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Jugoslawien: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und unter Tito - Teil 2

Durch den Überfall der Deutschen Wehrmacht und die Besetzung existierte ein Staat Jugoslawien nicht mehr. Nach dem Krieg änderte sich das wieder unter Tito.
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: Monument in Jugoslawien
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg: Monument in Jugoslawien Foto: CC0 / Pixabay / Fotografbee
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  • Der Zweite Weltkrieg und die Besetzung
  • Nach der Befreiung
  • Wer war Tito?
  • Wie schuf er Jugoslawien neu?
  • Was geschah nach seinem Tod?

Mit dem Überfall durch die Deutsche Wehrmacht am 6. April 1941 und die darauf folgende Besetzung wurden alle Reformpläne beendet. Jugoslawien wurde besetzt und aufgeteilt, ein grausamer Partisanenkrieg begann. Doch mit dem Ende des Krieges fand ein Neubeginn unter Tito statt. Wie kam er an die Macht und wie schuf er Jugoslawien neu? Welche Außen- und Innenpolitik betrieb er? Und was geschah nach seinem Tod?

Der Zweite Weltkrieg und die Folgen für Jugoslawien

Am Morgen des 6. April 1941 wurden die Einwohner Belgrads durch das Brummen von Motoren und explodierende Bomben aus dem Schlaf geschreckt. Die Deutsche Luftwaffe eröffnete mit einem gezielten Bombardement auf die Hauptstadt den Balkanfeldzug. Mehr als 500 Flugzeuge stürzten sich auf die Stadt, die Bomben trafen das Regierungsviertel, den Königspalast, den Bahnhof, das Elektrizitätswerk sowie mehrere Kasernen, aber auch zahlreiche Kirchen, Synagogen und Zivilhäuser. Die genaue Anzahl der Toten ist nicht bekannt. Die Ursache für das Unternehmen "Strafgericht": Auf persönlichen Befehl Hitlers sollte die Hauptstadt zerstört werden, um Jugoslawien für seine Abtrünnigkeit zu bestrafen. Am 25. März war das Königreich auf massiven Druck hin dem Dreimächtepakt mit Deutschland, Italien und Japan beigetreten, hatte ihn allerdings am 27. März nach einem von der Belgrader Bevölkerung umjubelten Putsch serbischer Generale wieder verlassen. Damit war Hitlers Plan, die Südflanke vor der Sowjetunion zu schützen, gescheitert. Dazu kam das Problem mit dem gescheiterten Feldzug Mussolinis gegen Griechenland. Der italienische Diktator hatte voller Neid auf die Blitzkriegserfolge der Deutschen geschaut. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich immer erst kurz vor einem Sieg der Deutschen dem Kriegsgeschehen angeschlossen, konnte aber nirgendwo große Erfolge erzielen. Als Mussolini im Sommer 1940 erfuhr, dass Hitler Truppen nach Rumänien schicken wollte, also in ein Gebiet, das er als in seiner Interessensphäre liegend betrachtete, beschloss er in einem Wutanfall, Griechenland zu überfallen. Sein Plan scheiterte jedoch, die italienischen Truppen wurden bis weit nach Albanien zurückgeworfen. Unterstützt wurden die Griechen dabei von den Briten. Damit lagen die für Deutschland wichtigen Ölfelder in Rumänien in Reichweite britischer Bomber, was für Hitler ein Albtraum war, und dieser befahl den Überfall auf Griechenland. Durch den Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt wäre der Weg für die deutschen Armeen nach Griechenland frei gewesen, was durch den schnellen Wiederaustritt nicht mehr gegeben war. So gab Hitler den Befehl zur Zerschlagung Jugoslawiens. Bereits am 12. April 1941 fiel Belgrad, Sarajewo am 15. April. Zwei Tage später wird die Gesamtkapitulation unterschrieben, Jugoslawien existierte nicht mehr. König und Regierung flohen nach Großbritannien, das Land wurde zwischen Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien aufgeteilt. Was nun folgte, ist eines der blutigsten Kapitel der Kriegsgeschichte. Ein Partisanenkrieg, der von allen Seiten mit unglaublicher Härte und Brutalität geführt wurde. Und damit betrat ein weiterer Diktator die Bühne: Josip Broz, genannt Tito

