Seit vergangenem November laufen die Planungen, Gespräche und Verhandlungen. Mit dem Trainergespann Venelin Venkov und Ali Hadidi saßen die Mannschaftsführer Daniel Luptowicz und Heiko Scherer in den vergangenen Monaten oft zusammen und berieten, wie das Ringer-Team für die Bundesliga-Saison 2020 aussehen soll. Wer ist willig, zum AC Lichtenfels zu wechseln? Geben es die Finanzen des Vereins her, den Athleten unter Vertrag zu nehmen? Spätestens da kommen die Vorsitzenden um die Vereinschefin Britta Beier und deren Stellvertreter Stefan Mehl und Ralf Hirle ins Spiel.

Sieglose Saison 2019

Parallel dazu lief noch die Bundesliga-Runde 2019. Bis zuletzt hofften die ACL-Verantwortlichen zumindest auf einen Sieg. In der Abschlusstabelle der Bundesliga-Gruppe Südost stand aber am Vorabend des 4. Advent eine Null.

"Von einer erfolgreichen Saison kann man sicher nicht reden. Wir sind ja mit der Prämisse in die Runde gegangen, mit der partiell verstärkten Aufstiegsmannschaft unser Glück zu versuchen. Ein paar der Neuen waren keine wirklichen Verstärkungen, auch deshalb hat es nicht zu einem Sieg gereicht", bedauert Heiko Scherer im Gespräch mit dieser Zeitung. "Bei den drei knappen Niederlagen, bei denen wir bis in die Schlusssekunden noch Siegchancen besaßen, war es sehr ärgerlich, dass uns, der Mannschaft und den Fans, nicht mal ein Erfolg vergönnt war", fügt Scherer hinzu.

Die übrige Konkurrenz in der sehr starken Südost-Gruppe rang in einer anderen Liga. Auch wenn am Ende kein Mannschaftserfolg zu Buche stand, kann Luptowicz der Saison durchaus positive Aspekte abgewinnen. "Ringer wie Bastian Hoffmann oder Lukas Tomaszek haben super Kämpfe abgeliefert. Viele unserer Jungen haben sich entwickelt und wertvolle Erfahrungen gesammelt, die sie heuer weiterbringen."

Lernjahr auch für die ACL-Macher

Das gilt auch für die Vereinsverantwortlichen. "Das war auch für uns ein Lernjahr", gesteht Luptowicz. Da der ACL sein Vermarktungskonzept im vergangenen Jahr neu aufgestellt hatte, musste man Ringer verpflichten, bevor das Marketingkonzept und der Etat feststand. "Das war nicht einfach."

Auf dem Niveau des Vorjahrs baut nun das Konzept für 2020 auf. Das Vorjahr beendete die Bundesliga-Mannschaft mit einem kleinen vierstelligen Plus. Der Etat wurde um rund 40 Prozent in diesem Jahr ordentlich aufgestockt. "Wir sind aber noch auf Sponsorensuche und ruhen uns nicht auf dem Erreichten aus", versichert Scherer. Er verspricht den Fans ein Team, das besser sei als letztes Jahr, aber auch teuerer.

Damit liegt der AC Lichtenfels aber noch meilenweit von der deutschen Spitze entfernt. Beim deutschen Meister der vergangenen drei Jahre, dem SV Wacker Burghausen, spricht man von einem Saisonetat von rund 400 000 Euro, von dem allein die Hälfte von der Stadt Burghausen kommt. Derzeit wird den Ringern an der Salzach eine neue Halle gebaut. Das Geld der Stadt kommt aus der Chemie-Industrie. Von der Firma Wacker fließen in guten Jahren rund 60 Millionen Euro an Gewerbesteuern in den Stadtsäckel. In Zukunft sollen auch die Basketballer und Handballer bei ihren Aufstiegsambitionen finanziell unterstützt werden.

Davon können die Lichtenfelser um den durchaus sportaffinen Bürgermeister Andreas Hügerich und die ACL-Ringer nur träumen. Sie backen weiter kleinere Brötchen. Das Saisonziel lautet: Nicht wieder Letzter werden.

Klassifikationspunkte im Kader

Die Kader-Zusammenstellung wird durch das Karriere-Ende von Tobias Schütz und Christoph Meixner nicht einfacher. Die beiden Ur-Lichtenfelser schlugen jeweils mit minus zwei in den Klassifikationspunkten zu Buche. Die zehn eingesetzten Ringer pro Kampf dürfen 28 Punkte nicht überschreiten. Da aus dem eigenen Nachwuchs noch nicht so viel Bundesligareifes nachkommt, müssen somit Ringer von außerhalb verpflichtet werden, die mit drei und mehr Punkten zu Buche schlagen. Wie Neuzugang Gabriel Stark, der als deutscher Meister 2017 zum ACL kommt. "Mit seinem deutschen Titel wird er eigentlich noch bestraft im Vergleich mit unserem Neuzugang Marcel Berger, der keinen Titel hat und nur einen Punkt zur Teamsumme beiträgt", kritisiert Scherer das System, das eigentlich für eine gewisse Ausgeglichenheit der Vereine sorgen soll. Ein glückliches Händchen hatten die Mannschaftsführer dafür mit der frühen Verpflichtung von Selcuk Can. Der Türke schlägt mit fünf Punkten zu Buche. Da er vor kurzem bei der EM die Bronzemedaille gewonnen hat, würde er bei einem Vereinswechsel acht Zähler "kosten".

