Seit dem 12. Februar ist Boris Schommers (40) Chef-Trainer des vom Abstieg bedrohten Fußball-Bundesligisten 1. FC Nürnberg. Zuvor war der gebürtige Leverkusener Assistent des später geschassten Michael Köllner. Obwohl der Club unter Schommers nun deutlich stabiler agiert, hat es bislang noch nicht zum dritten Saison-"Dreier" gereicht. Am Samstag (15.30 Uhr) steht für das Liga-Schlusslicht gegen den FC Augsburg das erste von zwei Endspielen um den Klassenerhalt an. Im Interview spricht er über den kommenden Gegner, über Druck-Situationen und über seine Akribie bei der Analyse.

Herr Schommers, fangen wir mal ganz untypisch an. Es macht trotz der schwierigen sportlichen Situation Spaß, Trainer des 1. FC Nürnberg zu sein, weil ...

Boris Schommers: ...es für mich natürlich ein Privileg ist, als Trainer in der Bundesliga arbeiten zu dürfen. Weil der 1. FC Nürnberg ein Traditionsverein ist. Weil es einfach sehr viel Spaß macht.

Wie schätzen Sie die Chancen auf den Klassenerhalt ein - viel Zeit bleibt schließlich nicht mehr?

Schommers: Wir schätzen die Situation schon realistisch ein und wissen, dass es nur noch eine geringe Wahrscheinlichkeit gibt, die Klasse zu halten. Dennoch glauben wir auch aufgrund der Leistungen der vergangenen Wochen daran, dass wir diese kleine Chance haben. Unser Ziel ist klar: Wir wollen alle überraschen, indem wir diese kleine Chance wahrnehmen.

Die kommenden beiden Partien gegen Augsburg und Stuttgart dürften entscheidend dafür sein, ob der Club in der kommenden Spielzeit weiter in der Beletage mitmachen darf. Was ist Ihr Rezept, um den ohnehin bereits vorhandenen Druck vor diesen Begegnungen nicht noch größer werden zu lassen?

Schommers: Mein Fokus liegt auf der Vorbereitung für das nächste Spiel gegen Augsburg. Wir arbeiten im Trainerteam sehr akribisch daran, dass wir das Optimum aus dieser Mannschaft herausholen, um gegen Augsburg die Punkte im heimischen Stadion zu halten. Wenn es um den Druck geht: Den größten Druck, den wir haben, legen wir uns selbst auf. Wir haben intern unsere Erwartungen - und das ist das, was wir erfüllen müssen. Alles, was von außen kommt, ist für uns sekundär. Wir wollen ein gutes Spiel machen, wir wollen unser Maximum erreichen."

Sie haben dem Team insgesamt wieder mehr Stabilität verliehen - allerdings zu Lasten der Offensive.

Schommers: Das ist aus meiner Sicht nicht ganz richtig. Wir haben eine veränderte Ordnung, wir haben eine gute Struktur gegen den Ball. Wenn man sich die zurückliegenden Spiele anschaut, dann haben wir es da auch geschafft, uns gegen diese Top-Mannschaften von Spiel zu Spiel mehr Torchancen herauszuspielen. Deshalb glaube ich, dass wir auch in der Offensive eine Entwicklung zeigen und auf einem positiven Weg sind.

Sind Sie vom Trainer-Typ eher Jürgen Klopp oder Huub Stevens?

Schommers: Grundsätzlich würde ich nicht sagen, dass ich eher der eine oder andere Trainer-Typ bin. Jürgen Klopp und Huub Stevens sind beide sehr erfahrene und erfolgreiche Trainer. Als jüngerer Trainer kann man sich von jedem Trainer etwas abschauen. Man hat als Trainer ja seine eigenen Vorstellungen, die es immer weiterzuentwickeln gilt. Da schaut man dann national oder international schon mal bei anderen Trainern genauer hin und überlegt, wie das vielleicht in die eigene Spiel-Philosophie reinpasst. Mir ist wichtig, immer authentisch zu bleiben.

Sie werden als ehrgeizig und akribisch beschrieben: Sitzen Sie auch abends noch vor dem Rechner und analysieren Gegner, Spielzüge, Fehlerketten?

Schommers: Ich glaube, die Beschreibung meiner Person mit ehrgeizig und akribisch trifft insofern schon zu, dass ich versuche, mich und gerade auch die Mannschaft bestmöglich auf ein Spiel vorzubereiten. Und das geht nur über eine akribische Analyse. Der Fußball ist dynamischer und komplexer geworden, deshalb muss man sich auch auf mehrere Situationen einstellen können. Man muss ein gutes Bild von den Gegnern haben, um die Spieler darauf vorbereiten zu können und ihnen entsprechende Lösungen für verschiedene Situationen an die Hand geben. Da ist es logisch, dass die Arbeitstage momentan sehr lang sind.

