Fließen Gelder, die die Projektierer der zwölf Windkraftanlagen bei Lochau, Alladorf und Tannfeld als Ausgleich für den Eingriff in die Landschaft gezahlt haben, auch in den Thurnauer Schlosspark? Die einst herrschaftliche Anlage, die sich am östlichen Ufer des Schlossweihers befindet, ist seit einem Sturm im Jahr 1969 nicht mehr zugänglich und soll, so wünschen es sich neben der Marktgemeinde auch viele ihrer Bürger, nach über fünf Jahrzehnten endlich wieder geöffnet werden. Ein Herzenswunsch, der sich ohne Steuermittel aber nicht realisieren lässt.

Der Naturschutzfonds

1,1 Millionen Euro haben die Windpark-Projektierer gezahlt. Nicht an die Gemeinde, in deren Gebiet die Windmühlen entstanden sind, sondern an den Bayerischen Naturschutzfonds, eine Naturschutzstiftung mit Sitz in München. Ausbezahlt werden die staatlichen Finanzmittel von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt. Dass Gelder in Thurnau landen, ist nicht sicher, denn Ausgleichsprojekte müssen nicht zwingend dort verwirklicht werden, wo der Eingriff erfolgt ist.

Die Krux

Wie Bürgermeister Martin Bernreuther (CSU) mitteilt, hat die Gemeinde etwa 20 mögliche Projekte in Ortsteilen vorgeschlagen, doch der Großteil sei abgelehnt worden. Bis dato auch die Idee, den Park zu kaufen und wieder begehbar zu machen. Die Krux: Die Öffnung des Parks, in dem sich Wildwuchs breitgemacht hat, muss zu einer Aufwertung im Sinne des Naturschutzes führen, die die Untere Naturschutzbehörde einfordert.

Gespräch mit Eigentümerfamilie

Die große Anlage ist im Besitz der dritten Frau des verstorbenen Barons, die in Australien lebt. Der Markt will das Areal erwerben, hat Kontakt mit der Eigentümerfamilie aufgenommen. Martin Bernreuther spricht von konstruktiven Gesprächen. Bei einem Treffen am Rande einer Landtagssitzung hatte 2019 Umweltminister Thorsten Glauber (FW) erklärt, dass es möglich sei, dass Ausgleichszahlungen fließen. Ein Gespräch, das Landrat Klaus Peter Söllner (ebenfalls FW) vermittelt hatte, der auch Vorsitzender der Gräflich Giech'schen Stiftung ist. "Wäre der Park zugänglich, wäre das eine tolle Sache", sagt Söllner, der sich eine Aufwertung des Schlossareals verspricht. Er zeigte sich gestern zuversichtlich, dass sich eine Lösung abzeichnet und Mittel aus dem Naturschutzfonds gewonnen werden können. "Das ist mit entscheidend." Es sei ein Projekt, das sich nicht von heute auf morgen umsetzen lasse, weil die naturschutzrechtlichen Vorgaben erfüllt werden müssten.

Das Entwicklungskonzept

Dass die Anlage sowohl landschaftlich als auch naturschutzfachlich aufgewertet werden könne, hat der Leiter des Ökologisch-Botanischen Gartens der Uni Bayreuth, Gregor Aas, deutlich gemacht. Allerdings nicht in einem Gutachten. Ein solches wird jetzt erstellt. Die Gemeinde hat ein gefordertes Parkentwicklungskonzept in Auftrag gegeben. Ein Konzept, das über die Finanzierung entscheiden wird. Ob die Expertise die Naturschutzbehörde überzeugt? Das ist die Hoffnung der Thurnauer Gemeinderäte, die die Parköffnung herbeisehnen.

Konsens gewünscht

Martin Bernreuther wünscht sich, dass ein Konsens gefunden wird, zumal erstmals seit Jahrzehnten die Finanzierung des Projekts in greifbarer Nähe sei. Der Markt wolle keinen Kahlschlag, sondern naturschutzrechtliche Vorgaben erfüllen. "Sollten alle auf ihrem Standpunkt beharren, würde das Projekt begraben." Mit im Boot sitzt auch die Denkmalschutzbehörde, weil das klassizistische Teehaus im Schlosspark, das vor Jahren notgesichert worden ist, saniert werden müsste.

Die Mittel aus den Ausgleichszahlungen sollten in Thurnau sichtbar werden, fordert der Gemeinderat. Sollte das nicht passieren, "wäre das für die Bevölkerung nur schwer nachvollziehbar", hat Christian Schwarz (CSU) in einer Sitzung erklärt. Eine Feststellung, der sich das Gremium einhellig angeschlossen hat.

Hierzu ein Kommentar von Alexander Hartmann

Der Traum ist greifbarnah

Es ist eine schwere Geburt: Der Markt Thurnau will den Schlosspark, der seit 50 Jahren nicht mehr zugänglich ist, wieder öffnen. Die einst imposante Parkanlage, die bei einem schweren Unwetter im Jahre 1969 zerstört worden war. Das fast zwei Hektar große Areal ist bis heute nicht begehbar, weil die vom früheren Schlossherren versprochene Wiederaufforstung ausgeblieben ist. Bestrebungen, den Park wieder zu öffnen, gibt es schon lange. Eine Umfrage des Vereins "Pro Thurnau" hatte 2007 deutlich gemacht: Die Thurnauer wollen "ihren" Schlosspark zurück. Ein Wunsch, der bis dato unerfüllt geblieben ist.

Nun bahnt sich eine Lösung an. Die Eigentümerin ist offenbar verkaufsbereit, die Finanzierung scheint für die finanziell klamme Gemeinde möglich: mit Mitteln aus dem Naturschutzfonds, die die Projektierer als Ausgleich für den Bau des Windparks im Oberland zahlen mussten. 1,1 Millionen Euro sind geflossen. Die Thurnauer hoffen verständlicherweise, dass Gelder auch an dem Ort landen, an dem der Eingriff in die Natur erfolgt ist - selbst wenn das die rechtlichen Vorgaben nicht fordern.

Die Parköffnung ist greifbar nah, doch der Traum von einer Anlage, die einer großflächigen Flaniermeile gleicht, wird sich nicht realisieren lassen: weil das Ökosystem nicht gestört werden darf, das Areal im Sinne des Naturschutzes aufgewertet werden muss. Nur durch einen Kompromiss scheint eine grüne Oase möglich, die Platz für Pflanzen und Tiere, aber auch für den Menschen bietet. Um den Schlosspark wieder erlebbar zu machen, muss gar kein riesiger Kahlschlag erfolgen. Für den Markt Thurnau wäre es schon ein großer Gewinn, würden Teilbereiche geöffnet und das klassizistische Teehaus saniert. Die Gemeinde hätte eine weitere Attraktion. Und die Natur wäre wohl auch kein Verlierer.