Die Addition von Klassifikationspunkten bis zum Limit von 28 dürfte in der kommenden Saison für Trainer wie Verantwortliche bei der Mannschaftsaufstellung eine wichtige Rolle spielen. "Wir werden wohl stets bis an die Grenze gehen müssen", sagt Scherer und wirbt für Verständnis bei den Fans, dass man nicht unbegrenzt gute Ringer verpflichten könne, da das punktetechnisch nicht funktioniere.

Hannes Wagner Gold wert

Gold wert bei der Sportlerakquise ist für den Verein Hannes Wagner. Das Eigengewächs trägt zwei "Miese" zu den Punkten bei, ist als erfolgreichster ACL-Ringer der vergangenen Saison (9:2-Siege mit 19:2 Punkten) und als EM-Bronzemedaillengewinner das Aushängeschild des Traditionsclubs, der im nächsten Jahr sein 100-jährige Bestehen feiert. "Mit seinen Kontakten zu den deutschen Ringern ist er auch für Neuverpflichtungen wertvoll, denn nicht für alle Ringer ist das, was unter dem Strich an Euro steht, wichtig, sondern auch das Umfeld ausschlaggebend. Und da hilft Hannes ungemein", sagt Luptowicz. Und Scherer fügt an: "Als siegloses Schlusslicht der Vorsaison konnten wir sportlich ja nicht so viel Eigenwerbung betreiben."

Mit dem neuen Kader, dem der Ungar Joszef Andrasi, der Bulgare Miloslav Metodiev, die Polen Andrzej Sokalski und Kamil Kosciolek sowie Achim Thumshirn (beruflich bedingt nach Neumarkt) nicht mehr angehören werden, sehen sich Scherer und Luptowicz derzeit mit Aue, Nürnberg, Greiz und Aufsteiger Markneukirchen auf Augenhöhe. "Ein paar Siege und der Kontakt zum Mittelfeld ist möglich. Man muss erst mal abwarten, wie die Konkurrenz sich verstärkt", sagt Scherer.

Für das Vereinsjubiläumsjahr 2021 ist die Ligenreform mit 14 Teams in der nur noch zweigeteilten Bundesliga und zwei Zweitliga-Staffeln mit 14 Teams beschlossen. Die genauen Regularien (Anzahl der Ausländer, Grenze der Klassifikationspunkte) sind unklar. "Deshalb lassen wir uns offen, ob wir 2021 die Bundesliga oder 2. Liga anstreben", so Scherer, der sich erst einmal auf den Saisonauftakt zum Korbmarktsamstag, 19. September, gegen den deutschen Meister Burghausen freut.

DIE EINZELBILANZEN 2019 Siege  Punkte Hannes Wagner 9:2      19:2 Ahmet Duman 6:2      18:2 Karen Zurabyan 4:3      13:9 Bastian Hoffmann 6:2      12:7 Andrzej Sokalski 5:6     12:14 Krum Chuchurov 5:2      11:3 Rumen Savchev 2:8      6:24 Alex Szöke 2:3       5:6 Miloslav Metodiev 1:4       4:6 Tobias Schütz 2:5      3:12 Joszef Andrasi 2:4      3:12 Lukas Tomaszek 1:5      1:15 Achim Thumshirn 1:8      1:21 Benedikt Rebholz 0:1       0:4 Christian Lurz 0:1       0:4 Philipp Schütz 0:1       0:4 Alexander Ender 0:3      0:10 Darius Mayek 0:4      0:16 Johannes Lurz 0:8      0:27 Mario Petrov 0:8      0:32 Christoph Meixner 0:12     0:37

Der Kader des ACL für die Saison 2020

Mario Petrov (57/61 kg griechisch-römisch, Nationalität D, Klassifikationspunkte 1) Noch offen ein Ringer für die 57-Kilo-Klasse griechisch-röm. Justas Petravicius (61 kg, griechisch-römisch, LIT, 7) Ahmet Duman (57/61 kg, Freistil, TUR, 5) Noch offen ist die Weiterverpflichtung von Karen Zurabyan (57/61 kg, Freistil, ARM, 7) Dominik Sohn (66/71 kg, Freistil, D, -2) Krum Chuchurov (66/71 kg, Freistil, BUL. 1) Bastian Hoffmann (66/71 kg, Freistil, D, 1) Christian Lurz (66/71 kg, griechisch-römisch, D, 1)) Rumen Savchev (66/71 kg, griechisch-römisch, D/BUL, 1) Alexander Ender (71/75 kg, Freistil, D, -2) Lukas Tomaszek (71/75 kg, Freistil, D, 1) Benedikt Rebholz (75/80 kg, griechisch-römisch, D, 2) Selcuk Can (75 kg, gr.-röm., TUR, 5) Marcel Berger (75/80 kg, Fr., D, 1) Johannes Lurz (75/80 kg, Freistil, D, -2) Noch offen ein Ringer in der 86-Kilo-Klasse Freistil Darius Mayek (86/98 kg, Freistil, D, 1) Hannes Wagner (86/98 kg, griechisch-römisch, D, -2) Gabriel Stark (98/130 kg, Freistil, D, 3) Alex Szöke (98/130 kg, griechisch-römisch, HUN, 7) Noch offen ein Ringer für die 130-Kilo-Klasse, gr.-römisch In rot die Neuzugänge . Maximal dürfen pro Kampf von zehn Ringern vier ausländische Kämpfer eingesetzt werden. Dabei ist die Obergrenze von 28 Klassifikationspunkte einzuhalten. Insgesamt darf ein Verein nur 10 Lizenzen für ausländische Ringer beantragen.