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Leichtathletik

Sprint-Star Gina Lückenkemper in Bamberg: Warum sich die 22-Jährige in Franken auf Olympia vorbereitet

Deutschlands schnellste Frau liebt einen Bamberger. Deshalb trainiert Gina Lückenkemper in Franken. Hier will sich die 22-Jährige auf Olympia vorbereiten.
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Wie hier am Alten Rathaus ist Deutschlands Ausnahmesprinterin Gina Lückenkemper so oft wie  möglich in Bamberg unterwegs.  Fotos: Matthias Hoch
Wie hier am Alten Rathaus ist Deutschlands Ausnahmesprinterin Gina Lückenkemper so oft wie möglich in Bamberg unterwegs. Fotos: Matthias Hoch
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Es wird langsam Zeit. Der Blick senkt sich, jeder Muskel ist angespannt, der Tartanboden drückt sich sichtbar in die Fingerknöchel. Stille. Dann schießt Gina los. Sogleich löst sich ihre Anspannung wieder, sie nimmt Tempo raus. Dennoch dauert es, bis sie tatsächlich zum Stehen kommt und zurück zum Startblock schlendert. Kurze Pause, dann das Ganze noch einmal.

Unkompliziert und sympathisch plaudert Gina Lückenkemper zwischen ihren Übungsstarts, als wäre das Lauftraining keinen Deut anstrengend. Sie ist die aktuell schnellste Frau Deutschlands. Damit dies auch so bleibt, trainiert die 22-Jährige, die einfach nur Gina genannt werden möchte, sechs Mal in der Woche. So auch an jenem Sommertag im Bamberger Fuchs-Park-Stadion. Die in Soest aufgewachsene und in Hamm (Nordrhein-Westfalen) geborene Sportlerin ist seit etwa anderthalb Jahren in Franken unterwegs. Warum? Sie lächelt verschmitzt: "Mein Freund wohnt in Bamberg."

Relativ regelmäßig fährt sie daher in die Domstadt. Nicht nur, um zu trainieren. Aber auch. Ihren Startblock hat der Sprintstar stets im Auto liegen, am liebsten steuert sie das Fuchs-Park-Stadion an. "Hier ist es meistens schön ruhig und sehr naturbelassen. Das mag ich." Überhaupt schätzt die Ausnahmeathletin die Beschaulichkeit der Region und die fränkische Mentalität. "Ich fühle mich hier wohl, Bamberg ist toll. Ich brauche keine Metropole."

Denn selbst eine Frau, deren Fokus und deren Leidenschaft auf größtmöglicher Geschwindigkeit liegen, braucht ein gutes Gegengewicht, ein gewisses Maß an Entschleunigung. "Schon als kleines Kind merkte ich, dass ich schneller bin als andere. Ich spreche schneller, esse schneller und laufe schneller." Sie denkt kurz nach und lacht dann laut: "Nur in Mathe war ich nie die Schnellste."

Umso wichtiger ist es, hin und wieder einfach abzuschalten. Einer ihrer Ruhepole heißt Stefan, ihr Freund. Er, ein gebürtiger Bamberger, ist selbst zwar kein Profisportler, arbeitet aber in der Branche. Sie hatten sich auf einem Wettkampf in Berlin kennengelernt. Vor anderthalb Jahren war das, seither pendeln sie in einer Fernbeziehung durchs Land. "In der Regel schaffen wir es, uns fast jede Woche zu sehen." Doch das könnte sich schon bald ändern: "Der Plan lautet, meine Zelte hier in Bamberg aufzuschlagen. Aber frühestens, wenn die Saison vorbei ist."

Pferd Picasso ist Ruhepol

Nur einer hilft Gina noch besser, all die Gedanken über Sekunden-Bruchteile, schweißtreibende Wettkampfvorbereitungen und mentalen Stress hinter sich zu lassen - Picasso. Natürlich nicht der Maler, sondern ihr Pferd. "Ich muss ihn nicht unbedingt reiten. Manchmal gehe ich nur in den Stall, miste aus oder wasche ihn. Dann bin ich einfach nur bei ihm und das genieße ich sehr."

