Gleich hinter dem Eingang schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Eine englische Motorrad-Institution präsentierte sich. Ihr Katalog haptisch ein Genuss, ihre Motorräder optisch ein Fragezeichen. Ihr luftgekühltes Viertaktmodell Battle Green mutet an, als sei mit ihm noch ein Kradmelder im letzten Weltkrieg unterwegs gewesen. Modernste Technik in altem Gewand? Das war nur ein Mosaiksteinchen einer schon traditionellen Messe, für die Lichtenfels genau der richtige Standort gewesen sei.
Zu den Mosaiksteinen gehört sicher auch einer wie Rico Schaarschmidt. "Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt", verkündet er eine alte Weisheit zu sich und seiner beruflichen Zukunft. Etwas allgemein steht "Dienstleistungen" auf seiner Visitenkarte und was das beinhaltet, lässt sich fahren. Der Zapfendorfer baut Motorräder und bleibt mit zwei Modellen pro Jahr klar abseits von Serienfertigungsgedanken. Tüftler und Schweißer mit individualästhetischem Empfinden gab es einige. Ein wachsender Markt? "Wenn ich mehr Zeit investiere, dann schon", so Schaarschmidts Ein- und Ansicht.


Über 300 Bikes gefahren

Der Mann, der die Messe in regelmäßigen Abständen ermöglicht, ist das Gegenteil seines Namens. Thomaschek heißt er, was übersetzt "kleiner Thomas" bedeutet. Von wegen. Nicht nur Mathias Thomaschek selbst hat Gewicht, gewichtig ist auch, was sein Organ an Szenewissen verlautbaren lässt. Die Zeitschrift "Zweirad", dessen Herausgeber, Blattmacher und Redakteur er seit über 30 Jahren ist, erreicht 25 000 Leser. Über 300 Motorräder habe er im Leben selbst schon gefahren, probeweise als Testfahrer und zu Recherchezwecken quasi.
Auf die Frage, warum die Lichtenfelser Stadthalle die richtige für eine solche Messe sei, wird er prosaischer: "Ganz einfach, weil ich keine andere Halle habe!" Doch Thomaschek sieht auch eine Kuriosität mit Messe-Gebietsabdeckung durch Lichtenfels. Der Ort sei wie "eine dunkle Wolke, die nach außen immer heller wird". Sprich: Die meisten Messebesucher kämen aus Lichtenfels, auch wenn in Bamberg mehr Interesse dafür bestehen könnte. Und auch Thomaschek sieht die Retro-Welle als unübersehbar. "Die Leute sind satt von Leistungsexplosionen, davon, dass ein Bike 320 km/h schnell ist und 200 PS hat." Jetzt seien die 70er und vor allem ihre Optik wieder angesagt, das habe nach Thomaschek zwar "niemand auf dem Schirm gehabt", erklärbar sei es aber doch. Wer damals jung war, der habe sich sein erstes Motorrad gekauft.
Heute ist er schon alt genug, sich an dieses Jugenderlebnis zu erinnern, aber noch jung genug, es sich noch einmal leisten zu wollen. Und zu können. Kaufanreiz verbindet sich so mit dem Geldbeutel eines Bestagers. "Vor allem will so ein Bestager noch menschenwürdig auf dem Bock sitzen" und spare sich darum PS-Monster.


Lichtenfelser Ländlichkeit

Doch, der Standort Lichtenfels böte schon Exklusives. Da wäre beispielsweise das Durchschnittsalter der Besucher. Von den drei Messen, die der Mann ausrichtet, liefen der Lichtenfelser die jüngsten Besucher zu. Hier sei man 40, in Neumarkt/Oberpfalz 48 und in Fürth gar 50. Statistisch belegbar und festgestellt. Der Grund dafür läge in der Ländlichkeit, die schon Jugendliche zu benzinbetriebener Mobilität zwinge. Die gingen dann eben auch auf Messen.


Retro-Lack in Prilblumenfarben

Die 70er, wohl an keinem Stand waren sie farblich so hervorstechend wie bei Kreidler. Orangener und grüner Retro-Lack in Prilblumenfarben. Modernste Einspritz- und Sicherheitstechnik wird auch hier von damaligem Design ummantelt. Auf die Frage, was daran so schön gewesen sei, bekommt man es zu hören: "Damals waren wir jung." Der "Hauch von Anarchismus", den Thomaschek dem Motorradfahren zugute hält, wird letztlich doch markterforscht kanalisiert und in Trends gesetzt.
Diesen, andere und auch den mit den Sturzhelmen in Marvel-Superhelden-Optik hatten die Messebesucher am Wochenende zwei Tage lang aufzunehmen. 3300 sollen es gewesen sein. So viele waren es nicht immer.