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Eltern mit Behinderung

Familie gründen: Welche Schwierigkeiten haben Eltern mit Behinderung bei der Kindererziehung?

Auch viele Paare, bei denen ein oder beide Partner*innen eine Behinderung haben, wünschen sich Kinder und ein Leben als Familie. Wo können sich diese Paare Rat und Hilfe holen?
Wer unterstützt Eltern mit Behinderung?
Wer unterstützt Eltern mit Behinderung? Foto: CC0 / Pixabay / tung256
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  • Rechtslage: Familie gründen als Elternteil mit Behinderung
  • Wer hilft?
  • Was geschieht, wenn man überfordert ist?

Ein Kind zu bekommen, heißt auch, Verantwortung zu übernehmen und es bedeutet, dass sich der Lebensmittelpunkt verschiebt. Diese Verschiebung und die Verantwortung für ein Leben kann unter Umständen zu Problemen führen. Dies gilt für alle Eltern. Wenn diese mit einer Behinderung leben, können weitere Schwierigkeiten auftreten. Doch wie kann man werdende Eltern mit Behinderung unterstützen und was geschieht, wenn sie doch überfordert sind? Wer springt dann ein?

Schwanger trotz Behinderung

Unter den Menschen mit Kinderwunsch oder werdenden Eltern finden sich auch Menschen mit Behinderung. Das können körperliche Beeinträchtigungen, aber auch chronische Krankheiten sein. Die Hürden vor oder während einer Elternschaft können, je nach Schwere der Behinderung, unterschiedlich hoch sein. Eine Schwangerschaft ohne Komplikationen, eine Geburt und auch die Elternschaft ist oft möglich, sofern die Betroffenen alle für sie relevanten Informationen und Hilfen erhalten. Auch stellt sich die Frage, ob die Behinderung der Eltern an ein Kind weitergegeben wird. Das ist nicht einfach zu beantworten. Eine körperliche Behinderung, wie durch einen Unfall fehlende Gliedmaßen, werden nicht vererbt. Resultiert die geistige Behinderung auf einem Gendefekt, so kann sie sich dann durchsetzen, wenn dieser Defekt sowohl auf dem vom Vater und der Mutter vererbten Chromosom vorliegt. Es ist also nicht auszuschließen, dass ein Kind aus einer solchen Verbindung die Behinderung vererbt bekommt, aber es ist auch durchaus möglich, dass sich dieser Defekt nicht durchsetzt.

Während der Nazi-Diktatur war es für behinderte Menschen nicht möglich, Kinder zu bekommen. Viele Frauen und Männer wurden zwangssterilisiert. Eine staatlich verordnete Zwangsverhütung ist seit der Einführung des Grundgesetzes 1949 verboten. Doch erst seit 1992 wurde mit dem Paragrafen 1905 des Bürgerlichen Gesetzbuchs festgeschrieben, dass staatlich "Betreute", wie beispielsweise geistig behinderte Frauen, nicht gegen ihren Willen sterilisiert werden dürfen. Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt vor, dass Menschen mit Behinderung genau so das Recht auf Kinder haben, wie alle anderen. 

Je nach Art und Schwere der Behinderung oder Beeinträchtigung ist es für diese Menschen eine besondere Herausforderung, Kinder aufzuziehen. Hier ist es wichtig, dass sie sich Rat und Hilfe holen, zum Beispiel über familienplanung.de oder Familienratgeber.de. Weitere Anlaufstellen können auch der VdK oder die Behindertenbeauftragten der Städte und Gemeinden sein. Über diese Stellen werden auch Hilfen vermittelt, so zum Beispiel Dolmetscher*innen für Gehörlose oder Hilfen für sehbehinderte oder blinde Eltern. Auch werden hier Beratungen über finanzielle Beihilfen gegeben. Als Hilfe kommen die "Elternassistenz" oder die "begleitete Elternschaft" infrage. Bei der Elternassistenz entscheiden die Eltern über Art und Umfang der Hilfen. Dort erhält man auch Informationen über die Kosten. Bei Menschen mit psychischer oder geistiger Behinderung kann auch eine begleitete Elternschaft infrage kommen. Je nach Bedarf werden die Eltern dann beraten und unterstützt. 

Welche Herausforderungen erwarten die Eltern?

Jeder, der ein Kind aufgezogen hat, weiß, dass man immer wieder unverhofft auf neue Herausforderungen trifft. Doch bei Eltern mit Behinderung können gerade alltägliche Dinge sich als schwierig gestalten. So ist es für sehbehinderte oder blinde Eltern am Anfang schwierig, das Kind zu füttern, es zu wickeln oder zu baden. Gesetzlich versicherte Personen haben in diesem Fall Anspruch auf die Unterstützung einer Hebamme, die bis zum zehnten Tag täglich ins Haus kommt und hilft. Darüber hinaus kann bei der Krankenkasse oder dem zuständigen Sozialhilfeträger eine Rehabilationslehrer*in beantragt werden. Diese kann helfen, mit den neuen Anforderungen, welche sich durch die Geburt ergeben haben, zurechtzukommen. Darüber hinaus gibt es Hilfsmittel, die sich bei der Versorgung eines Babys bewährt haben: 

  • ein Farbscanner oder eine Farbscanner-App,
  • ein sprechendes Fieberthermometer,
  • ein Messbecher mit fühlbarer Skala oder eine sprechende Waage,
  • ein Strichcode-Lesegerät, etwa für den Griff zum richtigen Medikament,
  • ein Tropfenzähler, falls dem Säugling ein Medikament in Tropfenform gegeben werden muss.

