• Schwabach: Profi-Golfer Robin Smiciklas leidet unter Tourette-Syndrom
  • "Ich war leichte Beute": 30-Jähriger berichtet von Mobbing-Attacken
  • "Auf einmal Fesseln gesprengt": Erfahrung bei Turnier verändert sein Leben
  • Sportler hat nach Beobachtungen einen Verdacht - "bin sicher nicht der Einzige"

Das Tourette-Syndrom: Wer den Namen der Krankheit hört, hat häufig ein ganz bestimmtes Bild vor Augen. In den sozialen Medien, etwa auf Instagram und TikTok, kursieren massenhaft Videos von Betroffenen, die mit ihren Tics hohe Reichweiten erzielen. Schimpfwörter und kuriose Wortneuschöpfungen mitten im Satz sorgen für Reaktionen und Lacher im Netz. Doch aus Sicht der Wissenschaft und auch aus der Perspektive des Schwabachers Robin Smiciklas ist dies eine starke Verzerrung der Realität. Smiciklas ist Profi-Golfer, auf dem besten Weg in die höchsten internationalen Ligen - und er hat Tourette. "Die wenigsten Erkrankten äußern wilde Beschimpfungen", erklärt der 30-Jährige. Gerade dieses falsche Bild führe dazu, dass sich viele Betroffene oft versteckten, sagt er. Mit seiner besonderen Geschichte will er anderen jetzt Mut machen. 

30-Jähriger mit Tourette: Erkrankung begann im Kindesalter - "hat mir zuerst niemand geglaubt"

Alles habe mit einem Skiurlaub angefangen. "Ich war damals acht Jahre alt und wir waren mit dem Auto auf dem Weg in die Berge. Meine Mutter saß mit ihrem Lebensgefährten vorne, mein Bruder und ich hinten im Auto", so Smiciklas. "Dann haben plötzlich die ganze Zeit meine Beine gegen ihn geschlagen." Sein Bruder habe gedacht, er wolle ihn ärgern, erzählt er. "Meine Mutter hat verständlicherweise geschimpft. Dass ich nichts dagegen tun konnte, hat mir zuerst natürlich niemand geglaubt."

Doch als auch Robins Arme zu zucken begannen und die motorischen Ausfälle stärker wurden, sei schnell klar gewesen, dass etwas nicht in Ordnung sei. "Etwa ein halbes Jahr später sind dann auch Geräusche dazugekommen, die ich nicht kontrollieren konnte." Er beschreibt sie als "Schniefen, teilweise klingt es auch, als würde ein Hund gleich anfangen zu bellen". Richtige Worte habe er jedoch nie von sich gegeben. "Meine Mutter war sehr besorgt und wollte unbedingt herausfinden, was dahintersteckt."

Nach mehreren Monaten und unzähligen Besuchen bei Ärzten dann die schockierende Diagnose: Der sportliche Junge, dessen Eltern eine Profi-Tennisschule betreiben, leidet unter dem Tourette-Syndrom - eine Erkrankung des Nervensystems, die bis zu ein Prozent der Weltbevölkerung betrifft und sich durch das Auftreten verschiedener Tics kennzeichnet. "Zum Glück hielt mir meine Familie damals den Rücken frei", sagt Smirciklas heute. 

Schwabacher mit Tourette wird gemobbt - "Golf hat mir Respekt verschafft"

Auf weniger Verständnis trifft er damals hingegen bei Gleichaltrigen: "In der Schule war ich leichte Beute." Nach der Trennung seiner Eltern und einem Umzug nach Oberfranken entwickelt er gleichzeitig eine Faszination für den Golfsport. "Der Lebensgefährte meiner Mutter hat mich in den Golfclub nach Thurnau mitgenommen. Das Tolle am Golf war, dass ich niemanden dafür gebraucht habe, ich konnte es für mich alleine spielen", sagt Smiciklas, der damals "alles dafür tat, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen". 

Die "rasanten Fortschritte" beim Golf hätten ihn als Teenager auch zunehmend vor den "Angriffen anderer Jugendlicher", vor Mobbing-Attacken gewappnet und ihm Respekt verschafft - "denn darin war ich wirklich gut". Wenige Jahre, nachdem er zum ersten Mal einen Golfschläger in der Hand gehabt hatte, sei er bereits der "jüngste Clubmeister der Bayreuther Vereinsgeschichte" gewesen, erzählt Smiciklas. Wie aber ist es möglich, dass ein Tourette-Erkrankter im Golf seine Erfüllung findet - einem Sport, in dem kleinste Handbewegungen und absolute Konzentration als Weg zum Erfolg gelten? "Man läuft fünf Stunden über den Platz, aber entscheidend sind nur ein paar wenige Sekunden."