Sobald sie sich in Oberfranken niedergelassen hat, soll Picasso nachkommen. Bis es so weit ist, hat sie aber erst einmal viel zu tun. Das erste 100-Meter-Rennen der Saison bestritt sie am Samstag bei der Diamond League im marokkanischen Rabat. Es wäre sicher mehr drin gewesen, Gina wird mit 11,36 Sekunden Sechste. Der nächste große Höhepunkt lässt aber nicht lange auf sich warten, die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im katarischen Doha starten im Herbst.

Um sich noch besser vorzubereiten, hat die Studentin der Wirtschaftspsychologie aktuell ein Urlaubssemester eingelegt. "Gutes Zeitmanagement ist wichtig, im Moment wäre das alles ein bisschen viel geworden", meint sie. Der Sport habe aktuell eben Priorität. Ob sie auch, wenigstens ein bisschen, den seit mehr als 30 Jahre bestehenden Weltrekord der US-Amerikanerin Florence Griffith-Joyner (10,49) im Blick hat? "Nein. Ich muss nicht die Schnellste sein um jeden Preis."

Statt Doping setzt Gina auf Lebensfreude. Vor allem gutes Essen hat es ihr angetan. "Letztens habe ich sogar in Soest von den Käsespätzle aus Bamberg geträumt." Überhaupt mag sie das Essen hier, "nicht nur wegen der großen Portionen". Sie lacht. "Aber auch." Zwar konsultiert sie wie für Profis üblich einen Ernährungsberater, Kalorien zählt sie aber nicht. "Verzichten muss ich eigentlich auf nichts."

Alkohol erst nach der Saison

"Auch zu einem frischen fränkischen Kellerbier sagt die 22-Jährige gerne Ja. Allerdings nicht während der Saison. Die Biergartenkultur, meint sie, lasse sich aber auch mit alkoholfreien Getränken genießen. "In Franken setzen sich die Leute einfach zusammen an einen Tisch, ohne sich zu kennen. Das gibt es bei uns zu Hause nicht. Toll."

Sie wendet sich wieder der roten Laufbahn zu, ihr Blick ändert sich sofort. Voller Fokus. "Ich kann in der einen Sekunde noch total locker sein und schon gleich darauf voll konzentriert. Das konnte ich schon immer."

Zur Person

Biografie: Gina Lückenkemper wurde am 21. November 1996 im nordrhein-westfälischen Hamm geboren, aufgewachsen ist sie in Soest. Neben ihrer Karriere als Profi-Sportlerin studiert sie Wirtschaftspsychologie an der Uni Bochum.

Erfolge: An den Start geht die Leichtathletin für den SSC Berlin, trainiert wird sie von Ulrich Kunst. Ihre bisher größten Einzelerfolge waren Silber (100 Meter) bei der EM 2018 in Berlin und Bronze (200 Meter) bei der EM 2016 in Amsterdam. Mit der 4x100-Meter-Staffel holte sie in Amsterdam und Berlin Bronze.

Bestzeiten: Ihre schnellsten Läufe bisher:

- 60 Meter: 7,11 Sekunden (am 21. Januar 2018 in Dortmund)

- 100 Meter: 10,95 Sekunden (am 5. August 2017 in London)

- 200 Meter: 22,67 Sekunden (am 5. Juni 2016 in Regensburg)

Rekorde: Deutscher U18-Hallenrekord über 200 Meter in 23,89 Sekunden (2. März 2013 in Ancona, Italien) und europäischer U23-Rekord über 100 Meter in 10,98 Sekunden (7. August 2018 bei der EM in Berlin). Den Frauen-Weltrekord über 100 Meter hält die US-Amerikanerin Florence Griffith-Joyner mit 10,49 Sekunden (1988, Indianapolis).

Fokus: Im Blick hat sie vor allem die bevorstehenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften in der katarischen Hauptstadt Doha (27. September bis 6. Oktober) sowie die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

Instagram: Höhepunkte aus ihrem Leben teilt Gina Lückenkemper gerne über die Medienplattform Instagram mit, aktuell hat sie dort mehr als 136 000 Follower (@ginalueckenkemper).

Im Netz www.gina-lueckenkemper.com

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