Die Erdbeben-Katastrophe in Nepal hautnah miterlebt hat Birgit Kirsch aus Bad Königshofen. Sie ist Chirurgin an der Herz- und Gefäßklinik des Rhönklinikums in Bad Neustadt. Im Raum Bad Königshofen ist sie daneben auch als Notärztin im Einsatz.

Ihren Urlaub nutzt sie meist dazu anderen Menschen mit ihrem ärztlichen Können zu helfen. Seit 2002 Jahren fährt sie jährlich mindestens einmal für vier Wochen nach Nepal und arbeitet dort freiwillig und unentgeltlich in der Klinik Medihimal in Kathmadu. So war es auch diesmal, als sie zwei Tage vor der Katastrophe dort ankam und das schwere Erdbeben miterlebte. In einer Art Tagebuch hat sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben.

So berichtet, sie, dass ein Ärzteteam größere Teile der Stadt Kathmandu durchquert hat. Besonders die Altstadt ist am Schlimmsten betroffen.
Außerdem ist mittlerweile bekannt, dass die Schäden in den Häusern häufig ausgeprägter sind, als man von außen vermutet. Eine Schule sieht von außen fast unbeschadet aus, "innen haben die Wände Risse, dass man an der Stabilität des Gebäudes zweifeln möchte."

Nach wie vor campieren noch sehr viele Menschen im Freien. Birgit Kirsch berichtet von mobilen Toiletten und guten Zelten aus China. Die Chirurgin sagt: "Etwas ist also zumindest an manchen Stellen angekommen."

Sehr viele Menschen verlassen die Stadt, vermutlich gehen sie zu ihren Familien in den Dörfern: die Rede ist von 300.000. Kirsch bestätigt aber auch die Informationen der Medien, dass in den Dörfern in der direkten Umgebung von Kathmandu noch keine Hilfe angekommen ist, jedenfalls nicht von offizieller Seite.

In Kathmandu liegt das Annapurna Hospital. Hier ist zwar das Gebäude beschädigt, aber Patienten können versorgt werden. Auch die Operationssäle sind intakt. Anfang Mai ist der größte Ansturm von Patienten vorbei. Bei den Operationen, vor allem bei Frakturen werden die Implantate knapp.

Laut Birgit Kirsch werden Marknägel für lange Röhrenknochen, Platten, Schrauben für lange Röhrenknochen, Pedikelschrauben, Cages für Wirbelsäule gebraucht. Auch am Annapurna-Krankenhaus werden Erdbebenopfer kostenfrei behandelt. Eine staatliche Unterstützung fehlt bislang. Die Ärztinnen und Ärzte gehen in ihrer Freizeit in die umliegenden Dörfer und verteilen dort Nahrungsmittel, Decken, Planen, Wasserfilter, Kochgeschirr und weitere Hilfen. Auch hier ist die Notärztin aus Bad Königshofen natürlich im Team mit dabei. Sie will den Bedarf ermitteln und ist froh, dass die Läden und Supermärkte noch gut bestückt sind.

Im Kathmandu Model Hospital sind die OPs nur bedingt nutzbar. Ein Not-OP wurde im Erdgeschoss eingerichtet, Traumapatienten werden nach Kirtipur verlegt. Im Kathmandu Model Hospital operiert unter anderem ein Team aus Südafrika. Mittlerweile ist ein Ärzteteam nach Sindhupalchuk, dem schwerst betroffenen Bezirk, unterwegs. An der Klinik Kirtipur sind nur minimale Gebäudeschäden. Birgit Kirsch berichtet dazu: "Alle Stationen sind rappelvoll, aber es campieren keine Patienten im Freien. Hier werden auch Patienten aus dem Distrikt Sindhupalchuk versorgt, die von der Armee und privaten Hubschrauberunternehmen ausgeflogen und mit den Ambulanzen am Flughafen abgeholt wurden. "

Das Bir Hospital ist das größte staatlich Krankenhaus der Stadt. Die Chirurgin der Herz- und Gefäßklinik Bad Neustadt hat in ihrem Bericht aber auch noch einige "Anmerkungen" angefügt: Angesichts der Nicht-Vorgehensweise der Nicht-Regierung ist es nur dem Fakt geschuldet, dass die Nepali ein so freundliches, duldsames Völkchen sind, dass hier noch kein Aufstand ausgebrochen ist. Derweil nimmt man die Situation mit dunkelschwarzem Humor! Und: man glaubt nicht, was das erste ist, was dem Land hier ausgeht: Plastiktüten! "Bei jedem Einkauf wird man eingedeckt mit Plastiktüten (wogegen ich mich schon immer gewehrt habe) - jetzt gibts keine mehr: Hurra!"

Schließlich nennt sie noch einige Besonderheiten, die ihr aufgefallen sind. Zum einen: die große Stupa ist unbeschädigt, nur die Gebetsfahnen, die von dort ausgespannt waren, sind abgerissen und haben sich um die Augen des Buddha gewickelt. Das Wetter ist für die Jahreszeit zu kühl und es regnet zu viel. Etwas das schlecht für die Hygiene ist und die Gefahr von Erdrutschen in den Bergen erhöht. Die Ärztin hat im Erdbebengebiet aber auch Notcamps gesehen. Viele Menschen campieren immer noch im Freien, z um Teil aus Angst vor neuen Erdstößen aber auch, weil sie keine Zuhause mehr haben.

Bei einem Besuch im Grande International Hospital stellte Birgit Kirsch fest, dass das Gebäude aufgrund einer statischer Prüfung stabil ist. Die Patientenaufnahme ist jetzt im Foyer und vor dem überdachten Haupteingang. Hier finden auch ambulante Versorgungen statt. Die Patienten liegen zum Teil auf den Gängen.

Nach und nach werden gerade die oberen Stockwerke mit den Operationssälen wieder in Betrieb genommen. Mittlerweile kommen auch Patienten aus dem Umland. Birgit Kirsch erklärt: "Und zwar alle in Eigenregie: in der berühmten 2-Mann-Ambulance, in Privat-Jeeps, zusammengepfercht auf der Ladefläche. Nix Search and Rescue!"

Für die Patienten ist alles kostenfrei: angefangen von Essen und Wasser auch für ihre Begleitung bis hin zu eventuell notwendigen Implantaten. Die Ärzteschaft arbeitet unentgeltlich. "Die Nicht-Regierung hat vollmundig versprochen, für die Patientenversorgung Gelder und Materialien zur Verfügung zu stellen. Bisher ist null und gar nix angekommen."

Da die Klinik keine Einnahmen hat, aber Kosten, wird die finanzielle Situation prekär: man finanziert sich derzeit aus privaten Zuwendungen." Es fehlt inzwischen aber auch am ganz alltäglichen Bedarf: Verbandsmaterial, Wunddesinfektionsmittel, Handschuhe. Die Ärzte im Hospital bitten dringend um Unterstützung bei den genannter Materialien und: es wird Geld gebraucht, um die weitere unentgeltliche Patientenversorgung gewährleisten zu können (Essen und Wasser für die Patienten muss auch gegen Bares von der Klinik eingekauft werden).
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Mittelfristig werden vor allem Zelte/Notunterkünfte gebraucht: der Monsun kommt bald und es regnet jetzt schon ungewöhnlich viel, schreibt die Ärztin. Sie verweist aber auch auf dringend notwendige Spenden: Für diese Aktion würde ich etwas Geld brauchen. Noch verfüge ich über etwas Bares, die Geldautomaten funktionieren auch wieder. Die Bad Königshofener Notärztin fasst zusammen: Also Leute, auf geht´s, packen wir´s an - sonst tut es keiner!