Josip Broz wurde 1892 geboren. Im Ersten Weltkrieg wurde er an der Karpatenfront verletzt und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Freilassung nahm er an sozialistischen Demonstrationen im damaligen Petrograd, heute Sankt Petersburg, teil und trat in die Rote Garde ein. Nach seiner Heirat mit Pelageja Belussowa kehrte er nach Zagreb zurück und wurde Mitglied der neugegründeten Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ), welche 1921 verboten wurde. Doch er agierte im Untergrund weiter, organisierte Streiks und wurde schließlich politischer Funktionär. Nach einer Gefängnisstrafe auf Bewährung wurde er 1928 zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, welche er in den Gefängnissen von Lepoglava, Maribor und Ogulin verbüßte. Nach seiner Entlassung 1934 ging er in den Untergrund und wurde in das Zentralkomitee der Exil-KPJ in Wien aufgenommen, dabei nahm er den Decknamen "Tito" an. 1935 nahm er am VII. Weltkongress der Komintern teil und reiste in die Sowjetunion. 1936 wurde er Organisationssekretär der KPJ und übernahm eine führende Rolle bei den Transporten von Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 bildete er eine provisorische Parteiführung für die KPJ in Kroatien, im folgenden Jahr wurde er in Moskau zum Generalsekretär der KPJ ernannt. Bis 1941 baute er in Zagreb das Zentrum der Parteiführung auf. Dabei bekämpfte er potenzielle Rivalen und Gegner.

Nach dem Überfall durch die Deutschen 1941 organisierte er den Widerstand, verlegte das Hauptquartier der KPJ nach Zagreb und rief nach dem Überfall durch die Deutschen auf die Sowjetunion zum bewaffneten Aufstand auf. Tito leitete dabei den Hauptstab der Volksbefreiungs- und Partisaneneinheiten. Durch die ständigen Partisanenangriffe konnte man starke Kräfte der Achsenmächte binden, nach einer Offensivbewegung durch die deutschen Truppen wich Tito nach Westbosnien aus. Im November 1942 eröffnete er die erste Sitzung des antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens (AVNOJ), eines Delegiertenzusammenschlusses der am Widerstand beteiligten Truppen. Im Juni 1943 wurde Tito verwundet, im November wird er auf der zweiten Sitzung des AVNOJ zum Präsidenten gewählt und erhielt den Titel Marschall von Jugoslawien. 1944 konnte er nur knapp einer Verhaftung durch die Nazis entgehen, er floh mit einem britischen Flugzeug in das bereits von den Alliierten besetzte Italien. Im weiteren Verlauf des Jahres traf er mit Winston Churchill, später noch mit Stalin zusammen. Am 8. März 1945 wurde in Übereinkunft mit der königlichen Exilregierung eine neue jugoslawische Regierung mit Tito an der Spitze gebildet. Nach der Erklärung Jugoslawiens zur Föderativen Republik wurde Tito am 29. November 1945 Ministerpräsident

Jugoslawien: Neuanfang und der Aufstieg

Jugoslawien war von der Fremdherrschaft befreit. Obwohl es von keiner Seite nennenswerte Unterstützung gegeben hatte, war es den Partisanen unter hohen Verlusten gelungen, das Land zu befreien. Unter Tito gab es einen Neuanfang. Beim Volk war er wegen seiner Ausdauer und seinen Führungsqualitäten sehr beliebt. Jugoslawien wurde unter seiner Führung zu einer Föderation aus sechs Republiken und zwei autonomen Regionen, später Provinzen: Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien und Montenegro waren als staatsbildende Nationen anerkannt, in den 1960ern kam Bosnien hinzu. Mehr als 20 weitere religiöse Gruppen und Nationalitäten erhielten Minderheitsrechte, die Republiken waren im Präsidium und den Bundesorganen paritätisch vertreten. 

