Kronach
Aufarbeitung

Stolpersteine in Kronach: Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen

Am Mittwoch wurden erneut Stolpersteine in Kronach verlegt. Sie erinnern an ehemalige Kronacher Familien jüdischen Glaubens.
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Gunter Demnig verlegt einen Stolperstein in der Adolf-Kolping-Straße 8 für Julius Strauß.Heike Schülein
Gunter Demnig verlegt einen Stolperstein in der Adolf-Kolping-Straße 8 für Julius Strauß.Heike Schülein
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"Hier wohnte Ludwig Mosbacher Jg. 1874 deportiert 1942 Krasnystaw ermordet" und "Hier wohnte Luise Mosbacher geb. Kamm Jg. 1876 deportiert 1942 Krasnystaw ermordet": Während in der Bahnhofstraße 13 ein Auto nach dem anderen vorbeirollt, tragen die Elftklässlerinnen Alexandra und Anna die Vita des von den Nationalsozialisten ermordeten Ehepaars vor. Einige Male müssen die beiden unterbrechen, da ihre Worte im Straßenverkehr untergehen. Unbeeindruckt von alledem verlegt Gunter Demnig, auf dem Boden kniend, die beiden Stolpersteine.

Verwurzelt waren sie, hier in ihrer geliebten Heimat über Jahrhunderte hinweg, bis sie nach der Machtübernahme Opfer von Vertreibung und Mord wurden: Kronacher Familien jüdischen Glaubens, für die sich ab 1933 alles änderte. Über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nachdem die letzen jüdischen Einwohner Kronachs deportiert wurden, will der Aktionskreis Kronacher Synagoge für die Bevölkerung die Schicksale jener jüdischen Familien lebendig werden lassen: mit der Verlegung sogenannter Stolpersteine.

Bereits 2017 wurden 16 solcher Gedenktafeln in der Kreisstadt verlegt. Am Mittwochmorgen kamen neun weitere hinzu. Verlegt wurden sie wieder von Gunter Demnig, dem Erfinder der Stolperstein-Aktion. Seit 1996 bringt der gebürtige Berliner seine mit jeweils einer ein Millimeter dicken Messing-Schicht belegten Steine in den Gehweg vor dem letzten freiwilligen Wohnort von NS-Opfern ein - zunächst illegal, nunmehr mit behördlicher Genehmigung. Seit 2000 ist sein Terminkalender voll und der Bundesverdienstkreuzträger ständig auf der Durchreise.

Die in Handarbeit angefertigten Gedenktafeln stellen mittlerweile Mitarbeiter her. Mit seinem konzeptionellen Kunstwerk - größtes dezentrales Mahnmal der Welt - will er das Gedenken aufrechterhalten an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus. Die Vorsitzende des Aktionskreises Kronacher Synagoge, Odette Eisenträger-Sarter, zeigte sich überwältigt von der großen Anzahl an Teilnehmern. Sie dankte den Spendern der Steine, dem Bauhof und seinen Mitarbeitern sowie Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein mit dem Stadtrat für die Absegnung des Projekts. Einige Stadt- beziehungsweise Kreisräte nahmen an der Verlegung ebenso teil wie das Stadtoberhaupt selbst sowie Pastoralreferentin Birgitta Staufer-Neubauer für die katholische Kirche.

Größten Respekt zollte Eisenträger-Sarter den Elftklässlern des P-Seminars "Stolpersteine" am Kaspar-Zeuß-Gymnasium unter Leitung von Ulrike Konrad. Unter wissenschaftlicher Leitung von Christian Porzelt entsteht dabei - gefördert im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" - eine Broschüre mit kurzen Lebensläufen der jüdischen Mitbürger, denen die Stolpersteine gewidmet sind.

"Jeder Stein - ein Mensch", appellierte Beiergrößlein, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus aufrecht zu erhalten. Was mit all diesen Menschen gesehen sei, dürfe nicht in Vergessenheit geraten - gerade in unseren jetzigen, so unruhigen Zeiten. "Unsere Demokratie, die so mühevoll aufgebaut wurde, ist in Gefahr", mahnte er. Deshalb sei es wichtig, Zeichen zu setzen - so wie es die jungen Leute des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums in ihrem P-Seminar. Die Broschüre soll bis zum 9. November - dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938 - fertig sein und an dem Tag vorgestellt werden.

Die Biografien der an diesem Tage durch die Stolpersteine gewürdigten Opfer lasen sie bei der Verlegung vor. Die Route führte in die Bahnhofstraße 10 und 13, die Adolf-Kolping-Straße 8 und 11 sowie die Alte-Ludwigsstädter-Straße 5. Ein Film-Team der Schule nahm die Verlegungsaktion auf. Der Film wird bei der "Langen Nacht der Demokratie" am 15. September zwischen 18 Uhr und 24 Uhr in der Kühnlenzpassage gezeigt.


