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Michelau
Triathlon

"Jeder wird Verluste in Kauf nehmen müssen"

Jan Frodeno ist mit einer Ausgangssperre belegt. Sebastian Kienle sitzt auf Fuerteventura fest. Andreas Dreitz hängt wie alle mit der Saisonplanung in der Luft. Siegprämien gibt es derzeit für die Profis keine.
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Vorteil einer Einzelsportart - das Training ist leicht alleine zu bewerkstelligen. Foto: Daniel Karmann/dpa
Vorteil einer Einzelsportart - das Training ist leicht alleine zu bewerkstelligen. Foto: Daniel Karmann/dpa
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Vor einer Woche ist Andreas Dreitz vom dreiwöchigen Trainingslager aus Gran Canaria zurückgekehrt. Zwei Tage später erreichte ihn die Absage vom Ironman-Rennen in Südafrika. Dort wollte sich der 31-jährige Profi aus Michelau (Lkr. Lichtenfels) am 29. März für die Langdistanz-WM auf Hawaii im Oktober qualifizieren.

Ausgangssperre für Kienle

Während Dreitz noch gut und sicher an seinen Wohnort Bayreuth gelangte, sitzt Sebastian Kienle, der Roth-Sieger von 2018, in Fuerteventura fest, kann aufgrund einer Ausgangssperre (quasi) nicht mehr trainieren. "Wir dürfen nicht mehr schwimmen, radfahren oder außerhalb des Hotelgeländes laufen gehen. Aber wir machen das Beste aus der Situation. Ich habe zum Glück einen Rollentrainer dabei, und wir werden uns in den nächsten Tagen einige Filme und Serien anschauen", postete Kienle bei Facebook.

Frodeno lebt bei Barcelona

Der dreimalige Ironman-Weltmeister Jan Frodeno (38) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Girona nahe Barcelona. Auch er ist von der Ausgangssperre betroffen. "Ich gehe die Tage ein bisschen lockerer an, auch damit mein Immunsystem nicht am Limit ist. Zudem ist ja relativ sicher, dass - vorsichtig formuliert - in den nächsten Wochen nicht mit Rennen mit ein paar Tausend Teilnehmern zu rechnen ist. Ich habe ein Laufband und eine Rolle fürs Rad zu Hause und werde versuchen, mit einem Gummiband die Schwimmbewegungen zu simulieren. Die nächsten zwei Wochen ist das Training aber auch absolut zweitrangig. Es gibt gerade Wichtigeres als den Sport", sagte Frodeno bei der dpa. Einen Plan B hat "Frodo" nicht. "Es geht jetzt darum, ein gewisses Niveau zu halten und dann zu schauen, wie es weitergeht. Ich nutze die Zeit jetzt auch, um mit meinen Kids abzuhängen und meine Fähigkeiten auf dem Trampolin zu verbessern."

Dreitz' Saisonplanung passé

Ebenfalls in Spanien war Andreas Dreitz. Kurz vor dem Faschingswochenende flog er nach Gran Canaria. "Ich habe bis vor gut einer Woche dort das Corona-Thema nur über die Medien verfolgt. Ich habe mitbekommen, dass auf der Nachbarinsel Teneriffa ein Hotel mit 600 Touristen unter Quarantäne gestellt wurde. Ansonsten habe ich trainiert", erzählt Dreitz. Lediglich ein paar Sandstürme hätten seine Vorbereitung auf den Ironman Südafrika anfangs beeinflusst. "Die Absage des Rennens vor gut einer Woche war ja keine Überraschung mehr. Dadurch ist meine Saisonplanung passé. Das ist erst einmal sehr schade, da ich mich auf große Ziele vorbereitet habe. Nun hänge ich in der Luft." Doch damit haben alle Sportler derzeit zu kämpfen. "Man muss abwarten, was überhaupt noch stattfindet."

Mit der Absage in Südafrika hat neben Dreitz auch Kienle sein Qualifikationsrennen für Hawaii verloren. Wie die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Oktober aussieht, weiß derzeit keiner. Ob für Dreitz eine Absage für das der Challenge-Serie angehörende Rennen in Roth Anfang Juli im Raum steht, um einen Ironman-Wettbewerb für die Hawaii-Quali zu bestreiten, könne er noch nicht sagen. "So weit habe ich noch nicht gedacht. Vielleicht ändert ja Ironman das Qualisystem noch. Die Tickets, die in Südafrika vergeben worden wären, sind ja nun offen", sagt der Michelauer.

