DDR, Staatssicherheit, Stacheldraht - da war doch was? Wir erinnern uns, auch wenn es schon 25 Jahre her ist. Die deutsche Teilung ist Geschichte, aber wir vergessen es nicht, wie sehr die Menschen unter Mauer, Schießbefehl und Stasi-Spitzeln gelitten haben.

Einer, der die deutsche Teilung hautnah miterlebt hat, ist der Kulmbacher Toni Eschenbacher. "Es war Kalter Krieg, und wir waren mittendrin", sagt der 74-Jährige. Dieser Teil seiner Lebensgeschichte kommt ihm besonders jetzt in den Sinn: Denn die Erstürmung der Stasi-Zentrale in Ostberlin ist am Donnerstag genau 25 Jahre her. Zum Jahrestag öffnet der Zeitzeuge für uns seine Stasi-Akte.

An seinem legeren blauen Champion-Sweatshirt erkennt man, dass Eschenbacher Sportler gewesen ist. Beim ATS Kulmbach, Schwimmer vor allem. Bei einer Tasse Kaffee blättert er gelassen in den 24 Seiten, die ein streng geheimer operativer Vorgang gewesen sind.

So teilt die "Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Suhl - Abteilung VII" am 23. Dezember 1985 der "Bezirksverwaltung für Staatssicherheit KD Pirna" ihre tiefschürfenden Erkenntnisse mit: "Inoffiziell wurde bekannt, dass das Ehepaar Riemann, Heidenau, während eines Urlaubsaufenthalts in Suhl am 9.10.85 Kontakt zu einem Bürger der BRD hatte. Es handelt sich hierbei um einen gewissen Eschenbacher, Toni ... Nach eigenen Angaben haben sich die Personen vor ca. 10 Jahren in Pirna kennengelernt."

Spitzel haben geschlampert

Hier irrt die Stasi, denn der Kontakt ist schon viel älter. "Unsere Brieffreundschaft besteht seit 1956, und 1967 haben wir uns zum ersten Mal in Franzensbad getroffen", berichtet Eschenbacher. Da haben die Stasi-Spitzel also mal geschlampert. Aber sie haben herausbekommen, dass der Kulmbacher und sein DDR-Freund aus der Nähe von Dresden Briefmarkensammler sind, in Briefkontakt stehen und sich regelmäßig treffen.

Die Staatssicherheit macht daraus einen hochoffiziellen operativen Vorgang. Toni Eschenbacher und Frank Riemann werden bespitzelt. Jedes staatsgefährdende Treffen der beiden Briefmarkenfreunde wird dokumentiert.

Heute kann Eschenbacher, der 43 Jahre bei der Kulmbacher Sparkasse gearbeitet hat, darüber nur schmunzeln. "Das war eine ganz harmlose Freundschaft, die heute noch besteht, und dieser Staat hat wegen nichts so einen Aufwand getrieben. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln."

Kleiner Grenzverkehr

Er und sein Freund haben aus ihrem Kontakt ("Es ging darum, seltene Briefmarken zu bekommen") nie ein Geheimnis gemacht. Als Ende der siebziger Jahre der kleine Grenzverkehr eingeführt und damit die Grenze durchlässiger wird, trifft man sich regelmäßig. Ob Plauen, Klingenthal, Suhl oder Saalfeld - jeder Ort ist recht.

Den Briefkontakt pflegen die Freunde weiter. "Der Briefmarkentausch ging problemlos. Wir haben aber gemerkt, dass die Briefe und Päckchen von der Stasi geöffnet worden sind", betont Eschenbacher.

Darüber amüsiert sich der 74-Jährige heute. Wenngleich es seinerzeit bitterer Ernst gewesen ist. So weiß die Stasi zum Beispiel genau Bescheid über das erwähnte Treffen 1985 in Suhl. "Plötzlich sind zwei Stasi-Mitarbeiter auf dem Parkplatz aufgetaucht und wollten unsere Pässe mitnehmen. Ich habe darauf bestanden, dass einer von ihnen bei uns bleibt, sonst hätte ich den Ausweis nicht hergegeben. Wir haben eine Stunde gewartet, dann hat der andere den Pass zurückgebracht", erinnert sich Eschenbacher.

