Amerika - das hat für uns Deutsche noch immer einen reizvollen Klang. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Freiheit, der Traumkarrieren und des astronomischen Reichtums - verklärte Bilder dieser Art steigen vor unserem geistigen Auge auf, wenn wir an die USA denken. Doch wie lebt es sich wirklich in den Staaten - abseits der gängigen Klischees? Wir sprachen mit einer, die es wissen muss: Denise Kell ist aus dem beschaulichen Wirsberg umgezogen nach North Carolina. Dort wohnt sie mit ihrer Familie unweit von Fort Bragg - einem großen Armeestützpunkt.

Wirsberg, Ende August 2020: Denise ist auf Heimaturlaub. Sie wohnt bei ihren Eltern, den Täffners. Ihre Oma Anni Wirth besucht die junge Frau oft. Mit ihr pflegt sie eine sehr enge, herzliche Verbindung. Anni, eine Frau, die weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus bekannt und beliebt ist, kann die Entscheidung ihrer Enkelin verstehen. Lebte sie doch selbst lange Jahre mit einem Amerikaner in den Staaten, wo sie in Hollywood beruflich mit Filmgrößen wie Clark Gable, Elisabeth Taylor oder Julia Roberts Kontakt hatte. In den Staaten brachte sie ihre Kinder Debby, Donna, und Dany zur Welt.

Fast scheint es so, als würden sich die Lebenslinien der Großmutter spiegeln im Weg ihrer Enkelin. Die junge Frau lernte in Grafenwöhr einen amerikanischen Soldaten kennen, in den sie sich verliebte. Beide heirateten vor drei Jahren. Für Tyler Kell gab Denise ihr wohlbehütetes Leben in Franken auf und wanderte aus in die Staaten. Die Familie lebt dort mit Sohn Niall (14 Monate) und zwei Hunden in Crescent City, einer Stadt nahe Fort Bragg in North Carolina. Dort unterhält die US Army einen großen Stützpunkt für Fallschirmjäger und Special Forces.

Ihr Mann, ein Berufssoldat, leistet hier seinen Dienst ab. Doch nicht nur da: Das weltweite , militärische Engagement von "Uncle Sam" führt dazu, dass der 23-jährige GI immer wieder zu Auslandseinsätzen abberufen wird. Keine leichte Zeit für Denise, die dann die alleinige Verantwortung trägt für Haus, Hof und Sohn Niall. Aber Denise lässt sich davon nicht frusten. Sie gibt sich selbst immer neue Aufgaben, renoviert das kürzlich erworbene Haus und hat jeden Tag eine neue Agenda.

Dazu gehört es auch, neue Freundschaften zu pflegen: Die 22-Jährige hat via Facebook Kontakt aufgenommen zu Landsleuten, die in ihrer Gegend leben und eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Man trifft sich und unternimmt was in der Freizeit. "Wir sind auch schon gemeinsam ans Meer gefahren", sagt Denise. Außerdem wohnt Onkel Dany mit seiner Familie nur vier Autostunden entfernt in South Carolina. Bei den in Amerika üblichen Distanzen ist dies nur ein Katzensprung.

Zu den Nachbarn unterhält die Auswanderin ein sehr freundschaftliches Verhältnis. In der Zeit ihrer Abwesenheit kümmern die sich um die beiden Hunde und mähen das Gras auf dem Grundstück der Kells. "Die sind total lieb und sehr hilfsbereit", sagt die junge Frau. "So hilfsbereit wie die meisten Amerikaner".

Deutsche sind beliebt

Ressentiments spüre sie nicht, unterstreicht Denise. Ganz im Gegenteil: Deutsche seien sehr beliebt und wegen ihres Pflichtbewusstseins und ihrer Zuverlässigkeit in der Wirtschaft gefragte Kräfte. Die antideutsche Haltung von Präsident Donald Trump, selbst Abkömmling deutscher Einwanderer, hat also nicht abgefärbt auf die Bevölkerung.

Dennoch ist nicht alles eitel Sonnenschein im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Den Amerikanern geht es deutlich schlechter als dem bundesdeutschen Durchschnitt. Lebensmittel und Mieten sind sehr viel teurer als hierzulande, der Immobilienkauf dagegen günstiger.

Viele Menschen sind verarmt und obdachlos. Sie verköstigen sich nicht selten bei der Heilsarmee. Ein breites Netz sozialer Absicherung gibt es nicht: Wer arbeitslos wird, bekommt spätestens nach zwölf Wochen keine Unterstützung mehr. Auch arbeitnehmerfreundliche Kündigungsschutzgesetze existieren kaum. In weiten Teilen von Industrie und Wirtschaft kann jeder jeden Tag gefeuert werden.

