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Michelau
Fußball

Ein Dorf feiert sein Jugendteam

Im Jahr 1970 qualifiziert sich die A-Jugend des FC Michelau für die bayerische Meisterschaft. Der Finaleinzug wird knapp verpasst. Die jungen Männer werden von der Euphorie ihrer Fans getragen. Platz 3 wird wie der Titelgewinn gefeiert.
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Die Dorfmannschaft des FC Michelau aus dem Jahr 1970 mit (stehend von links): Werner Kolata, Bernd Rosenbauer, Dietmar Groß, Werner Fischer, Dieter Aumüller, Gerhard Backert, Karl-Heinz Sigmund; (kniend, v. l.) Siegfried Gick, Bernd Czerwenka, Torwart Bernhard Baierlein und Gerd Hahn (†). Auf dem Bild, das vor dem Halbfinale gegen den TSV 1860 München in Straubing aufgenommen wurde, fehlen die Ersatzspieler Manfred Polzin (†), Bernd Schnapp, Roland Schardt und Betreuer Gerd "Zacky" Fischer. F...
Die Dorfmannschaft des FC Michelau aus dem Jahr 1970 mit (stehend von links): Werner Kolata, Bernd Rosenbauer, Dietmar Groß, Werner Fischer, Dieter Aumüller, Gerhard Backert, Karl-Heinz Sigmund; (kniend, v. l.) Siegfried Gick, Bernd Czerwenka, Torwart Bernhard Baierlein und Gerd Hahn (†). Auf dem Bild, das vor dem Halbfinale gegen den TSV 1860 München in Straubing aufgenommen wurde, fehlen die Ersatzspieler Manfred Polzin (†), Bernd Schnapp, Roland Schardt und Betreuer Gerd "Zacky" Fischer. Foto: pr
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Eingeschworene Gemeinschaften, über Jahre gewachsene Mannschaften, Spieler, die alle aus einem Dorf kommen - das gibt es in der heutigen Zeit kaum mehr. Kommt dann noch eine Portion Talent und Euphorie dazu, kann etwas Großes entstehen. So passierte es in den 60er Jahren in der oberfränkischen Korbmachergemeinde Michelau. Die Cinderella-Story endete 1970, als die A-Jugend-Fußballer des FC Michelau an der bayerischen Meisterschaft teilnahmen und dort den dritten Platz belegten.

Die Kicker aus dem 4000-Seelen-Ort trafen damals im Halbfinale auf den TSV 1860 München. Bayerischer Meister wurde der 1. FC Nürnberg.

Treffen des Erfolgsteams vertagt

Dieses Ereignis hat sich dieser Tage zum 50. Mal gejährt. Bernd Rosenbauer, damals der Jüngste im Team, hätte gerne seine damalige Mannschaft versammelt, doch die Corona-Pandemie lässt ein Treffen zurzeit nicht zu. "Vielleicht gelingt es uns ja in den nächsten Monaten, wenn es die Hygiene-Vorschriften zulassen, einen Termin zu finden", sagt der noch immer in Michelau wohnende Rosenbauer. Zwei Teamkollegen sind inzwischen verstorben, doch die meisten seien an einem Revival interessiert, sagt er.

Die Geschichte der Michelauer A-Jugend beginnt schon Jahre vor 1970. Die Jungs gingen fast alle gemeinsam in die Schule und trafen sich nachmittags zum Kicken. "Wir waren echte Straßenfußballer, die sich irgendwann beim FC Michelau zusammentaten und -wuchsen."

Ein Übriges tat damals der Trainer der Michelauer Männermannschaft dazu. Jackl Müller, der als Spieler deutscher Meister mit Mannheim geworden war und bereits als Trainer in Bamberg wirkte. Er nahm auch die A-Jugend unter seine Fittiche. "Ein harter Hund, der keinen Widerspruch duldete und die Mannschaft schliff", beschreibt Rosenbauer den Trainer, der den Ehrgeiz der Jungs geweckt hat. "Der Siegeswillen war da, wir haben nicht mehr nur zum Spaß gespielt." Der Vorsitzende Martin Backert sagte damals: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Spieler in der Saison einmal beim Training ohne triftigen Grund gefehlt hat."

In der Saison 1968/69 wurde die Mannschaft bereits Meister in der Bezirksliga Oberfranken West, unterlag damals aber im Bezirksfinale dem Ost-Meister ATS Kulmbach mit 0:3. Bis auf einen Spieler trat das Team auch im folgenden Jahr wieder in der A-Jugend an und wurde dank starker Offensive (95 Tore in 22 Spielen) erneut West-Meister in Oberfranken mit zwei Punkten Vorsprung vor dem ruhmreichen 1. FC Bamberg. So knapp wurde es aber nur, weil das Team bereits als Meister feststehend seine letzte Partie beim FC Bischberg mit 0:1 verlor. "Das war unser schlechtestes Spiel in diesen zwei Jahren", erinnert sich Rosenbauer, der von Halbstürmer auf Sonderbewacher umgeschult wurde, 50 Jahre später.