Beim 1. FC Köln waren Sie mit der U17 und U19 erfolgreich, wurden mit dem jüngeren Jahrgang 2011 sogar Deutscher Meister. Was macht ein Nachwuchs-Traineranders als ein Profi-Trainer?

Schommers: Grundsätzlich hat sich an der Art und Weise meiner Arbeit nicht besonders viel geändert. Aus meiner Sicht kann und sollte man auch einen Spieler in der ersten Bundesliga fördern und weiterentwickeln. Natürlich geht es bei erfahrenen Profis darum, dass man in der Ansprache und der Kommunikation einen anderen Weg wählt. Aber sobald die Spieler merken, dass du authentisch bist, dass du sie verbessern willst und es auf eine konstruktiv kritische Art machst, will sich jeder Spieler verbessern. Und letztendlich gieren die Spieler auch danach, Hilfestellungen zu bekommen.

Sie haben Ihren A-Trainer-Lehrgang unter anderem mit dem ehemaligen Nationalspieler und Trainer des SV Werder Bremen, Torsten Frings, absolviert. Auch Florian Kohfeldt, der aktuelle Werder-Coach, gehörte dem Absolventen-Jahrgang von 2015 an. Wer aus diesem Trio war der Beste?

Schommers: Einen Besten kann man aus meiner Sicht nicht hervorheben. Es waren in dem Lehrgang noch viele andere Kollegen, die es mittlerweile auch in den Profi-Bereich geschafft haben, wie zum Beispiel Marco Rose, der aktuell in Salzburg Trainer ist. Grundsätzlich war es ein sehr befruchtender Lehrgang, nicht nur, weil man sich in den Unterrichtseinheiten weiterentwickelt hat. Gerade auch die Diskussionen unter Kollegen abseits des Unterrichts haben dazu geführt, dass man seinen praktischen Horizont erweitert hat. Deshalb würde ich nicht einen herausheben, wobei Florian Kohfeldt den Kurs als Jahrgangsbester abgeschlossen hat - und das sicherlich nicht zu Unrecht.

Als Erstliga-Trainer gehören Sie einer exklusiven Zunft an, deren Halbwertzeit nicht mit normalen Maßstäben zu messen ist. Hat dieses permanente "Liefern müssen" Auswirkungen auf Sie?

Schommers: Es ist mir bewusst, dass es für mich ein Privileg ist, aktuell einer von 18 Bundesliga-Trainern sein zu dürfen und ich dadurch im Fokus der Öffentlichkeit stehe. Aber das löst bei mir keinen höheren Druck aus. Es hat auch keine indirekten oder direkten Auswirkungen auf mich, weil ich - und so spiegeln es mir auch meine Freunde - genauso geblieben bin, wie ich vorher war und es auch keinen Grund gibt, das zu ändern. Die einzige Sache, die sich geändert hat, ist, dass ich nun mehr Medientermine habe, was dazu führt, dass die Zeit noch knapper ist.

Als Rheinländer sind Sie "Flönz", "Halve Hahn" und Kölsch gewöhnt. Wie bekommt Ihnen denn die fränkische Küche?

Schommers: (lacht) Ich habe 17 Jahre lang in Köln gelebt und bin jetzt seit knapp zwei Jahren in Nürnberg im Frankenland. Ich gebe zu, dass mir das Kölsch immer noch besser schmeckt, aber dafür gibt es hier im Fränkischen sehr leckere Weißweine.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie als "Chef" in Ihr erstes Derby gegen den FC Augsburg?

Schommers: Uns ist bewusst, dass es ein sehr wichtiges Spiel ist. Wir spielen zuhause und gehen diese Partie natürlich mit der Intention an, diese zu gewinnen. Ganz grundsätzlich ist unser Ziel - mal abgesehen vom Ergebnis -, dass wir nach dem Spiel unsere eigenen Erwartungen erfüllt haben und unsere Fans das Gefühl haben, dass die Mannschaft alles investiert hat. Ich bin überzeugt davon, dass wir eine sehr gute Chance haben, dieses Heimspiel zu gewinnen, wenn wir die Leistung so abliefern, wie wir es in den vergangenen Wochen getan haben."

ein Artikel von Dirk Kaiser

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