Stationen
Bahnhofstraße 10: Sophie Mosbacher und Josef Mosbacher Sophie Mosbacher wurde am 25. Juli 1875 in Bamberg als Tochter des Kaufmanns Abraham Koburger und dessen Frau Babette, geborene Gutherz, geboren. Am 19. Juni 1898 heiratete sie den Kronacher Josef Mosbacher, mit dem sie den gemeinsamen Sohn Erst, geboren am 6. Februar 1900, hatte. Sie engagierte sich jahrzehntelang in der Kronacher Ortsgruppe des Bayerischen Frauenvereins. 1934 zog das Paar von Kronach nach Nürnberg und wurde am 10. September 1942 nach Theresienstadt, dem sogenannten "Altersgetto", im heutigen Tschechien deportiert. Hier mussten sie wie weitere etwa 40 000 ältere Juden ihren Lebensabend unter miserablen Bedingungen verbringen. Sie starb laut offizieller Todesurkunde am 13. Februar 1943 an den Folgen einer Lungenentzündung.
Josef Mosbacher wurde am 22. August 1872 als Sohn des Kaufmanns Zacharias Mosbacher und dessen Frau Babette Schmitt in Kronach geboren. Dort lebte er mit seiner Familie unter anderem mit seinem Bruder Ludwig Mosbacher in der Bahnhofstraße 10. Von Beruf war er Kaufmann. Privat war er unter anderem Mitglied der Kronacher Schützengesellschaft. Bevor er mit seiner Ehefrau nach Theresienstadt deportiert wurde waren er und seine Ehefrau Sophie zum Abschluss von "Heimeinkaufsverträgen" gezwungen worden, die ihnen den Transport in ein jüdisches Altersheim suggerierten. Tatsächlich kamen in Theresienstadt innerhalb kurzer Zeit viele der Häftlinge durch Lebensmittelmangel, unzureichende Hygiene und fehlende medizinische Versorgung um. Josef Mosbacher starb dort am 26. Juni 1943 laut offizieller Todesurkunde an einem Schlaganfall.

Bahnhofstraße 13: Luise Mosbacher und Ludwig Mosbacher Luise Mosbacher, geborene Kamm, kam am 19. September 1876 in Ober Heiduck, dem heutigen Chorzow in Polen, zur Welt. Zusammen mit ihrem Ehemann Ludwig Mosbacher, einem Eisenwarenhändler, lebte sie seit ihrer Hochzeit 1898 in Kronach. Hier unterstützte sie ihren Ehemann in dessen Geschäft und kümmerte sich um die drei Kinder Kurt (geb. 1907), Emmy (geb. 1899) und Else (geb. 1900). Ende April 1933 zog das Ehepaar nach Bamberg. Ab 1939 wohnten sie zwangsweise in einem sogenannten "Judenhaus". Im Zug der Deportation jüdischer Bürger wurde die 65-Jährige mit ihrem Ehemann am 25. April 1942 nach Polen gebracht. Für die Zugfahrt nach Kranistaw bei Lublin musste jede Person 80 Reichsmark bar bezahlen. Im Verlauf des Sommers 1942 kam sie aufgrund der unsäglichen Lebensbedingungen in diesem oder in einem anderen Lager um oder wurde in einem Vernichtungslager in der Region ermordet.
Ludwig Mosbacher wurde als Sohn des Kaufmanns Zacharias Mosbacher und Babette, geborene Schmitt, am 23. Januar 1874 in Kronach geboren. Seit 1898 war er mit Luise Mosbacher verheiratet. Gemeinsam mit seinem Bruder Josef Mosbacher führte er einen Eisenwarenhandel im Haus der heutigen Löwenapotheke. Ende April 1933 zogen Ludwig und Luise Mosbacher nach Bamberg, wo zwei ihrer Kinder lebten. Aufgrund des November-Pogroms wurde Ludwig Mosbacher am 10. November 1938 festgenommen, ins Landesgefängnis Bamberg eingeliefert, jedoch wieder entlassen. Mit seiner Ehefrau Luise Mosbacher deportierte man ihm am 25. April 1942 in das Getto von Krasniczyn. Von dort wurden zahlreiche Juden in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor gebracht. Sein weiteres Schicksal und die Umstände seiner Ermordung sind nicht bekannt.

