Als sie vor zehn Jahren ihre kranke Tante in Köln besuchte, verliebte sich Alessandra Brisotto in die deutsche Sprache. Heute ist die gebürtige Venezianerin 47 Jahre alt, hat zwei Bücher auf Deutsch veröffentlicht, ein Poesieband ist beim Literaturfestival "Bamberg liest" entstanden. Seit fünf Jahren wohnt sie in Nürnberg und lebt unter anderem davon, Franken Italienisch beizubringen. "Professoren, Hausfrauen, Geschäftsleute: Ich habe so unterschiedliche Schüler." Sie seufzt: "Aaah! Ich liebe das Unterrichten!"

Lustig sei es in den Kursen. Vor allem, weil die Deutschen den italienischen Humor am Anfang oft nicht verstehen. "Wenn am Abend nach der Arbeit alle müde sind und einer fragt, ob er auf Toilette gehen darf, sage ich: no!" Streng runzelt sie die Stirn und schüttelt den Kopf, dann lacht sie laut - so wie im Unterricht, wo sie dann sagt: "War nur Spaß. Natürlich kannst du auf die Toilette!" Alessandra Brisotto mag diese Art von Humor. "Das ist so in Italien. Wir scherzen, wir lachen viel."

Allen, die glauben, Italiener würden sich genauso wie alle anderen Europäer benehmen, empfiehlt sie die Videos von Bruno Bozzetto. Sie tippt auf ihrem Smartphone herum und sucht einen Clip. Die Venezianerin glaubt, dass die unterschiedliche Kultur in Deutschland und Italien mit dem Klima zu tun hat: "Wir sind viel draußen. Am Abend nach der Arbeit treffen sich alle auf der Piazza und reden." Für Italiener sei es normal, dass auch das, was sie denken und fühlen "raus" muss - am besten mit expressivem Körpereinsatz. "Sprache und Gefühle und Körper sind verbunden. Wir müssen - das siehst du bei mir jetzt auch - wir müssen uns beim Reden bewegen."


Eine Konversation nur mit den Händen

Viele Gesten sind so verbreitet, dass Italiener sich damit auch ohne Worte verständigen können. "Wir können eine ganze Konversation nur mit Händen führen." So kann ein Autofahrer beispielsweise jedem anderen Verkehrsteilnehmer alles mitteilen - von der wüsten Beschimpfung bis zur Liebeserklärung. Alessandra Brisotto zeigt ein paar der bekanntesten Gesten. "Das gehört zu unserem Land", erklärt sie. Politiker würden extra geschult, ruhig zu bleiben und ihre Hände im Zaum zu halten. Bei Berlusconi habe man oft gesehen, wie er die Handflächen verkrampft auf den Tisch presste - und das Gestikulieren doch nicht lassen konnte. "Es gehört einfach dazu."


Flexibilität auf Italienisch

Über die Politik ärgert sich Brisotto oft. "Auch das ist typisch: Für Politik interessieren sich Italiener nicht." Der Familienverbund, Freunde, Nachbarn - die Menschen befassen sich vor allem mit ihrem Umfeld. Manches sehe sie sehr kritisch in ihrem Heimatland. "Auch die Flexibilität! Es ist immer das Gleiche: Jemand sagt, er kommt. Aber dann kommt er zu spät oder morgen oder gar nicht." Das nervt die Wahl-Nürnbergerin. "Manchmal hat diese Art aber auch Vorteile: Wenn jemand etwas Böses macht, sagen wir sofort: Schluss! Ich will dich nie mehr sehen." Und nach fünf Minuten wird zusammen etwas getrunken. Brisotto lächelt: "Typisch Italienisch."

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