Gerade dieser Fokus habe es ihm ermöglicht, "die Tics zurückzuhalten", sagt Smiciklas. Das habe "viel Übung" gebraucht, ihm aber auch im Alltag sehr geholfen, "die Kontrolle wiederzugewinnen, die ich durch die Krankheit verloren hatte". Nach der Schule zieht es Smiciklas von Oberfranken nach München, wo er eine Ausbildung als Golf-Trainer abschließt, die es ihm auch ermöglicht, an bestimmten Turnieren teilzunehmen. "Ich habe an sieben Tagen die Woche gelehrt und in den Pausen und bis in den späten Abend trainiert", erzählt er. 

Franke spielt das wichtigste Golfturnier seiner Karriere - dann bricht ein neuer Tic aus

Und das zahlt sich aus. 2018 spielt Robin Smiciklas eines seiner ersten größeren Profiturniere, das "Short Track Matchplay" in München, das in einem für den Golfsport außergewöhnlichen 1-gegen-1-Modus stattfindet. Im Achtelfinale trifft der ambitionierte Mittzwanziger auf den bisherigen deutschen Meister - und kann diesen zur großen Überraschung aller schlagen. Als er schließlich im Finale steht, kann er es selbst kaum fassen. "Ich hatte mich lange versteckt, hatte Zweifel daran, ob ich es wirklich schaffen kann, Fuß zu fassen." 

Doch nun scheint dem großen Triumph kaum mehr etwas im Weg zu stehen - außer dem Wetter. "Ich erinnere mich noch ganz genau, ich stehe auf dem Platz, es gibt einen heftigen Regenschauer und dann - kurz vor dem Schlag - mitten im Finale beginnt plötzlich das Zucken im Zeigefinger." Er habe sofort gewusst, dass es ein neuer Tic sei, sagt der 30-Jährige, der "irgendwo zwischen Schock und Akzeptanz stand". 

"Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich hab gesagt, ich ziehe das durch", erinnert er sich. "Dann habe ich einfach gewartet, bis es vorbei war. Den Tic rausgelassen, wie er kam." Smiciklas, im bisher wichtigsten Spiel seiner Karriere, bleibt ruhig - und gewinnt. "Dieser Moment hat auf einmal die Fesseln gesprengt", sagt er heute. "Ab da begann ich daran zu glauben, dass ich gewinnen kann". Seit 2019 lebt Smiciklas jetzt mit seiner Partnerin im mittelfränkischen Schwabach - und verfolgt einen großen Traum.

"Was die besten Spieler unterscheidet": Robin Smiciklas will hoch hinaus - und ein Vorbild sein

"2026 will ich ganz oben sein, da wo die besten Spieler weltweit stehen. Ich möchte wichtige internationalen Turniere, gewinnen, auf der PGA oder der European Tour", sagt Smiciklas. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint. "Ich bin aktuell noch immer Golftrainer, während die meisten meiner Konkurrenten das hauptberuflich machen. Ich trainiere den ganzen Tag andere Menschen, nicht mein eigenes Spiel. Und trotzdem kann ich Profi-Turniersiege in höheren Klassen vorweisen", sagt er selbstbewusst. Und: "Was die besten Spieler der Welt von anderen unterscheidet, ist vor allem der Kopf, die Fähigkeit, absolute mentale Stärke zu zeigen und sich zu 100 Prozent unter Kontrolle zu haben."

Gleichzeitig sei auch seine Erkrankung ein Antrieb für ihn. "Ich weiß, dass ich bei weitem nicht der Einzige bin, es gibt viele Profi-Sportler, die auch Tourette haben - wenn man selber betroffen ist, erkennt man das." Deshalb wolle der 30-Jährige ein Vorbild dafür sein, offen mit der Erkrankung umzugehen. "Ich will mich nicht mehr verstecken", sagt er. "Wenn man mich fragt, wer ich bin, dann sage ich: Ich bin Robin, 30, ich bin professioneller Golf-Sportler und ich habe das Tourette-Syndrom." 

Er habe die Erfahrung gemacht, dass diese Transparenz auch mehr Verständnis erzeuge. Etwa Verständnis dafür, dass "jemand mit der Krankheit abends viel erschöpfter ins Bett geht, weil er unter dem Tag immer wieder Tics unterdrücken musste." Er verurteile es nicht, wenn Betroffene, die Schimpfwörter äußern, zum Beispiel auf TikTok ironisch damit umgehen. "Das Problem ist aber, dass die wenigsten Menschen die 'unklareren' Anzeichen erkennen, die bei den meisten Erkrankten auf Tourette hinweisen." Die Hemmschwelle muss fallen - auf beiden Seiten, davon ist der Schwabacher fest überzeugt. Dann sei es auch Betroffenen möglich, trotz Tourette die eigenen Ziele zu erreichen. Und seien sie noch so groß. 

Auch interessant: "Leider haben wir es nicht geschafft" - Tierschützer trauern um Hund Effe - "Kämpferherz" hat aufgegeben