Auf den Tag genau nach 36 Jahren hat sich Dr. Reinhard Baar als praktischer Arzt zurückgezogen. Nicht abrupt von heute auf morgen. Aber seit dem 1. Januar ist er in "seiner" Praxis in Presseck nur noch angestellt und einer von drei Medizinern, die in der Praxis für Allgemein- und Familienmedizin der "Landärzte Presseck" - so die neue Bezeichnung - Dienst tun.

Die Pressecker Praxis gehört nun eine Zeit lang zum Landärzte-Verbund Thurnau-Untersteinach-Presseck, bis Dr. Theresa Mohr sie eigenständig übernehmen wird.

Nicht Knall auf Fall

"Ich erreiche demnächst das Rentenalter, es wird damit auch Zeit, langsam aufzuhören", sagt Reinhard Baar. "Das geht allerdings nicht Knall auf Fall. Das Arzthaus am Marktplatz gehört der Gemeinde. Der Markt Presseck hat hier investiert und seinerzeit das denkmalgeschützte Gebäude aufwändig kernsaniert." Praktisch seien damals nur die Außenmauern stehen geblieben, erinnert sich der Mediziner.

Die Praxis sei komplett neu aufgebaut und an die damaligen Bedürfnisse angepasst worden. "Vorher lag sie ziemlich beengt im Erdgeschoss, der Arzt wohnte im Obergeschoss. Danach blieben unten das Wartezimmer, der Empfang mit einem Behandlungsraum und ein WC. Über die Treppe ging es dann zu den Behandlungsräumen ins Obergeschoss", so Baar.

Bald komplett barrierefrei

Ein barrierefreier Zugang zum Arzt sei seinerzeit noch kein Thema gewesen. "Wer absolut keine Treppen steigen konnte, der konnte allerdings im Behandlungsraum unten verarztet werden."

Vor zwei Jahren habe die Gemeinde das Haus energetisch saniert, einen barrierefreien Zugang geschaffen und ein behindertengerechtes WC eingebaut. Demnächst werde noch eine Aufzugsplattform installiert, sodass auch das Obergeschoss für jeden einfach erreichbar sein werde.

"Würde ich jetzt einfach aufhören und die Gemeinde niemanden finden, der die Praxis weiterführt, dann würde nach sechs Monaten die Betriebserlaubnis wegfallen. Presseck wäre dann ohne Arzt", erläutert Baar. Deshalb sei er froh, mit den Thurnauer Kollegen Dr. Volker Seitter und Anja Tischer die jetzige Lösung gefunden zu haben.

"Ich bin nur noch angestellt"

Seitter und Tischer führen mit zwei angestellten Nachwuchsärztinnen eine Gemeinschaftspraxis in Thurnau. 2009 haben sie die Praxis in Untersteinach übernommen - und nun auch Presseck. "Anja Tischer und Volker Seitter sind jetzt also meine Chefs" grinst Reinhard Baar. "Ich bin nur noch angestellt; genauso wie Theresa Mohr, die nach unseren Vorstellungen Presseck einmal selbstständig übernehmen wird."

Theresa Mohr ist gebürtige Kulmbacherin und hat nach dem Abitur am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium in Dresden Medizin studiert. Nach dem Abschluss 2017 arbeitete sie zwei Jahre am Klinikum Kulmbach. Seit Juli arbeitet sie als Weiterbildungsassistentin in der Praxis Seitter-Tischer mit dem Ziel, in zwei Jahren, also nach elf Jahren medizinischer Ausbildung und Berufspraxis, sich dann als Fachärztin für Allgemeinmedizin selbstständig niederlassen zu dürfen.

"Auf dem Land können wir unser Talent ausspielen"

In Presseck will sie ihren "Traumberuf Landärztin" verwirklichen, "denn auf dem Land können wir unser Talent ausspielen", begründet die 28-Jährige ihre Entscheidung.

Dass es einen geregelten Übergang in der Praxis seiner Heimatgemeinde geben wird, war und ist für den Pressecker Gemeinde- und Kreisrat Reinhard Baar ein Herzensanliegen. Er wird zwar weiterhin regelmäßig in der Praxis sein; mittwochs aber von Seitter und freitags von Mohr entlastet werden - sich aber mit der Zeit zunehmend zurückziehen.

Endlich mal Skiurlaub

"Falls es heuer erlaubt sein wird", will Baar demnächst zwei Wochen zum Skifahren gehen. Ein Luxus, der ihm zu Beginn seiner Tätigkeit vor 36 Jahren überhaupt nicht gegönnt war. "Damals bestand für uns von Montag früh bis Freitagabend Präsenz- und generelle Residenzpflicht. Wir Ärzte mussten in unserem Wirkungsbereich wohnen und werktags auch ausnahmslos anwesend sein. Die Dienstbereitschaft am Wochenende haben wir zehn bis elf Ärzte der weiteren Umgebung untereinander abgesprochen. Zum ersten Mal Urlaub konnte ich nach zwei Jahren machen", erinnert er sich.

"Es hat sich seither schon einiges verbessert - und auch verändert," denkt Baar zurück. "Zum Positiven: Nach Praxisschluss ist die Vertretung über die 116 organisiert; aber auch zum Negativen: Damals haben wir uns Ärzte alle persönlich gekannt. Da konnte man schon mal einen Fachkollegen anrufen und einen Patienten schnell mal ohne Termin hinschicken. Alle Kollegen im Klinikum Kulmbach zu kennen, ist heute gar nicht möglich; es ist doch ziemlich groß geworden."

In den 1990er Jahren kam dann die Digitalisierung in die Praxen. Baar: "Für uns damals etwas völlig Neues und eine Umstellung - für meine Nachfolgerin jetzt aber etwas ganz Normales."