Wo sich Touristen durch die Gassen schieben, fühlt sich Alessandra Brisotto nicht wohl. Seit Jahren sei sie nicht am Markusplatz in Venedig gewesen, sagt die gebürtige Venezianerin. "Das ist mir einfach zu voll. Aber ich liebe Venedig." Genau wie ihre Wahlheimat Nürnberg, wo die 47-Jährige seit fünf Jahren lebt. Beide Städte sind für sie eng verbunden. Sie erzählt von den Kaufmannsbüros, die Patrizierfamilien aus Nürnberg früher in Venedig unterhielten und von den Markuslöwen, Wahrzeichen Venedigs, die es heute noch an einigen Stellen Nürnbergs gibt. Alessandra Brisotto macht Stadtführungen durch Nürnberg. Sie schreibt und unterrichtet. Sie ist Künstlerin und clevere Kleinunternehmerin, denn sie verdient ihr Geld nur mit Dingen, die ihr Spaß machen: "Bei meinen Sprachreisen besuchen wir Künstler, Freunde von mir. Und wir fahren in Orte, die hier in Deutschland niemand kennt."


Ab ins italienische Mittelalter

Das können hübsche Dörfer sein, aber auch Kulturdenkmäler. Rom, Neapel, Florenz - Kultur gibt es es in Italien zuhauf, aber nur wenige kennen Matera in der Region Basilikata. "Es ist Weltkulturerbe", sagt Brisotto und erzählt von der Altstadt, die zu großem Teil aus Höhlensiedlungen besteht. Städtereisenden empfiehlt sie außerdem Ascoli Piceno in der Region Marken: "Eine sehr schöne mittelalterliche Stadt." Immer im August findet dort die "Giostra della Quintana" statt, ein Reitturnier, das aufs Mittelalter zurückgeht. Brisotto sucht mit ihrem Smartphone im Internet Fotos von den historischen Gewändern, die die meisten Bewohner dabei tragen. "Schau: toll!"


Der Zauber in der Region Marken

Außerdem findet die Italienerin auch die Gegend rund um Ascoli, die Natur und das Licht in der Region Marken "zauberhaft". Sie versteht nicht, warum so viele Deutsche in die Toskana fahren. "Die Hügel in den Marken sind wunderschön, das Meer ist toll, das Essen ist toll, es gibt kleine Dörfer, mittelalterliche Städte und es ist nicht teuer." Marken ist Brisottos Geheimtipp.


Venedig muss sein

Trotz der Touristenmassen empfiehlt die gebürtige Venezianerin unbedingt auch Venedig. Oft kommt es dort nur darauf an, wann man etwas tut. "Wenn man abends ab 19 Uhr Gondel fährt, ist das schön. Die Tagestouristen sind weg und es ist nicht so ein Verkehr auf dem Wasser!" Beim Karneval sei es zwischen dem "fetten Donnerstag" bis zum "fetten Dienstag" fast unmöglich, sich in der Stadt zu bewegen. Die Tage vorher liebt Brisotto, weil man den Masken an unerwarteten Stellen begegnet. Aber am besten gefällt ihr Venedig im Oktober, wenn der Nebel über der Stadt liegt. "Plötzlich taucht jemand aus einer kleinen Seitenstraße aus und wupp -", sie fegt die Worte mit einer Handbewegung weg, "ist er verschwunden. Venedig versteckt immer etwas."


Geheimnisvolle Küche

Das Geheimnisvolle kultiviert die Stadt sogar beim Essen: "Der Geschmack ist erstaunlich. Venedig hat eine einfache Küche, aber man versteht nicht, was drin ist: Fleisch schmeckt nach Fleisch und Fisch nach Fisch. Venezianer hassen Soßen." Vor allem die wohl dosierten Gewürze und Kräuter machen die venezianische Küche aus. Brisotto empfiehlt kleine Restaurants im Stadtteil Castello, zwischen Markusplatz und Arsenal: "Man kann gut essen. Und gar nicht teuer." Es gebe wenig Touristen, dafür kleine Geschäfte und Venezianer die am Platz Santi Giovanni e Paolo sitzen und schauen. "Die Häuser sind einfach, bunt", Alessandra Brisotto richtet den Blick in die Ferne, lächelt: "Das ist die richtige venezianische Atmosphäre."


Geheimtipp für Verliebte

Das hübsche Bergdörflein Castelluccio in Umbrien ist Alessandra Brisottos Geheimtipp für Verliebte: Zu Füßen des Ortes werden traditionell Linsen angebaut. Weil dabei kein Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt wird, ist das Saatgut mit Wildblumensamen "verunreinigt": auf einem Feld vorwiegend mit Klatschmohn, auf dem nächsten mit Raps und auf dem dritten mit Kornblumen. Zwischen Ende Mai und Juli ist es, als würden Farben in der Landschaft explodieren: rot, gelb und blau. Das blühende "Unkraut" ist ein Phänomen, das tagsüber Touristen zur Fotosafari in die Gegend lockt. "Am Abend sind alle weg", sagt Alessandra Brisotto. "Es gibt ein paar kleine Restaurants, in denen man sehr gut essen kann. Man geht spazieren, schaut auf die Blumen und übernachtet in einer Gaststätte. Sehr romantisch." Castelluccio liegt in einer schönen Gegend am Monti-Sibillini-Nationalpark.


Tipps für Schöngeister und Genießer

Das Schönste an Italien ist für Alessandra Brisotto das Licht. Urlauber können es beim Sonnenuntergang am Meer genießen. "In den Weinbergen finde ich das Licht besonders toll." Die Venezianerin empfiehlt die Regionen Marken und Venetien: die Proseccogegend rund um Valdobbiadene, Tarzo und Conegliano zum Beispiel. "Im Oktober, wenn die Blätter noch grün, und erst ein wenig gelb sind, früh, um Viertel vor Sieben, kommt dieses zauberhafte Licht." Zum Genuss gehören auch die Produkte der Weinberge: In Deutschland wenig bekannt, aber sehr gut seien zum Beispiel die Rotweine Gran Maestro, Amarone und Raboso oder der Weiße Pecorino (Wein, nicht Käse!). "Und besser als Prosecco ist der Cartizze." Beim Essen gebe es in jeder Stadt eine Besonderheit. Aber eins ist überall ein Muss - auch wenn's jeder kennt: "Pizza ist toll in Italien!"


Auch für Familien hat die Wahl-Nürnbergerin eine Empfehlung

Genua in der Region Ligurien ist nicht nur eine wunderschöne Stadt, sondern hat am Hafen auch das zweitgrößte Aquarium Europas (hinter Valencia, Spanien). Der "Walpavillon" mit verglastem Unterwassertunnel ist die neueste Attraktion, bei Kindern sehr beliebt ist auch der Anbau: ein Schiffsrumpf, in dem es offene Becken mit einem nachempfundenen Regenwald gibt und einige Fische angefasst werden dürfen. Einmal im Monat kann vorm Haiaquarium übernachtet werden und der Aquariumsbesuch lässt sich mit einem Ausflug ins Walschutzgebiet ergänzen.