Wichtig sind auch entsprechende Tragehilfen und ein sicherer Wickelplatz. Dabei helfen Hebammen oder Rehabiliationslehrer*innen. Besonders querschnittsgelähmte Elternteile bedürfen der Unterstützung, bereits während der Schwangerschaft. Hierzu gehören bereits im Vorfeld ausgiebige medizinische Untersuchungen und Beratungen, um Komplikationen zu vermeiden, die durch die Schwangerschaft entstehen können. Auch muss früh genug eine passende Hebamme gefunden werden, hier sind die Beleghebammen prädestiniert. Je früher man sie findet, umso eher kann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Auch kann die Hebamme sich so auf die Schwangere einlassen und sie kennenlernen. Querschnittsgelähmte Personen können unter Umständen die Wehen nicht spüren. Hier leitet die Hebamme die Schwangere an, zu ertasten, wie sich Wehen anfühlen und welche anderen Anzeichen für Wehen sprechen. Nach der Geburt ist sie weiterhin als Unterstützung dabei, um die Mutter an die Tätigkeiten heranzuführen und ihr zu helfen, diese möglichst selbstständig ausüben zu können.

Elternassistenz und begleitete Elternschaft

Die Elternassistenz ist vor allem für Eltern mit Körper- oder Sehbehinderungen die wichtigste Hilfe im Alltag. Auch Elternteile mit chronischen Erkrankungen nehmen diese oft in Anspruch. Die Assistent*innen unterstützen hier die Eltern bei verschiedenen Aufgaben im Alltag. Es gibt dabei noch einen Unterschied zwischen der "einfachen" und der "qualifizierten" Assistenz. Bei der einfachen Assistenz werden die Eltern bei bestimmten Handlungen oder Tätigkeiten unterstützt: beispielsweise wickeln, füttern, anziehen oder die Eltern bei diesen Tätigkeiten unterstützen. Hier ist keine besondere Qualifikation erforderlich. Bei der qualifizierten Assistenz werden zusätzlich Anleitungen, Beratung oder Übungsangebote mit durchgeführt, um den Eltern dabei zu helfen, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu erfüllen. Hier kommen nur speziell ausgebildete Fachkräfte infrage.

Die begleitete Elternschaft ist dann sinnvoll, wenn ein Elternteil oder beide eine geistige Behinderung aufweisen. Hier wird geholfen, den Tagesablauf zu planen, unterstützt bei den alltäglichen Arbeiten und auch bei den finanziellen Herausforderungen. Bei der begleiteten Elternschaft liegt der Schwerpunkt darauf, Überforderung der Eltern zu vermeiden und deren Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Durch Beratung, Ermutigung und Bestätigung wird das Selbstbewusstsein der Eltern gefördert. Auch wenn es mit Unterstützung der begleiteten Elternschaft oft gut gelingt, ein Kind in der Familie mit Eltern mit Behinderung aufzuziehen, kann es sein, dass eine Trennung von den Eltern unumgänglich wird.

So zum Beispiel, wenn die Eltern durch ihre Behinderung oder andere auftretende Faktoren nicht mehr in der Lage sind, das Kind entsprechend zu versorgen. Aber auch hier unterstützt die begleitete Elternschaft, um das Kindeswohl zu sichern und eine Lebensperspektive zu erarbeiten, bei denen Eltern und Kind zwar nicht mehr zusammenwohnen und die volle elterliche Verantwortung tragen, aber die familiäre Bindung dennoch erhalten bleibt. Dies ist allerdings der letzte Schritt. Zunächst ist eine vorläufige Betreuung bei den Familien der Eltern oder einer Pflegefamilie in Betracht zu ziehen. Eine solche Trennung kann nur durch einen Beschluss des Familiengerichts erfolgen. 

Abtreibung - darf sie angeordnet werden?

Darf die Schwangerschaft bei behinderten Müttern durch eine Abtreibung beendet werden? Generell gilt hier der § 218. Eine Abtreibung, nur weil die Mutter eine körperliche oder geistige Behinderung aufweist, kommt demnach nicht infrage, selbst wenn sie unter staatlicher Obhut steht. Es gelten die gleichen Regeln wie für nicht-behindere Mütter, eine Abtreibung kann hier unter Umständen sogar strafbar sein.

Es gibt zwei Ausnahmen, die allerdings auch für nicht-behinderte Mütter gelten. Ist die Schwangerschaft aufgrund einer kriminologischen Indikation, also einer Vergewaltigung, zustande gekommen oder wenn durch die Schwangerschaft Lebensgefahr oder die Gefahr einer ernstlichen Gefährdung der körperlichen oder geistigen Gesundheit für die Mutter besteht, bleibt der Schwangerschaftsabbruch straffrei.

Allerdings darf auch hier der Staat dies nicht anordnen.

Fazit

Es ist für Menschen mit Behinderung eine besondere Herausforderung, wenn sie Eltern werden. Der Staat bietet hier mit diversen Programmen Hilfe und Unterstützung an. Diese, sinnvoll genutzt, können auch Eltern mit Behinderung ein Familienleben und einem Kind ein wohlbehütetes Umfeld ermöglichen.