Matthias Höher ist in Ebensfeld aufgewachsen. Eisenbahnen gehören zu seinem Leben, denn der Ort im Maintal wird seit über 150 Jahren durch die Bahntrasse geprägt. In frühester Kindheit, erinnert sich der 46-Jährige, habe er bereits Interesse für Eisenbahnen entwickelt. Als er im Alter von elf Jahren von seiner Mutter eine einfach Kompaktkamera bekam, fotografierte er den Schienenstrang und die darauf fahrenden Züge, aber auch den Ebensfelder Bahnhof zu allen Jahreszeiten.

Dass das Bahnhofsgebäude vor wenigen Tagen abgerissen wurde, schmerzt Matthias Höher sehr. Er war beim Abriss vor Ort und dokumentierte auch diesen Aspekt der Ebensfelder Eisenbahngeschichte ausführlich. Auf rund 1500 Aufnahmen schätzt er die Ausbeute dieser Nacht. "Zurück bleiben nur noch Erinnerungen", sagt er - zum Beispiel an die Zeit, als er mit seinem Opa von Ebensfeld aus mit der Bahn nach Bamberg gefahren ist.

"Der Anfang vom Ende"

"Zeitenwende" hat er eine der elf Schautafeln genannt, auf die er Bilder von den ersten Abrissarbeiten am Bahnhofsensemble pinnte. "Das war der Anfang vom Ende", sagt Matthias Höher, und dieser Zeitpunkt lasse sich genau datieren: Am 27. Januar 2014 um 15.50 Uhr fiel die markante Bahnhofslinde. Den umfallenden Baum hat er ebenso im Bild festgehalten wie das anschließende Ausgraben des mächtigen Strunks - im Hintergrund spitzt dabei der Triebkopf eines ICE hervor, als sei es ein lauernder Drachen aus einem Märchen.
Solche Bilder wiederholen sich in der Ausstellung. "Preis der Schnelligkeit" untertitelte Matthias Höher eine Tafel mit Fotos vom ICE-Trassenbau. Besonders anschaulich ist jenes, auf dem ein ICE zu sehen ist, der unter einer weit ausladenden Baggerschaufel hindurchzufahren scheint.

"Seit 2008, als sich abzeichnete, dass der Abriss kommt, war ich fast jeden Tag am Bahnhof", sagt Matthias Höher, um all das noch im Bild festzuhalten, was bald in der Realität nicht mehr sein würde.
Für Eisenbahn-Enthusiasten dürfte die Ausstellung auf jeden Fall sehenswert sein - auch dann, wenn sie nicht aus Ebensfeld stammen. Matthias Höher, der seit 1980 unablässig auf der Lauer liegt, hat etliche interessante Loks im Bild festgehalten, während sie Ebensfeld passierten: Nostalgiezüge mit stampfenden Dampfloks sind darunter, etwa die legendäre VT 08, mit der 1954 die deutsche Fußballnationalmannschaft aus Bern zurückreiste.
Und dann sind da Raritäten wie eine Dampflok mit dem Spitznamen "Bubikopf" oder das berühmte "Krokodil", eine charakteristisch geformte grüne Elektrolok. Auch der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV preschte an Ebensfeld vorbei. Im Juni 2011 fotografierte Matthias Höher den stromlinienförmigen Zug, der bei einer Versuchsfahrt mit rund 200 km/h durchraste. Die auf ihre Züge wartenden Fahrgäste seien damals per Lautsprecherdurchsage gebeten worden, von der Bahnsteigkante zurückzutreten, weil der Sog des Zuges enorm sei.

Details am Rande der Schienen

Immer wieder fotografierte Matthias Höher aber auch Details am Rande des Schienenstrangs: Eine Katze, Wasservögel auf einem See, eine Riesenschildkröte in einem Garten unweit der Gleise, den Ebensfelder Kirchturm. Besonderes Augenmerk widmete der Fotograf jenen Blickachsen im Maintal, die sich bald so nicht mehr eröffnen, weil sie durch Lärmschutzwände verbarrikadiert werden.
"Die Bauarbeiten werde ich auf jeden Fall weiter dokumentieren", kündigt er an, "bis die letzte Lärmschutzwand verbaut ist."