Das war garantiert kein Spaß für die junge Bayreuther Hauptkommissarin: Sie wurde am Mittwoch im Vergewaltigungsprozess vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts den ganzen Tag lang ausgequetscht. Die Zeugin sollte sich an Details ihrer Ermittlungen gegen den 71-jährigen Angeklagten erinnern, dem von seiner Tochter, seiner Ex-Frau und zwei Enkelinnen Vergewaltigung und sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.

Die Kriminalpolizistin hatte wieder ihren Handapparat dabei: einen Wäschekorb mit sechs dicken Aktenordnern und über 2000 Seiten Vernehmungsprotokolle. Die Unterlagen als Gedächtnisstütze brauchte sie nicht, als sie auf Nachfrage von Staatsanwalt Daniel Götz von der Hausdurchsuchung beim Angeklagten im Juli 2014 berichtete.


"Tochter spinnt"

Er und seine Lebensgefährtin, so die Zeugin, seien nicht zu Hause gewesen, nach einem Anruf aber gleich gekommen. Beide seien "überrascht und unvorbereitet" gewesen. Der Mann habe "keine Reaktion" gezeigt, obwohl die Vorwürfe im Durchsuchungsbeschluss und im Haftbefehl "sehr heftig" (O-Ton Staatsanwalt) waren. Götz interessierte sich für eventuelle körperliche Reaktionen: "Hat er gezittert, wurde er bleich?" Laut Zeugin "nichts, gar nichts". Er habe lediglich am Schluss der Durchsuchung, bevor er von der Polizei weggebracht wurde, den Geschäftsführer seiner Firma angerufen und gesagt, "dass seine Tochter spinnt".

Diesen Vorwurf, so die Polizistin, habe der Angeklagte auf der Fahrt von Westdeutschland in die JVA Bayreuth sinngemäß wiederholt: Es sei schon erstaunlich, zu welchen Mitteln eine böse Tochter greift, der man die Zahlungen eingestellt habe.


Eine Provokation

Auf der Suche nach der "Trophäensammlung" des Angeklagten, also den Sexbildern habe der Mann zunächst abgestritten, überhaupt eine Mappe mit solchen Fotos zu besitzen, gab die Hauptkommissarin an. Dadurch provoziert, ließ sich der Angeklagte, der bisher eisern geschwiegen hatte, erstmals zu einer Äußerung hinreißen. "Stimmt nicht", sagte er halblaut, nachdem er in dem seit September dauernden Strafprozess höchstens mal durch ein Kopfschütteln oder ein Grinsen aufgefallen war.

Verteidiger Johann Schwenn sah sich veranlasst einzugreifen, da sein Mandant aus seiner eingeübten Rolle gefallen war. "Auch wenn noch so viel gelogen wird, hier wird nichts gesagt", schärfte er dem Angeklagten ein. Und forderte damit eine Reaktion des Staatsanwalts heraus. Er beanstandete, dass der Polizeibeamtin unterstellt werde, die Unwahrheit zu sagen. "Gedanken lesen können auch Sie nicht", tadelte Götz den Verteidiger, der aber das letzte Wort haben wollte: "Ein bisschen schon."


Als glaubwürdig eingestuft

Aufgrund von Schwenns Kritik an der Polizei, einseitig und nicht ergebnisoffen ermittelt zu haben, hakte der Staatsanwalt bei der Zeugin nach. Er wollte wissen, ob sich die Polizistin bei ihren Ermittlungen auf eine Seite geschlagen habe. Was die Kriminalkommissarin verneinte. Allerdings hätten sich "keine eklatanten Widersprüche" in den Aussagen der Hauptbelastungszeugin ergeben. "Am Schluss habe ich ihre Angaben als glaubwürdig eingestuft", erklärte die Zeugin.

Rechtsanwalt Frank K. Peter, der als Nebenklage-Beistand die Hauptbelastungszeugin vertritt, setzte sich mit dem Vorwurf der Verteidigung auseinander, dass dem Prozess die Verschwörung eines Frauenclans zugrunde liege. Dafür habe sie keine objektiven Anhaltspunkte gefunden, stellte die Ermittlerin fest.


Mit dem Staatsanwalt per Du?

Im Gegensatz zu anderen Zeugen, die er hart attackiert hatte, schonte der Verteidiger die Polizistin. Er wunderte sich, dass sie bei den Vernehmungen nicht öfter nachgefragt habe oder Hinweisen nachgegangen sei. Am Ende interessierte sich der Anwalt noch dafür, ob die Zeugin mit dem Staatsanwalt per Du sei und ob sie vom Anklagevertreter vorher über dessen Fragen informiert worden sei. Ob ihn die Antworten - zweimal nein - weitergebracht haben?

Nächsten Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Unter anderem wird dann erneut die Hauptbelastungszeugin vernommen.