Das Gutachten der Psychologin hebt die Laune der Verteidigung. Rechtsanwalt Johann Schwenn glaubt nun, dass sein Mandant keinesfalls verurteilt wird. Eine Einschätzung, die er zwar nicht offiziell im Vergewaltigungsprozess vor dem Landgericht Bayreuth verkündet, aber vor der Presse. Doch die Gegenseite auf der Nebenklägerbank zweifelt das Gutachten an. Auf Presseanfrage befürchtet Rechtsanwalt Frank K. Peter, dass die Sachverständige überfordert sei.

Es geht um die große Enkelin. Heute 26-jährig, hat sie in der Hauptverhandlung ihren Großvater belastet. Ihr soll Diplom-Psychologin Gabriele Drexler-Meyer in den Kopf schauen. Sie soll die Glaubwürdigkeit der Zeugin beurteilen. Mit wissenschaftlichen Methoden.


Möpse anfassen für einen Zehner

Was ist damals passiert, als das Mädchen zehn und zwölf Jahre alt gewesen ist? Die Enkelin erinnert sich, "als die Hand unter meinem Nachthemd war". Sie sei schlaftrunken gewesen, habe dann " die Hand zwischen meinen Beinen" gespürt. Anfangs ist sie zu jung, um die Situation einschätzen zu können. "Der Opa spielt wieder - blödes Spiel", so ihre Reaktion. Später meint sie: "Man kannte ihn ja. Du kriegst einen Zehner, dann darf er mal an deine Möpse fassen."

Was ist diese Aussage wert? Ist sie wahr oder ist sie erfunden? Haben wir es mit dem Komplott eines Frauenclans, bestehend aus Tochter, Ex-Frau und zwei Enkelinnen, gegen den schwerreichen Patriarchen der Familie zu tun, wie die Verteidigung annimmt? Oder hat der 71-jährige Angeklagte seine Tochter mehrfach vergewaltigt und weitere Sexualstraftaten begangen?

Die Gutachterin erläutert ihren Untersuchungsansatz. Erlebnisorientiertes Wissen habe die größte Bedeutung. Es sei detail- und umfangreicher, enthalte Interaktion und vermeintlich unwichtiges Randgeschehen. Ein wahrheitsgemäß aussagender Zeuge sei authentischer. Bei einer Falschaussage müsse dagegen alles aus theoretischem Wissen rekonstruiert werden. Ein Lügner halte seine Schilderung einfacher, um sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Im Kerngeschehen, so Drexler-Meyer, würden aber mehr belastende Details präsentiert, "was man ja erreichen will".


Hat's der Weiße Ring verpfuscht?

Als problematisch bezeichnet es die Sachverständige am Mittwoch, dass die Enkelin vor ihrer ersten Aussage bei der Polizei ausführlich vom Mitarbeiter des Weißen Rings befragt worden ist. Dieser habe, so die Zeugin in der Befragung bei der Psychologin, alles genau wissen wollen, habe sich auch zeigen lassen, was der Opa genau gemacht hat, und habe den Unterschied zwischen Missbrauch und Vergewaltigung angesprochen. Protokolle hierüber lägen nicht vor, sagt die Gutachterin und schließt eine Entstehung der Aussage durch suggestive Einflüsse nicht aus.

Das Schwenn-Lager ist empört. "Unglaublich", schimpft der Verteidiger und meint das Verhalten seines Lieblingsopferbetreuers.

Des Anwalts Mine hellt sich auf, als die Psychologin feststellt: "Die Glaubhaftigkeit der Aussage der Zeugin ist nicht verlässlich zu belegen." Neben suggestiven Übernahmen könne auch theoretisches Wissen eingeflossen sein: aus einer Internet-Recherche für ein Referat sowie aus Gesprächen mit einer Freundin, die Missbrauch durch den Vater geschildert hat.


Letztes Wort beim Gericht

Als die Wogen hochschlagen, stellt Vorsitzender Richter Michael Eckstein fest: "Die Beurteilung der Glaubwürdigkeit ist unterm Strich immer noch Aufgabe des Gerichts. Der Sachverständige ist ein Helfer des Gerichts."

Das zweite Glaubwürdigkeitsgutachten steht noch aus - es betrifft die Hauptbelastungszeugin, die Tochter des Angeklagten. Sie soll nächste Woche erneut vor Gericht aussagen - am Dienstag, wenn der Prozess fortgesetzt wird.