Adolf-Kolping-Straße 8: Julius Strauß Julius Strauß, geboren am 30. August 1901 in Kronach, wurde bereits mit 18 Jahren das erste Mal aufgrund von Depressionen in ein Sanatorium eingewiesen. Im Juni 1925 kam er auf Veranlassung seiner Verwandten schließlich in die Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg. Wie bereits bei seinem Vater diagnostizierte man bei ihm eine manische Depression, weshalb er nur wenige Monate nach seiner Entlassung im März 1927 erneut nach Kutzenberg gebracht wurde. Dieses Mal dauerte der Aufenthalt fast zwölfeinhalb Jahre. In seinem letzten Brief vom 12. September 1940 an den Direktor der Anstalt berichtet Julius Strauß, dass er "Samstag Kutzenberg verlasse, worüber ich bestimmt nicht erzürnt bin". Er gehörte zu den zehn jüdischen Menschen, die am 14. September von Kutzenberg in die Anstalt Eglfing-Haar in Oberbayern verlegt wurden. Schon sechs Tage darauf erfolgte ein Weitertransport in eine sogenannte Tötungsanstalt, wo er neben anderen jüdischen Patienten Opfer der sogenannten Euthanasie wurde.

Adolf-Kolping-Straße 11: Emil Adler Emil Adler kam am 3. Februar 1903 als einziges Kind des Kaufmanns Leopold Adler und seiner Frau Rosa, geborene Krell, in Kronach zur Welt. Er besuchte hier die örtliche Realschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Ausbildung. Nach dem Tod seiner Mutter 1932 - sein Vater war bereits zwei Jahre vorher verstorben - übernahm er das von ihr gegründete Textilgeschäft "Geschwister Krell" in der Bahnhofstraße. Vermutlich gehörte er zu den Geschäftsleuten, die man bereits im März/April 1933 verhaftete. Unter dem Druck der Nazis musste er noch im gleichen Jahr sein Geschäft verkaufen. Er verließ Kronach und ging nach Berlin, wo er 1934 heiratete.
Zusammen mit seiner Ehefrau Charlotte, geborene Mayer, gelang es ihm im Juli 1936 nach Argentinien zu emigrieren. Hier starb er am 25. Juni 1976.

Alte-Ludwigsstädter-Straße 5: Bernhard Böhm, Hedwig Böhm, Helene Böhm Bernhard Böhm wurde am 12. Dezember 1883 in Oberlangenstadt geboren, wo er bis 1929 lebte. 1920 heiratete er Hedwig Frank. Beide zogen neun Jahre später nach Kronach in die Johann-Nikolaus-Zitter-Straße, wo er ein Textilgeschäft eröffnete. 1937 zogen die beiden nach Würzburg in die Augustinerstraße 4. Wie alle anderen Juden mussten sie 1939 ihre sämtlichen Silber-, Gold- und Schmucksachen abliefern. Während ihrer Tochter die Ausreise gelang, leistete Bernhard Böhm Zwangsarbeit. Ende November 1941 wurde das Ehepaar ins Konzentrationslager Riga-Jungfernhof deportiert. In diesem sehr provisorisch eingerichteten Lager erlebten die Insassen den Winter in grimmiger Kälte bis zu minus 45 Grad, da es in den als Schlafräumen verwendeten Scheunen keine Heizungsmöglichkeit gab. Täglich starben 20 bis 30 Menschen, die man nicht begraben konnte, weil die Erde gefroren war. Von den aus Würzburg Deportierten überlebten nur zwei Personen. Zu den Hunderten dort Getöteten zählt Bernhard Böhm.
Hedwig Böhm wurde am 24. Dezember 1883 im unterfränkischen Bad Brückenau mit dem Mädchennamen Frank geboren. Sie gehörte von Geburt an dem jüdischen Glauben an. Sie wohnte zeitweise in Nürnberg und arbeitete dort als Verkäuferin, ehe sie mit 37 Jahren Bernhard Böhm heiratete. 1929 zog sie mit ihrem Ehemann und ihrer sechsjährigen Tochter Hella in die Johann-Nikolaus-Zitter-Straße und wohnte später in der Ludwigsstädter Straße 5. 1937 zog Hedwig mit ihrem Mann nach Würzburg zu ihrer Mutter. Nachdem sie ihr gesamtes Vermögen aufgeben mussten, wurden sie 1941 in das Zwischenlager Jungfernhof bei Riga deportiert, wo Hedwig und Bernhard Böhm unter grausamen Bedingungen ihre letzten Lebenstage verbrachten. Hedwig Böhm kam entweder im Winter 1941/42 im Lager durch Hunger, Zwangsarbeit und Kälte um oder wurde mit einem Großteil der Häftlinge im März 1942 im nahegelegenen Wald von Bikernieki erschossen.
Helene "Hella" Böhm wurde am 17. August 1923 in Bamberg geboren. Sie lebte bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in Kronach. 1934 schickten ihre Eltern sie zu Verwandten nach Würzburg, wo sie zur Schule ging. Wegen akuter Gefahr durch die Nationalsozialisten musste sie fünf Jahre später auswandern. Mit 15 Jahren immigrierte sie im Juni 1939 nach London. In den folgenden Jahren heiratete sie und nahm den Namen Axelrad an. Sie kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück.


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