Die Begeisterung in der Korbmachergemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon riesig. Der Nachwuchs hatte oft mehr Zuschauer als das Herrenteam. Und die Euphorie stieg noch mehr. Zum Bezirksfinale gegen den FC Bayreuth pilgerten 700 Zuschauer nach Burgkunstadt, 400 davon waren Michelauer. Innerhalb von 13 Minuten schenkten die Michelauer den Bayreuthern vor der Pause vier Tore ein und zogen mit dem 4:1 ins Viertelfinale ein.

600 Michelauer in Kulmbach

Das fand in Kulmbach statt. Der Gegner hieß Jahn Regensburg. "Wenn man von diesem Spiel spricht, kommen noch heute alle Beteiligten ins Schwärmen", erzählt Rosenbauer und schildert mit glänzenden Augen, wie sich sein Team in einen Rausch spielte und angefeuert von 600 Michelauern die Oberpfälzer bei strömenden Regen mit 2:0 bezwang.

So ging es zum Finalturnier nach Straubing und Dingolfing. In dieser Form und mit 250 Fans im Rücken rechneten sich die Michelauer selbst gegen die Münchner Löwen eine Chance aus. In Straubing hielten die Jungs vom Dorfverein gegen den ruhmreichen Klub prächtig dagegen, waren über weite Strecken das bessere Team, trafen jedoch nicht ins Tor.

FCM-Torhüter Bernhard Beierlein, der als einziger nicht aus Michelau, sondern aus dem 1978 eingemeindeten Schwürbitz stammte, hielt seinen Kasten sauber. Die in der zweiten Hälfte drückenden Michelauer hatten viele Chancen, Pech bei einem Pfostentreffer von Kolata und kassierten drei Minuten vor Schluss unglücklich das 0:1. Bei einem Eckball rutschte der Michelauer Hahn aus, was der Münchner Schmitt nutzte und über den Pfosten den Ball ins Tor bugsierte.

Nach dieser Enttäuschung ging es bereits tags darauf in Dingolfing um Platz 3 gegen den TSV Straubing - Anpfiff 9.30 Uhr. Beiden Mannschaften war die Müdigkeit anzumerken. 100 Michelauer Fans, die in der Nähe übernachtet hatten, peitschten die A-Jugend-Jungs nach vorn. Am Ende hieß es 1:1. Straubing und Michelau teilten sich Platz 3.

Den "Korbmachern" war das egal. Sie feierten ihre Spieler überschwänglich. Die Dorfbewohner standen an der Straße und empfingen ihr Erfolgsteam überschwänglich. Die Männer der ersten Mannschaft, damals gerade auf dem Sprung in die Landesliga Nord, warteten mit einer schönen Geste auf und überreichten jedem Spieler einen Blumenstrauß.

Mannschaft zerfällt

Die Erfolge der Michelauer Talente weckten natürlich Begehrlichkeiten bei "großen" Vereinen. Und so zerfiel das A-Jugend-Team zu großen Teilen. "Einige wechselten zum VfB Coburg, nach Bamberg oder Lichtenfels", sagt Rosenbauer, der selbst noch zwei Jahre in der Michelauer Jugend spielte, sich dann aber auch auswärts in Ebersdorf und Coburg ausprobierte. "Unser Vorsitzender Rudi Bayer unternahm Mitte der 70er Jahre eine Rückholaktion. Einige kehrten zurück und spielten für Michelau in der Bezirksliga", berichtet Rosenbauer.

Der gute Ruf, den der FC Michelau damals besaß, und der Ruhm von rund 15 Jahren Landesliga-Zugehörigkeit mit Tausenden Zuschauern am Maindamm ist inzwischen verblasst. Die Männer spielen in der Kreisklasse und stehen ligamäßig im Schatten der Frauen, die jahrelang in der Landesliga oder Bezirksoberliga aufliefen.

Erfolge wie 1970 sind heutzutage für einen Dorfverein nicht mehr möglich. Talente werden früh gesichtet, in Nachwuchsleistungszentren geholt und wechseln - wenn es reicht - zu höherklassigen Klubs. So dürfte ein Triumphzug wie der der FCM-Jugend durch Michelau vor 50 Jahren nicht mehr zu wiederholen sein.

In Erinnerungen darüber schwelgen, ist aber erlaubt. Dies wird demnächst - angesichts der Corona-Lockerungen - sicher wieder passieren, wenn sich die verbliebenen Fußballer von damals treffen.