Vorbereitungen in Roth laufen

Dreitz würde als Titelverteidiger in Roth antreten. Beim Veranstalter in Frankens Triathlon-Mekka hat man die Vorbereitungen auf das Rennen am 5. Juli nicht unterbrochen. Challenge-Geschäftsführer Felix Walchs-höfer sagte bei nordbayern.de: "Wir arbeiten weiter. Unser Vorteil ist: Bis Juli haben wir noch viel Zeit zu reagieren."

Mit der Genehmigungsbehörde, mit der Politik und mit anderen Veranstaltern steht Walchs-höfer in regem Austausch - auch mit dem Konkurrenzunternehmen Ironman. "Die Situation ändert sich jeden Tag." Im Moment geht es in Mittelfranken so weiter, als ob das Rennen stattfinden würde. "Sollte das Virus abebben und wir können die Challenge durchführen, müssen wir schließlich vorbereitet sein."

Training im mittleren Bereich

Vorbereitet ist Andreas Dreitz. "Ich bin topfit, hätte ja nächste Woche einen Wettkampf gehabt. Ich trainiere nicht am Limit, um gesundheitlich stabil zu bleiben und nicht anfällig für den Virus zu werden." Von Vorteil sei, dass Triathleten Einzelsportler sind und an der frischen Luft trainieren können. Nur Schwimmtraining sei nicht möglich. Die Schwimmbäder sind geschlossen und die Seen höchstens für eine kurze Einheit mit Neopren-Anzug zu nutzen. "Ich trainiere vernünftig aktiv weiter."

Das empfiehlt auch Professor Dr. Martin Engelhardt, ärztlicher Direktor des Klinikums Osnabrück und Präsident der Deutschen Triathlon Union. "Warum soll man nicht an der frischen Luft alleine Sport treiben. Die Viren fliegen ja nicht in Wolken herum."

"Olympia kaum vorstellbar"

Engelhardt, der im Dezember 2018 als DOSB-Präsident kandidierte, äußerte sich auch zu den Olympischen Spielen: "Olympia, bei dem 15 000 Sportler in einem Dorf auf engstem Raum zusammenleben, ist derzeit für mich medizinisch nicht vorstellbar." Das komme auch auf die Sportler an, die ja überwiegend Profis seien. "Die werden ihre Entscheidung auch aus wirtschaftlichen Gründen fällen." Ob im Triathlon die großen Wettkämpfe im Juni und Juli stattfinden können, wolle er nicht ausschließen.

Profi-Triathleten agieren wie Selbstständige, finanzieren sich, ihre Trainingslager und Betreuer selbst und sind von Siegprämien und Sponsoren abhängig. Sie leben - bis auf die Stars der Szene - oft von der Hand in den Mund. Kurzarbeitergeld kommt für die Alleinunternehmer nicht in Frage. "Jeder wird Einschränkungen oder Verluste in Kauf nehmen müssen", sagte Dreitz, "doch der Sport ist derzeit ein Luxusgut und absolut nicht relevant."

Warmer Regen für die Profis

Die PTO, die Professional Tri-athletes Organisation, eine internationale, gemeinnützige Interessensvertretung professioneller Triathleten, wird aufgrund der Corona-Krise und des daraus resultierenden Einnahmeausfalls ihrer Athleten durch Prämien und Sponsoren ihre Jahresprämien 2020 bereits jetzt auszahlen. Die Höhe der Auszahlung wurde dabei von 2 auf 2,5 Millionen US-Dollar erhöht, so dass auch die Athleten auf den Plätzen 21 bis 100 der PTO-Weltrangliste nicht leer ausgehen. Die Athleten auf den Rängen 21 bis 50 bekommen nun 8000 statt 5000 Dollar und die Athleten auf den Plätzen 51 bis 100 jetzt 5000 statt 2000 Dollar. Die Führenden der Rangliste, Jan Frodeno und Daniela Ryf (Schweiz), erhalten jeweils 100 000 Euro. Nach unten staffelt sich das Preisgeld. Rang 20 bekommt noch 10 000 Euro. Andreas Dreitz (Michelau) steht auf Rang 13. Weltmeisterin Anne Haug (Bayreuth) ist Vierte.

Abgesagt wurde der PTO-Collins-Cup, ein Teamwettbewerb wie der Golf-Ryder-Cup, der Ende Mai in Samorin (Slowakei) hätte stattfinden sollen.