Spätestens beim vierten Vornamen, den ein Kind erhält, verlassen die Eltern im Landkreis Kulmbach oft ausgetretene Pfade. Basuka, Bonnie und Lorraine sind da in den zurückliegenden zehn Jahren als Mädchennamen in der Statistik aufgetaucht, ebenso wie Brooklyn und Dante bei den Jungs.

7155 Täuflinge hat das Kulmbacher Standesamt zwischen 1.1.2010 und 31.12.2020 registriert - davon hatten immerhin 21 mehr als drei Vornamen. Klare Siegerin bei den Mädchen ist dabei Emma - ein Name, der 84 Mal als erster Vorname vergeben wurde. Zählt man allerdings auch den zweiten Vornamen hinzu, siegt Marie auf der ganzen Linie, weil 153 Eltern ihr Kind so genannt haben - und auch Maria kommt noch auf 59 Nennungen bei Zweit- und Drittnamen.

Bei den Buben hat Paul die Nase vorne - 88 Kinder wurden im zurückliegenden Jahrzehnt mit Erstnamen so getauft. Maximilian allerdings hat 103 Nennungen, wenn man Erst- und Zweitnamennennungen addiert. Mit nur einer Nennung weniger als Paul folgen Leon vor Ben (80) und Felix (71).

Dass sich der Geschmack der Eltern freilich wandelt, ist im Vergleich zu sehen: Während 2010 Marie (9) vor Anna und Emma (je 7) rangierten, standen 2020 Frieda und Lina (je 10) vor Anna und Emilia (je 9). Felix (12) und Moritz (9) dominierten 2010, während es 2020 Noah (14) vor Paul (12) und Felix (10) waren.

Bundesweit standen im vergangenen Jahr übrigens Noah (wie in Kulmbach) und Mia (kam in Kulmbach gar nicht vor) auf Platz 1 der Namenshitparade, die seit langer Zeit der Hobby-Namensforscher Knut Bielefeld veröffentlicht. Ben und Emilia folgten dort auf Rang 2.

Für die Soziologie und Linguistik sind Kindernamen ein spannendes Thema, verrät Renata Szczepaniak, Lehrstuhlinhaberin für Deutsche Sprachwissenschaft an der Uni Bamberg. "Die Tendenz zu zweisilbigen Namen ist schon seit einigen Jahren zu beobachten", bestätigt die Professorin.

Während Jungennamen bereits in der Vergangenheit eher kurz ausfielen, nähern sich nun auch Mädchennamen dieser Struktur an. Grund dafür sei die fortschreitende Androgynisierung, also die Vermännlichung von Vornamen. Besonders im Englischen ist diese Entwicklung erkennbar: Galten Cameron oder Ashton bislang als typische Jungennamen, werden sie nun auch für Mädchen gängiger.

Der Klang ist entscheidend Die Zunahme zweisilbiger Namen sei ebenfalls ein Ergebnis dieser strukturellen Annäherung, erklärt Szczepaniak. Das betrifft nicht nur die Anzahl der Silben, aus denen sich ein Name zusammensetzt, sondern auch dessen phonologische Struktur - also wie klangvoll sich der Name beim Aussprechen anhört. "Sowohl Jungen- als auch Mädchennamen werden seit Jahrzehnten immer sonorer", ergänzt Szczepaniak. Das bedeutet: Moderne Kindernamen enthalten meist wenige direkt aufeinanderfolgende und "hart" klingende Konsonanten, aber dafür einen Vokal in jeder Silbe. Leon wirkt daher klangvoller als Horst, und Lina lässt sich leichter aussprechen als Margarethe.

Dennoch unterscheiden sich die Vorlieben in fränkischen Kreisen. Während 2020 im Nachbarkreis Lichtenfels Ella (neben Emilia und Lara, je 7) und Ben (9) die Nase vorne hatten, setzten sich im Zehn-Jahres-Vergleich im Landkreis Bamberg Elle und Felix durch. Im Landkreis Forchheim waren 2020 Mila und Leo die In-Namen.

"Die Namensvergabe war und ist immer gesellschaftlichen Entwicklungen unterworfen und stark von ihnen abhängig", betont Sprachwissenschaftlerin Szczepaniak. Im späten Mittelalter waren beispielsweise christliche Vornamen besonders beliebt. Moderne Kindernamen seien dagegen viel diverser. "Die heutigen Top-10-Namen sind prozentual nicht sehr ausschlaggebend, während früher bestimmte Namen wie Johannes prozentual stark überwogen", unterscheidet Szczepaniak. Dass bestimmte Namen vom Aussterben bedroht sind, glaubt die Sprachwissenschaftlerin aber nicht.

Ob sich Eltern bei der Namensgebung nun für Ben oder Heinrich, Mia oder Gudrun entscheiden, kann sich auch auf die psychologische Entwicklung eines Kindes auswirken. "Ein Name hat sicherlich Einfluss auf den Namensträger und kann bereits in jungen Jahren ein kleiner ,Auftrag" für ein Kind sein", erklärt Anna Wirobal, Bamberger Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche.

Doch nicht nur komplizierte und ausgefallene Vornamen können für Kinder zur Bürde werden. Auch nach einer bereits existierenden Persönlichkeit benannt zu sein - egal ob Verwandter, Prominenter oder Filmfigur - stelle eine Herausforderung dar. "Ein Name ist meist ein Geschenk und vom Träger zwar nicht selbst ausgesucht, aber im Laufe der Zeit gut ausgefüllt", betont Wirobal. Für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes seien andere Faktoren jedoch viel ausschlaggebender.

Doch Namen können auch mit Vorurteilen behaftet sein. Beispielsweise wenn das Gegenüber in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit einem Namensvetter gemacht hat. Vorurteile seien aber prinzipiell nicht negativ, sondern könnten Menschen in der Fülle der täglichen Einflüsse als wichtige Filter dienen, um leichter Entscheidungen zu treffen, erläutert Wirobal.

Bei vielen gesellschaftspolitischen, aber auch individuellen Themen wie der Vornamenswahl, sei es daher fair, dem Einzelnen wertfrei zu begegnen - denn Vorurteile könnten sonst ausgrenzen und verletzen. "Davon ausgehend, dass Eltern den Namen ihres Kindes wohlwollend und bedacht ausgesucht haben, sollte Respekt vor dieser Entscheidung die Haltung sein."