Am Ende waren alle Prozessbeteiligten ziemlich ratlos. Doch nach dem Plädoyer von Staatsanwalt Matthias Eichelsdörfer war schnell klar, dass der wegen Körperverletzung angeklagte 25-jährige Kulmbacher freigesprochen wird. Das hatte sogar der Staatsanwalt beantragt.

Vorausgegangen war eine dreieinhalbstündige Verhandlung mit vielen sich widersprechenden Aussagen, mit zahlreichen Unklarheiten und einigen Zeugen, die von der Polizei vorgeführt werden mussten.


Schnittwunde am Arm

Der angeklagte 25-Jährige soll einmal im Mai 2014 mit dem Messer auf seinen eigenen Bruder losgegangen sein. Auch beim zweiten Anklagepunkt spielte ein Messer die Hauptrolle. Damit soll er einem Bekannten im September eine heftige Schnittverletzung am Arm zugefügt haben. Natürlich kam es in beiden Fällen zu heftigen Rangeleien zwischen den Beteiligten, zu Drohgebärden und zu lautstarke Auseinandersetzungen.

Der Beschuldigte hatte für beide Anklagepunkte ganz andere Versionen auf Lager. Mit dem Messer in der Hand habe er nur mal schauen wollen, was los ist, als der Bruder an der Tür klingelte. Schließlich habe man gerade auf dem Balkon gegrillt, was niemand der geladenen Zeugen widerlegen konnte. Auf seinen Bruder sei er damit nicht losgegangen, das habe sich der nur ausgedacht, weil es bereits am Vortag zu einem ähnlichen Streit gekommen war.

Auch der zweite Vorfall, der sich in der Wohnung von Bekannten in Mainleus abspielte, verlief dem Angeklagten zufolge natürlich ganz anders. Der Mann muss sich die Schnittverletzung selbst zugefügt haben, sagte der 25-Jährige. Er jedenfalls habe kein Messer in der Hand gehabt, auch nicht das, das im Messerblock der Küche fehlte und später von der Polizei als Tatwaffe sichergestellt wurde.


Abenteuerliche Aussagen

Jedenfalls erlitt das Opfer eine erhebliche Schnittwunde am rechten Arm, die der Mann aber, warum auch immer, nicht einmal behandeln ließ.

Abenteuerlich gestaltete sich so manche Zeugenvernehmung. Die ehemalige Freundin des Bruder, 22 Jahre jung, wurde in Fußfesseln aus einer JVA vorgeführt. Sie hatte bei ihrer polizeilichen Aussage das Geschehen mit dem Messer detailliert geschildert, wollte gestern aber plötzlich nichts mehr gesehen haben, weil sie gar nicht in der Wohnung gewesen sei.

Nach einigem Hin und Her gab sie zu, dass ihr damals der Bruder genau eingeschärft hatte, was sie bei der Polizei alles sagen soll. Der Bruder selbst, also das Opfer des ersten Tatkomplexes, machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und sagte gar nichts.


Nachschub von der Tankstelle

Eine Bekannte, die beim zweiten Vorfall in Mainleus dabei gewesen sein soll, stritt dies plötzlich ab. Sie habe gerade Nachschub von der Tankstelle besorgt. Die jetzige Freundin des Angeklagten schließlich, die beim ersten Anklagepunkt ebenso bedroht worden sein soll, nannte das Ganze ein Missverständnis.

Bleiben die beiden Bekannten aus der Mainleuser Wohnung, von denen einer die Verletzung am Arm davon trug. Er habe dem 34-Jährigen ein Auge ausstechen wollen, mutmaßte der 31-Jährige. Doch er sei mutig dazwischen gegangen und habe dann selbst die Verletzung erlitten. Die beiden hatten ihre Zeugenladung ganz offensichtlich vergessen und mussten von Polizeibeamten vorgeführt werden.

Das alles reichte für eine Verurteilung allerdings nicht aus, und so machte sich im Gerichtssaal Ratlosigkeit breit. "Wir sind hier sehr viel mit Unwahrheiten bedient worden", sagte Verteidiger Andreas Piel aus Kulmbach. Selbst Staatsanwalt Eichelsdörfer beantragte einen Freispruch, ein Tatnachweis liege nicht gesichert vor. Das sah naturgemäß auch der Verteidiger so. "Da passt einfach vieles nicht zusammen", meinte Piel.


Hergang nicht mehr zu ermitteln

Für Richterin Tettmann war es schließlich einer der ganz typischen Fälle, bei denen der Tathergang nicht mehr zu ermitteln ist. Sicher habe es eine Auseinandersetzung gegeben, doch deren Verlauf sei nicht mehr feststellbar. "Halten sie sich aus solchen Dingen künftig raus", gab sie dem Angeklagten noch mit auf den Weg.