Einige Jahre nach der Wende forscht der Kulmbacher mit Hilfe seines sächsischen Freundes bei der damaligen Gauck-Behörde nach seiner Stasi-Akte. Es gibt in der Schaltzentrale der DDR-Macht einen Vorgang Eschenbacher. Kopien mit privater Korrespondenz über das gemeinsame Hobby, über die Vorzüge des Kulmbacher Bieres und über die Schönheiten des Thüringer Waldes.

Möglichkeit der Abschöpfung

Aber die Stasi denkt auch über "die Möglichkeiten der Abschöpfung des Briefpartners" nach. Ein Plan, den das Mielke-Ministerium aber verworfen hat. Der Kulmbacher wird nie belästigt, "und wir haben uns auch immer korrekt verhalten", versichert er.

Als am 9. November 1989 - "ein Donnerstag, das weiß ich ganz genau" - überraschend die Mauer fällt, dauert es nur drei Tage, bis sich die Freunde treffen: "Der Frank ist am Sonntag gleich mit dem Zug nach Kulmbach gekommen."

Diese Geschichte ist gut ausgegangen, andere aber haben die Unterdrückungsmethoden der Staatssicherheit mit ganzer Brutalität kennengelernt. "Die Grenze war fürchterlich, das darf man nicht unter den Tisch kehren", meint Eschenbacher, der immerhin die Gewissheit hat, dass sein Freund kein IM oder Stasi-Spitzel gewesen ist.
Der Kulmbacher blättert gern in seinen Unterlagen, die auch vieles über die Städtepartnerschaft Kulmbach-Saalfeld erzählen. "Das sind schöne Erinnerungen."



Rückblick: Revolution fegt die Stasi weg

Das Ministerium Die DDR war ohne das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nicht denkbar. Die Stasi war "Schild und Schwert der Partei", der SED. Beim MfS waren am Ende der DDR über 90.000 Hauptamtliche und wahrscheinlich rund 170.000 Inoffizielle Mitarbeiter beschäftigt. Anfangs mit Terror und Gewalt, später aber vor allem mit perfiden Zersetzungsmethoden ging die Stasi gegen bespitzelte Person vor.

Das Ende Nach der Wende dauerte es gut zwei Monate, bis DDR-Bürger die Stasi-Zentrale besetzten. Vor 25 Jahren wurde das Gebäude in der Ostberliner Normannenstraße gestürmt. Es ging darum, die Vernichtung der Geheimdienstakten zu stoppen. Damit wollte das MfS seine Taten verschleiern und seine IM vor der Enttarnung schützen. Tausende Demonstranten besiegelten in mehreren Städten der DDR das Ende der Stasi.

Der Tag in Ostberlin Am 15. Januar 1990 verlangten 2000 Menschen Einlass in das über vier Jahrzehnte streng abgeschirmte Gebäude in der Normannenstraße. Die Stimmung war gereizt, als sich um 17 Uhr plötzlich die Tore öffneten. Vorgefundene West-Delikatessen, für DDR-Verhältnisse unvorstellbarer Luxus, steigerte die Wut noch. Die Opposition rettete 16 000 Säcke mit zerrissenen Dokumenten vor der endgültigen Vernichtung. Seit 1995 setzen Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) die Einzelteile mühsam wieder zusammen.

Das Museum Heute besichtigen jährlich rund 80 000 Besucher die Ausstellung in der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. In dem Museum ist auch das Arbeitszimmer von Stasi-Chef Erich Mielke zu sehen. Die Akten, Tonbänder und Filme des DDR-Geheimdienstes verwahrt der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Erster Behördenchef ist der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck gewesen.
Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung