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Die Entstehung des Vielvölkerstaates

Jugoslawien - wie entstand es und warum zerfiel es wieder? Teil 1: Gründung und erste Jahre

Jugoslawien. Ein Land, welches nach dem Ersten Weltkrieg aus vielen Ländern entstand, existierte nicht einmal 100 Jahre. Wie kam es zur Gründung dieses Vielvölkerstaates?
Belgrad, ehemals die Hauptstadt Jugoslawiens, ist heute die Hauptstadt Serbiens.
Belgrad, ehemals die Hauptstadt Jugoslawiens, ist heute die Hauptstadt Serbiens. Foto: CC0 / Pixabay / stevanaksentijevic
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  • Wie entstand Jugoslawien?
  • Welche Länder waren direkt davon betroffen?
  • Was hat der Erste Weltkrieg damit zu tun?
  • Warum entstand Jugoslawien?

Jugoslawien war ein Land, welches vor dem 20. Jahrhundert nicht existierte. Ein rein politisches Gebilde, das nicht einmal 100 Jahre als Staat Bestand hatte. Doch was war die Idee dahinter? Warum wurde aus den Ländern des Balkan auf einmal ein einziges Land? Und welche Probleme brachte das mit sich?

Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg

Die Geschichte Jugoslawiens ist wohl eine der tragischsten, die man kennt. Entstanden war das Land nach einem Weltkrieg und ausgelöscht wurde es durch einen Bürgerkrieg. Ein Blick auf alte Landkarten aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt, dass Europa zu dieser Zeit in großen Teilen komplett anders ausgesehen hat. Kaiser und Könige hatten die Macht, Landesgrenzen verliefen anders. Im Deutschen Reich herrschte Kaiser Wilhelm II., in Russland Zar Nikolaus II., ein Cousin Wilhelms, und in Österreich-Ungarn war Franz Joseph "Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen" und hatte diverse andere Herrschertitel, unter anderem auch über Kroatien, Slawonien – eine Region im Osten Kroatiens – und Serbien. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Als die Waffen endlich wieder schwiegen, war die Welt eine andere als vorher. Das Deutsche Kaiserreich existierte nicht mehr, in Russland war der Zar getötet worden, Österreich und Ungarn waren zwei Länder. Und es entstand ein neues Staatsgebilde: Jugoslawien. Doch wie kam es letztlich dazu? Ein Blick in die Geschichte.

Im 3. Jahrhundert nach Christus zogen im Rahmen einer großen Wanderung Kelten, Römer, Hunnen, Ostgoten und Südslawen in das Gebiet. Im 9. Jahrhundert wurden die ersten Staatsgebilde gegründet, etwa um 830 wurde durch den Fürsten Vlastimir der unabhängige serbische Staat Raška gegründet, 925 gab es mit Tomislaw den ersten König von Kroatien. Doch bereits 1091 wurde Kroatien mit Ungarn vereinigt. 976 gründete der bulgarische Zar Samuel einen makedonischen Staat, der 1018 unter byzantinische Herrschaft geriet. Doch all diese Gemeinschaften standen in Auseinandersetzungen oder unter der Herrschaft von den Habsburgern, Ungarn und der Türkei. Während Dubrovnik unter venezianische Herrschaft kam, regierten die Nemanjiden Großserbien. Stefan Nemanja gelang es, Serbien von Byzanz unabhängig zu machen und sorgte zusätzlich für seine Ausdehnung. 1346 ließ sich Stefan Dušan zum Zaren der Serben, Griechen, Bulgaren und Albaner krönen. Mithilfe der Türken bekämpfte Byzanz das neue Reich. Dušan fiel bei einem der Feldzüge, das Serbische Reich zerfiel. Die Türken konnten 1389 auf dem Amselfeld (Kosovo-Polje) das serbische Heer zerschlagen, woraufhin sie Bosnien besetzten. Die Habsburger behielten Nordkroatien und Slowenien, die Venezianer Dalmatien. Herzegowina, Montenegro und Ragusa (Dubrovnik) blieben weiterhin unabhängig.  1699 kam es zum Frieden von Karlowitz: Österreich erhielt Südkroatien, Slawonien und Nordserbien; im Frieden von Passorowitz (1719) zusätzlich Bosnien und Südserbien. Im Frieden von Belgrad (1739) mussten sie allerdings Südserbien und Belgrad wieder an die Türken zurückgeben.

Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Aufständen der Serben gegen die Türken, 1877 erfolgte mit dem Ausbruch des russisch-türkischen Krieges die endgültige Vertreibung aus Serbien und Bosnien. Serbien und Montenegro erhielten auf dem Berliner Kongress 1878 die Unabhängigkeit; Bosnien und Herzegowina kamen unter österreichisches Mandat und wurden 1908 annektiert. Im Jahr 1882 wurde Serbien Königreich, 1910 Montenegro ebenfalls. Die endgültige Vertreibung der Türken aus den besetzten Balkanstaaten erfolgte 1912 bis 1913. Ein Jahr später brach mit der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo der Erste Weltkrieg aus.

Die Folgen des Attentats und die Gründung Jugoslawiens

Seit der Annexion Bosniens und Herzegowinas durch Österreich-Ungarn hatte sich das Image der Habsburger verschlechtert. Die meisten der in Bosnien lebende Serben träumten von einem unabhängigen, mit Serbien geeinten Staat. Am 28. Juni 1914 besuchte der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Frau Sophie, der Herzogin von Hohenburg, Sarajevo, die Hauptstadt der Provinzen Bosnien und Herzegowina. Seit September 1913 wurde dieser Besuch geplant. Details dazu waren durch die Presse der Allgemeinheit bekannt gemacht worden, um möglichst viele Zuschauer*innen zu gewinnen, die dem Paar zujubeln sollten.  Mit dieser Reise sollte das Ansehen des Herrscherhauses wieder aufpoliert werden, doch die Serben sahen in dem Thronfolger eine Gefahr für ihre Pläne, da dieser als südslawenfreundlich galt. Das Datum selber war unglücklich gewählt, sei es aus Unwissenheit oder aber durch Zufall. Der 28. Juni ist der Sankt-Veits-Tag, für viele Serben ein spezielles Datum. Dieser Tag gilt als Jahrestag der Schlacht am Amselfeld 1389, als das serbische Koalitionsheer dem osmanischen Heer gegenüberstand und die Serben am Ende den Verlust des Territoriums zu beklagen hatten. Ein Tag der nationalen Trauer, des Opfers und die Erinnerung an den Kampf gegen die osmanische Herrschaft. Somit waren nicht wenige Menschen brüskiert.

Sieben Attentäter warteten bereits auf den Thronfolger. Im offenen Wagen wurden er und seine Frau durch die Stadt gefahren. Die ersten beiden Attentäter griffen nicht ein, der dritte zündete einen Sprengsatz, der jedoch nicht das Auto des Thronfolgers traf, sondern einen Oberst im folgenden Wagen. Neben dem Offizier wurden einige Zivilisten dabei verletzt. Der Konvoi fuhr weiter Richtung Rathaus, wo Franz Ferdinand den Plan änderte: Er wollte den verletzten Oberst im Krankenhaus besuchen. In der Folge musste der Chauffeur den Wagen wenden und blieb deshalb einige Sekunden vor einem Café stehen. Diesen Moment nutzte der vierte Attentäter,Gavrilo Princip. Ohne zu zögern, verließ er das Café und erschoss Franz Ferdinand und dessen Frau. Die Folgen dieses Anschlags sind hinlänglich bekannt und mündeten in den Ersten Weltkrieg. Dieser hatte für Österreich-Ungarn und die Länder, welche später in dem Staat Jugoslawien aufgingen, massive Folgen. Zwar konnten die Soldaten Österreich-Ungarns Belgrad einnehmen, mussten es aber schnell wieder aufgeben. Nachdem auch Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärt hatte, geriet die Monarchie der Habsburger immer weiter unter Druck, die Verluste erreichten erschreckende Höhen. Nach dem Ende des Krieges brach die Donaumonarchie komplett zusammen. Ungarn löste sich von Österreich. 