Die schwache Sozialabsicherung hat ihre Folgen: Die Kriminalitätsrate liegt deutlich höher als in Deutschland. Viele Menschen fühlen sich deshalb bedroht und bewaffnen sich. "Die gehen im Supermarkt einkaufen mit dem Revolver am Gürtel. Das ist ganz normal."

Angst vor einem Überfall

Abends würde Denise nicht alleine shoppen gehen. Zu groß ist die Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden. Derzeit greift eine besondere Verbrechensform um sich: Kidnapping. Kinder würden entführt, um Lösegeld zu erpressen oder sie auszubeuten als Sex-Sklaven. Dagegen sind die Zustände in Deutschland fast schon paradiesisch, wie die ehemalige Wirsbergerin meint.

Der Protest gegen eine rassenfeindliche Haltung sei auch in ihrem Bundesstaat bemerkbar gewesen, verdeutlicht Denise. Allerdings sei es so, dass Hooligans die Situation nutzten, um Randale zu machen, die mit der "Black-Lives-Matter"-Bewegung nichts zu tun habe. Dies und der harte Wahlkampf Donald Trumps haben die Nation gespalten. Liberale Küstenregionen, dominiert von den Demokraten, gegen das Landesinnere, dem Stammland Trumps. Wer wird der nächste Präsident werden? Denise schüttelt den Kopf: "Ich interessiere mich nicht für Politik."

Unterschiede gibt es auch in ganz anderer Form: Das fränkische Essen ist nicht nur günstiger, sondern auch hochwertiger als American Food. Die Wurstvielfalt kennen die Amerikaner nicht. Die Brötchen jenseits des großen Teichs sind weich und lätschig. Obst, Gemüse und Hygieneartikel schlagen kräftig zu Buche. Die Schokolade schmeckt ebenso wenig wie das Bier, berichtet Denise. Es hat wenig Aroma und ist dünn. Ein großer Einschnitt, wenn man aus Franken kommt, der Region mit der höchsten Brauereidichte der Welt.

Ungewohnt auch das Klima. In der Zeit zwischen März und Oktober wird es wochenlang unerträglich heiß. Temperaturen um die 35 Grad sind die Regel, dazu eine immens hohe Luftfeuchtigkeit zwischen 95 und 100 Prozent. "Ohne Air Condition ist das nicht auszuhalten."

Spinnen und Moskitos

Dieses Klima begünstigt die Ansiedlung spezieller Lebewesen, die nicht unbedingt zu den Kuscheltieren gehören: Es gibt giftige Spinnen, Schlangen und Frösche. Ganz zu schweigen von den blutsaugenden Moskitos, die ständig nerven.

Dies aber war nicht die größte Umstellung für die 22-jährige Einwanderin. Am meisten irritiert hat die junge Frau die Teilnahme am Straßenverkehr, in dem es recht chaotisch zugehen muss: "Die überholen links und rechts. Wenn es sein muss, benutzen die sogar das Bankett, um voranzukommen." Der American Way of Drive hat so seine Eigenheiten, die mit bundesdeutschen Gepflogenheiten nicht zu vergleichen sind. Positiv allerdings die geringen Benzinkosten: Eine Gallone (3,78 Liter) liegt bei nur 2,30 Dollar.

Bei allen Unterschieden gibt es auch Gemeinsamkeiten. Auf die Corona-Bedrohung haben die Amis anfänglich ähnlich hysterisch reagiert wie die Deutschen: Auch jenseits des großen Teichs wurde Toilettenpapier gehortet, die Regale waren für Wochen leergefegt, weil die Leute Hamsterkäufe tätigten.

Bedroht - wie etwa in New York - fühlten sich die Menschen in North Carolina jedoch nicht. Der Gouverneur geht dort sehr verantwortungsvoll mit dem Thema um - was Denise Kell von den deutschen Behörden nicht behaupten mag. Als die junge Frau am 9. August in Deutschland landete, absolvierte sie einen Test. Auf das Ergebnis wartet sie heute noch. Deshalb hat sie eigenverantwortlich einen zweiten Test in einem Bayreuther Labor machen lassen.

In Franken daheim

Ende September geht der Heimaturlaub für Denise Kell vorüber. Dann steigt sie wieder in den Jet, der sie und ihren Sohn in die Staaten zurückbringt. Für immer? Das weiß Denise nicht: Ihre Zukunft macht die Hausfrau vom Werdegang ihres Mannes Tyler abhängig. Eins ist aber klar: Das Frankenland wird sie immer wieder besuchen. Denn hier sind ihre Wurzeln. Denise ist zwar in den USA zu Hause, aber hier ist sie daheim... red