehefrauen oder Kinder einstellten, um so, als Altfälle, das absehbare Verbot zu umgehen. Die verdächtigen Vorgänge aber sind kaum vergleichbar: Sie reichen von dem Hofer Alexander König, heute Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion, der die Beschäftigung seiner Frau beendet hatte und sie im August 2000 wieder aufleben ließ, über seinen Forchheimer Kollegen Eduard Nöth, der, nach Frau und Tochter, eine weitere Tocher noch im April 2000 einstellte, bis hin zum völlig indiskutablen Verhalten des Augsburger CSU-Abgeordneten Georg Winter.

Winter, der mittlerweile zurückgetreten ist als Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Landtags, aber Abgeordneter bleiben will, hatte noch im November 2000 seine beiden minderjährigen Söhne eingestellt, angeblich gegen ein Taschengeld. Nun hat er, wie Barbara Stamm gestern mitteilte, deren Entgelt zurückgezahlt: Insgesamt über 90.000 Euro.

Stamm verurteilte gestern nicht. Sie erlaubte sich aber den deutlichen Hinweis, dass sie, die seit 1976 ihre Würzburger Heimat für die CSU im Landtag vertritt, nie von solchen Regelungen Gebrauch gemacht hat, auch wenn sie lange rechtlich korrekt und unumstritten waren.

Der Präsidentin geht es nicht um Abrechnung oder Anklage. Sie verweist auf die verstrichene Zeit ("Die Frage ist, wie man heute damit umgehen würde"), und sie betont, dass sie sich nicht "als Vorgesetzte oder Aufsichtsperson der freien Abgeordneten" versteht. Dennoch hat sie sich, nach vielen persönlichen und oft unerfreulichen Gesprächen mit den Betroffenen, zur Veröffentlichung der Namen aller Abgeordneten entschieden, die im gesamten Jahr 2000 noch Verträge mit Verwandten ersten Grades schlossen.

Transparenz. Immer wieder gebraucht Barbara Stamm dieses Wort, und einmal sagt sie: "Ich wüsste nicht, was ich an Transparenz noch aufbringen soll."

Dieser Kurs hat ihr Kritik aus den eigenen Reihen eingetragen, aber Barbara Stamm, die gestern locker und durchaus selbstbewusst vor den Andrang der Presse trat, kontert trocken: "Ich habe bisher noch keine offizielle Beschwerde erhalten. Wenn das trotzdem so ist, dann soll man es mir bitte selber sagen."

Dennoch: Barbara Stamm leidet erkennbar unter der öffentlichen Diskussion, in der der Landtag unter anderem als Abzockerbude abgestempelt wird: "Ich bin die Präsidentin, und ich bedaure sehr, dass das Ansehen des Parlaments in den letzten Wochen so gelitten hat."

Das Ansehen des Parlaments. Dessen Aufwertung war ihr erklärtes Ziel, und nun kämpft sie gegen Verunglimpfung. Sie tut dies mit mit dem besten Mittel der parlamentarischen Demokratie: Offenheit, die Ärger nicht scheut.