Magisch leuchtet die Neonreklame. In fluoreszierenden Buchstaben funkelt "Kino" durch die Nacht. Viel mehr Werbung braucht die Meisengeige nicht. Über dem Eingang prangt noch in schnörkelloser Schrift das Banner von Bäckermeister Gustav Emmert, der hier schon keine Brötchen mehr verkauft hat, als Wolfram Weber den Laden im Schatten des wuchtigen Laufer Schlagturms 1970 mit seinen Brüdern Eckhart und Frank übernommen hat. Damals hatten die Brüder in der ehemaligen Backstube den Filmprojektor aufgebaut. Die Zuschauer hockten auf Holzkisten und schauten Filme, die auch ohne Popcorn gute Laune machten.

Die "Geige" wurde trotzdem oder besser genau deswegen Kult. Mit diesem Konzept wehrte sich das kleine Programmkino in Nürnberg erfolgreich gegen das grassierende Kinosterben im ganzen Land. Die Jahre vergingen, die Geige blieb. Auch als Wolfram Weber die Multiplex-Kino-Stadt Cinecitta in Nürnberg aus dem Boden stampfte, durfte die "Geige" weiter fiedeln.

Generalsanierung für 250.000 Euro gefordert

Im letzten Jahr sollte dann plötzlich alles aus und vorbei sein. Die Stadt forderte aus Sicherheitsgründen eine aufwendige Generalsanierung des Gebäudes. Kostenpunkt: rund 250.000 Euro. Dem Kult-Kino drohte das finanzielle Aus. Doch die Nürnberger wehrten sich gegen die Schließung. Eine Internet-Kampagne zum Erhalt des Kultkinos fand binnen kurzer Zeit immer mehr Unterstützer. Die Stadt lenkte ein und Wolfram Weber erklärte sich bereit, in neue Brandschutzmaßnahmen wie Sicherheitstüren zu investieren. "Ich fand das einfach cool, dass sich so viele Leute für den Erhalt eingesetzt haben", sagt Wolfram Weber.

Der Charme der frühen Jahre weht noch heute durch das Kino. In der Kneipe stehen die Möbel, die Wolfram Weber einst auf Flohmärkten in Paris und Berlin zusammen getragen hat. Nur die alten Kino-Sessel sind durch neue Sitzmöbel im Zuge der Renovierung ersetzt worden. Die Kino-Kasse steht dagegen noch und erinnert von Glühbirnen bunt umrankt an eine alte Filmrequisite. Die Kino-Karten gibt es trotzdem nur in der Kneipe am Tresen. Ruth Brader kauft zur Karte noch schnell eine Bionade. "Ich bin heute mit meinen beiden Töchtern hier. Ich gehe gerne in dieses kleine Kino. Das ist einfach viel entspannter und gemütlicher." Über ein paar Stufen geht es von der Kneipe in den Kino-Saal. An den Wänden erinnern Plakate an die Sternstunden der Filmgeschichte.

Nosferatu bewacht mit diabolischen Augen die Szenerie. Über eine verschnörkelte Treppe gelangt man auf die Empore. Hier wurde früher noch mit den Kinohelden um die Wette gequalmt. Derweil finden immer mehr Zuschauer den Weg von der Kneipe in das Kino. "Ich bin heute zum ersten Mal hier", gesteht Ute Lederer. "Das Flair ist einfach ganz anders als in den großen Kinos. Nicht so kalt und anonym." Während die Bilder über die Leinwand tanzen, stört kein Popcorn-Geknabber die Lust am Kino. Nach dem Film geht das Leben in der Kneipe weiter. Beinahe so als wäre nichts gewesen. Bis zum nächsten Kinoabend in der "Geige".