Altenkunstadt
Mobilfunk

Mobilfunk: "Es zählt jeder Zentimeter Entfernung"

Bei einer Informationsveranstaltung in Altenkunstadt gab Verbraucherschützer Jörn Gutbier bereitwillig Auskunft über das heiße Thema.
Mit einem Breitbandmessgerät maß Jörn Gutbier die Mikrowellenstrahlung im Frequenzbandbereich des Mobilfunks. Die im Saal der Gaststätte "Preußla" festgestellte Strahlenbelastung war äußerst minimal. Foto: Stöckel
Mit einem Breitbandmessgerät maß Jörn Gutbier die Mikrowellenstrahlung im Frequenzbandbereich des Mobilfunks. Die im Saal der Gaststätte "Preußla" festgestellte Strahlenbelastung war äußerst minimal. Foto: Stöckel
Handys und Hoden vertragen sich nicht. Mobiltelefone in der Hosentasche beeinträchtigen die Qualität der Spermien. Auch im Büstenhalter sind Smartphones fehl am Platz - enger Hautkontakt kann nämlich Brustkrebs auslösen. Davon überzeugt ist Diplom-Ingenieur Jörn Gutbier, Vorstandsvorsitzender der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation "Diagnose Funk" mit Sitz in Stuttgart. Seine Aussagen stützen sich auf zahlreiche internationale Studien. "Diese kann man in der Datenbank der Bundesregierung, dem sogenannten EMF-Portal nachlesen. Von den insgesamt 20 551 Studien, die es weltweit gibt, sind derzeit 1117 wissenschaftliche Arbeiten darin eingestellt. 650 davon zeigen eine negative Wirkung der elektromagnetischen Strahlung auf die Gesundheit des Menschen", stellte der Experte am Freitagabend bei einer Informationsveranstaltung im Gasthof "Preußla" fest.

Auch in Altenkunstadt gibt es solche Strahlung. Eine Quelle, die besonders stark strahle, ist der Mobilfunkmast auf dem Hochhaus in der Woffendorfer Straße, der bekanntlich mit sechs weiteren LTE-Antennen aufgerüstet werden sollte. Dagegen regte sich in Altenkunstadt Widerstand. Eine Bürgerinitiative (BI) sammelte insgesamt 2700 Unterschriften, was der Mehrheit der Wahlberechtigten entspricht. Die Gemeinde leitete daraufhin ein Dialogverfahren ein, was von der BI Mobilfunkstandort Altenkunstadt begrüßt wird. Gemeinsam mit dem Mobilfunkbetreiber soll ein Standort im Außenbereich der Gemeinde gefunden werden, der die gesundheitliche Belastung drastisch reduziere.

Dietmar Schuberth, Sprecher der BI machte bei der Informationsveranstaltung deutlich, dass es mit einem Dialogverfahren allein nicht getan sei: "Wir brauchen eine langfristige Lösung mit einer Veränderungssperre. Im Flächennutzungsplan müssen sogenannte Positivstandorte konkret festgelegt werden, die unveränderlich sind."

Auch Gutbier begrüßte das in Altenkunstadt eingeleitete Dialogverfahren. Die BI hatte den Experten aus Herrenberg bei Stuttgart eingeladen, um über die gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks aufzuklären. Zudem gab er Tipps für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Mobilfunk.

Welche Prozesse löst die Mobilfunkstrahlung im Körper eines Menschen aus? "Sie führt zu einer Überproduktion von freien Radikalen, der oxidativen Stress in den menschlichen Zellen auslöst", sagte der Architekt und Baubiologe. Dies führe zu einer Schädigung der DNA, was wiederum ein breites Spektrum von Gesundheitsproblemen und Krankheiten verursache, so der Fachmann. Im Verlauf seines Vortrages zählte er eine Vielzahl von Erkrankungen auf, die durch elektromagnetische Strahlung mit ausgelöst werden können. Die Palette reichte von Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen über Schilddrüsenüberfunktion und Schwindel bis hin zu Herzschmerzen und Krebs.

Die Effekte, so der Referent, entstünden nicht im thermischen Bereich, sondern bei Intensitäten weit unterhalt der bestehenden Grenzwerte. Für UMTS liegt er in Deutschland bei zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter, für die E-Netze GSM 1800 bei neun Millionen und für die D-Netze GSM 900 bei 4,5 Millionen. Diese Werte haben für Gutbier keinerlei medizinische Aussagekraft: "Die Behauptung einer Schutzwirkung ist als wissenschaftliche Falschinformation anzusehen. Dies entspricht rechtlich allen Merkmalen des Betrugs und schließt grob fahrlässige bis absichtliche Körperverletzung mit ein", zitierte er Professor Alexander Volger von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Die Grenzwerte seien eine Ersatz-Haftpflichtversicherung für die Betreiber, legitimierten den Antennenwildwuchs sowie die Untätigkeit des Gesetzgebers und der Gerichte, worüber sich die Mobilfunkkonzerne freuten. Zudem beklagte der Referent, der den Mobilfunk keineswegs verteufelte, die Vielzahl an Netzen. Derzeit gebe es davon mehr als ein Dutzend. Seine Forderung: "Wir brauchen ein Netz für alle, dann könnten wir zwei Drittel der Masten abschaffen."

Zudem sprach sich der Redner dafür aus, die stark strahlenden Makrozellen durch eine Kleinzellenstruktur mit geringer Sendeleistung zu ersetzen. Ferner plädierte Gutbier für die Einführung sogenannter Femtozellen: "Angeschlossen an die DSL-Leitung kann so eine Funkzelle mit extrem wenig Leistung die Wohnung oder auch nur einzelne Räume mit superschnellem Mobilfunk versorgen, ohne den Nachbarn zu tangieren."

Auch die Nutzung von Handys in den Schulen sprach er an. Obwohl dort nicht mobil telefoniert werden dürfe, hätten viele Schüler ihr Mobilfunktelefon eingeschaltet in der Hosentasche stecken. Um eine Strahlenbelastung für Pauker und Pennäler zu vermeiden, empfahl er, die Geräte vor Schulbeginn einzusammeln und in einem Schließfach zu deponieren, wo sie die Kinder und Jugendlichen nach der Schule wieder abholen könnten.

Immer wieder wurde er von den Zuhörern gefragt, wie man sich vor den negativen Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung schützen könne. Um bei mehreren Computern im Haus eine Internetverbindung herzustellen, sollte man nicht auf W-Lan zurückgreifen, sondern alles verkabeln. Zudem warnte er vor einer Dauerbestrahlung durch an das Ohr gehaltene Telefone: "Greifen sie beim Smartphone lieber auf Freisprechanlagen und Headsets zurück. Beim schnurlosen Telefon sollten sie die Mithörtaste einschalten, um die Belastung zu minimieren. Bei der elektromagnetischen Strahlung zählt nämlich jeder Zentimeter Entfernung."