Langsam erholte sich das Land vom Krieg. Allerdings gab es bereits sehr schnell Spannungen mit den Westalliierten aufgrund von Territorialfragen, weshalb Tito die Nähe zu Stalin suchte. Doch schnell kam es auch hier zu Differenzen. Wurde 1947 noch, auf Anregung Stalins hin, das Informbüro (Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien) mit Sitz in Belgrad gegründet, wurde Jugoslawien bereits im Juni 1948 wieder ausgeschlossen, da Stalin "Abweichungen" der KPJ kritisierte. Auf dem Parteikongress der KPJ erhielt Tito allerdings Unterstützung für seinen Abgrenzungskurs gegenüber Stalin. Ausgangspunkt für den Ärger mit Moskau war, dass Tito das harte Regime Stalins nicht passte, während dieser wiederum der liberal-sozialistische Stil Titos nicht gefiel. Stalin drohte sogar offen mit Mord, Tito hingegen zeigte sich davon unbeeindruckt und verfolgte weiter seinen Kurs. Er etablierte den Sozialismus, eine humanere Form des Kommunismus, wie Tito es nannte. Später wurde daraus der Begriff "Titoismus". Doch auch, wenn er mit seiner liberalen Politik Moskau provozierte, innenpolitisch pflegte er einen autoritären Regierungsstil. Jugoslawische Stalinisten, die sich weiter zu Stalin bekannten, wurden auf der Insel Goli Otok interniert und als Zwangsarbeiter eingesetzt, gefoltert und getötet. Auch Angehörige von deutschen, ungarischen oder italienischen Minderheiten wurden vertrieben oder ermordet. Der Bruch mit Stalin eröffnete allerdings auch neue Möglichkeiten. So boten die USA wirtschaftliche und militärische Hilfen an, auch gelang es Tito, neue Handelsbeziehungen mit dem Westen zu knüpfen. Als Stalin 1953 starb, gelang es ihm, das Verhältnis zur Sowjetunion wieder zu normalisieren. Er vermied es, einem der beiden Bündnissysteme beizutreten, und schuf 1961 gemeinsam unter anderem mit Indien und Ägypten die Organisation der Blockfreien, deren Führung Jugoslawien übernahm. Sie war eine der tragenden Säulen der Identität und Stabilität im Vielvölkerstaat. 

Im Inneren wurde durch die jugoslawischen Kommunisten mit der sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung ein Sozialismus mit eigener Prägung geschaffen. Im Gegensatz zum Ostblock, in dem anonyme Staatsorgane die Unternehmen und gesellschaftlichen Organisationen lenkten, wurde dies in Jugoslawien durch demokratische Arbeiterräte erledigt. Auch private Betriebe und marktwirtschaftliche Elemente wurden durch Reformen zugelassen. Durch eine sehr günstige globale Konjunktur erlebte Jugoslawien nach 1945 ein Wirtschaftswunder. Die sozialistische Modernisierung wurde vorangetrieben, es wurde massiv in die Industrialisierung, den Tourismus und in die Bildung investiert. Aus dem ehemaligen Agrarstaat wurde bis in die Mitte der 1960er Jahre ein Industriestaat, die Städte wuchsen, die Frauen emanzipierten sich und das Bildungsniveau sowie die Mobilität stiegen. Das Bruttosozialprodukt wuchs pro Kopf zwischen 1950 und 1977 um 6,1 Prozent jährlich, das Realeinkommen stieg in diesem Zeitraum um 150 Prozent. Der Wohlstand wuchs. Dadurch wurden mehr Konsum und Freizeit möglich. Lebensweise und Werte änderten sich von Grund auf. Im Gegensatz zum Ostblock wurde ein gewisser Pluralismus in Literatur, Wissenschaft und Künsten toleriert. Es gab allerdings auch in Jugoslawien die Herrschaft des Regimes mit Geheimpolizei, Pressezensur und Berufsverboten, doch in einigen Nischen wurden abweichende Meinungen geduldet. Doch am meisten wurde die Reisefreiheit geschätzt, die Bürger*innen konnten sich weitestgehend frei bewegen. 1963 wurde Tito zum Staatspräsidenten auf Lebenszeit bestellt. 