Schon im 19. Jahrhundert hatte man, vor allem in Kroatien, die "Illyrische Bewegung" vorangetrieben. Diese basierte auf dem Mythos, dass die Jugoslawen, vor allem die Südslawen, von dem antiken Volk der Illyrer stammen und daher auch in einem Land zusammenleben sollten. 1917 trafen auf Korfu Vertreter aus dem 1835 gegründeten Serbischen Staat mit Vertretern aus den in den von Österreich-Ungarn annektierten Ländern zusammen und man einigte sich darauf, die Gründung eines gemeinsamen Staates anzukündigen. Doch bereits damit legte man den Keim für den späteren Krieg, der zur Auflösung Jugoslawiens führen sollte, denn darin stand, dass "Namen, Symbole und Religionen der orthodoxen Serben und der katholischen Slowenen und Kroaten gleichberechtigt" sein sollten, doch die Umsetzung in eine Verfassung blieb offen. Serbien sah sich als Siegermacht, das die Unabhängigkeit des neuen Staates erkämpft hatte. Kroatien und Slowenien wollten sich von der österreichisch-ungarischen Herrschaft befreien und strebten die Gleichberechtigung in einem geeinten Land an. Die Siegermächte vertraten die Auffassung, dass ein demokratisches und liberales Jugoslawien besser in die Nachkriegsordnung passte als der bisherige Flickenteppich aus kleinen Staaten. In direkter Folge der Pariser Friedensschlüsse 1919/1920 sollten daher sieben historische Entitäten zum "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" verschmelzen. Die Deutung, dass die südslawische Einheitsnation aus drei "Stämmen", nämlich den Serben, Kroaten und Slowenen, bestehe, wurde von den Friedensmachern übernommen. Montegriner, die bosnischen Muslime (Bosniaken) und "Südserben" (Mazedonier) wurden nicht als eigenständig oder als Nation anerkannt. Ein weiterer Keim für den späteren Bürgerkrieg. Der Staat erhielt 1921 eine zentralistische Verfassung nach dem Vorbild Großbritanniens und Frankreichs, diese wurde wiederum am Veitstag, dem Jahrestag der Schlacht am Amselfeld, verabschiedet. 

Nach der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg

Die unterschiedlichen historischen Hoheitszeichen verschmolzen zum Staatswappen, welches die drei Völker des Königreiches repräsentierte. Das Kreuz mit den vier Feuerstählen für Serbien, das rot-weiße Schachbrett für Kroatien und die Mondsichel mit den drei Sternen für Slowenien wurden weiterentwickelt. Die Bosniaken, oder auch Muslime, wurden als Muslimische Serben oder Muslimische Kroaten bezeichnet, Mazedonier und Montgriner als Serben. Albaner, Magyaren, Deutsche und andere ethnische Gruppen wurden als Minderheiten mit verbrieften Rechten anerkannt. Das Wappen sollte auch aufzeigen, dass alle Religionen gleichberechtigt waren, ebenso die kyrillische und lateinische Schrift. 

Doch schon bald zeigte sich, dass alleine der Wunsch nach einem Staat, in dem alle gleichberechtigt waren, diesen noch nicht ermöglichte. Die Slowenen, Kroaten, Bosniaken, Mazedonier, Montenegriner und Serben verfügten über ein nationales Eigen- und Abgrenzungsbewusstsein, welches die Idee vom dreinamigen Volk überging. Auch waren die Serben in Regierung, Verwaltung, Polizei und Militär überrepräsentiert, was diejenigen, die eher eine föderale Ordnung vorgezogen hätten, in ihrem Argwohn bestätigte. 1928 wurde der serbische Oppositionsführer Stjepan Radic im Parlament ermordet. Daraufhin installierte König Alexander im Januar 1929 ein diktatorisches Regime und verbot alle Parteien und Vereine, die ethnisch oder konfessionell ausgerichtet waren, um dem spalterischen Tribalismus entgegenzuwirken. Am 3. Oktober ließ er den Staat in "Königreich Jugoslawien" umbenennen. Er gliederte das Land nach dem Vorbild Frankreichs in Departements, um die nationale Synthese und Einheit weiter zu forcieren. Durch eine Änderung der Verfassung 1931 wurde ihm erlaubt, durch Erziehung, Propaganda, Verordnungen und Repression den integralen Jugoslawismus durchzusetzen, frei nach dem Motto: "ein Volk - ein Nationalgefühl". Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Louis Barthou fiel er im Oktober 1934 in Marseille einem Attentat kroatischer Faschisten zum Opfer. 

Die Staatsführung übernahm Prinzregent Paul I. anstelle des noch minderjährigen Thronfolgers Peter. Er ernannte eine Koalitionsregierung und beendete damit die Königsdiktatur. Die Regierung schuf, um dem kroatischen Separatismus entgegenzuwirken, ein autonomes kroatisches Verwaltungsgebiet, die Banovia. Das hatte zur Folge, dass sowohl die Serben, aber auch die Slowenen und die bosnischen Muslime eigene Autonomie verlangten. Doch zu einer derart umfangreichen Staatsreform kam es dann nicht mehr. Der Zweite Weltkrieg und die Invasion durch das Deutsche Reich beendeten alle Reformen. Diese Zeit wird im zweiten Teil der Reihe zu Jugoslawien ausführlich behandelt.