Der Anfang vom Ende

Doch im Inneren begann es wieder zu brodeln. Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs und vieler Vergünstigungen, welche die Jugoslawen im Gegensatz zu den Menschen der Ostblockstaaten genossen, war das System für Misswirtschaft, Korruption und Bürokratismus verantwortlich. Das zentrale Vorhaben der Kommunisten, die Entwicklungs- und Einkommensunterschiede innerhalb Jugoslawiens zu verringern, scheiterte. Ganz im Gegenteil wurden die Disparitäten immer größer. Nach Kriegsende waren beispielsweise die Slowenen pro Kopf etwa dreimal wohlhabender als die Kosovaren, Mitte der 60er Jahre war die Kluft etwa sechsmal so groß, Ende der 80er Jahre sogar neunmal. Dadurch wurden Verteilungskonflikte gefördert, Nationalismus und ethnische Intoleranz wuchsen. Ende der 1960er Jahre machten sich erste Krisenerscheinungen bemerkbar. Wirtschaftliche Probleme und eine Schuldenkrise setzten ein. Kroatische Intellektuelle verlangten 1967 eine kroatische Literatursprache, die Albaner im Kosovo forderten 1968 bei gewaltsamen Demonstrationen eine eigene Teilrepublik und den Anschluss an Albanien. 1971 kam es zum sogenannten "Kroatischen Frühling". Die kroatische Parteispitze und mehrere kroatische Organisationen und Medien forderten mehr Eigenständigkeit, eine eigene Armee und großkroatische Republikgrenzen. Tito fackelte nicht lange und warf die kroatische Parteiführung aus dem Amt, die Anführer kamen vor Gericht. Auch in Serbien und Bosnien-Herzegowina ging man verstärkt gegen nationalistische Umtriebe und Regimekritik vor.

Die Verfassung von 1974, mit der die Föderalisierung des sozialistischen Jugoslawiens umgesetzt werden sollte, führte zu Kontroversen. Mit ihr wurde den sechs Teilrepubliken weitreichende Entscheidungsfreiheiten eingeräumt, doch zum Unmut Serbiens wurde damit der Autonomiestatus der zum serbischen Territorium gehörenden Provinzen Vojvodina und Kosovo erweitert. Sie erhielten weitgehende politische Eigenständigkeit sowie einen Sitz im achtköpfigen jugoslawischen Staatspräsidium. Tito wurde im Zuge der Änderungen zum Präsidenten auf Lebenszeit bestätigt und seine Rolle für die Entstehung und Entwicklung der Republik in die Verfassung aufgenommen.

Durch die Ölkrise 1973 war das internationale Währungssystem zusammengebrochen, die Weltwirtschaft geriet in eine schwere Krise, auch Jugoslawien. Man versuchte, die sinkende Wirtschaftsleistung durch ausländische Kredite auszugleichen, doch schnell war das Land in der Schuldenfalle. Bis 1981 waren die Verbindlichkeiten von 4,6 auf 21 Milliarden Dollar gestiegen. Mitten in dieser Krise kam dann die Nachricht, dass Tito gestorben war: Nach einer schweren Operation und Beinamputation wurde der Herrscher über Jugoslawien in Lubljana für tot erklärt. Der Mann, der Jugoslawien geformt und regiert hatte, trat von der Bühne ab. Damit begann das Ende für Jugoslawien, das im dritten Teil behandelt wird. 

Den ersten Teil noch nicht gelesen? Du findest ihn hier. 

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