Wolfgang Hoderlein war bis vor einigen Jahren Vordenker der SPD in Bayern. Er hat, was es in der Bayern-SPD nur einmal gibt, alle Führungspositionen der Partei bekleidet: Ortsvereins-, Kreis-, Unterbezirks- und Bezirksvorsitzender, General sekretär und Landesvorsitzender (2000 bis 2003). Seit er 2008 nach 18 Jahren - länger war kein anderer Kulmbacher Politiker im Maximilianeum vertreten - auf eigenen Wunsch aus dem Landtag ausschied, ist es ruhiger um ihn geworden. Am Samstag hat der Mann, dessen politische Karriere vor 35 Jahren im Stadtrat von Stadtsteinach begann und der jetzt noch Bezirks- und Kreisrat ist, 60. Geburtstag. Im BR-Interview spricht er über sein Verhältnis zur SPD, über die Agenda 2010 und über seinen Einsatz für Franken.

Herr Hoderlein, erinnern Sie sich noch an Ihren 50. Geburtstag? Hat Ihnen da der Kanzler gratuliert?
Wolfgang Hoderlein: Ja, da kann ich mich erinnern (lacht). Denn fünf Tage danach, am 14. März, verkündete Schröder seine Agenda 2010 im Bundestag. Das war seit der Wiedervereinigung das einschneidendste Ereignis im deutschen Sozialstaat und in der SPD - danach ist alles anders geworden.



Sie waren damals als SPD-Chef in Bayern doch wöchentlich bei den Treffen mit Gerhard Schröder im Willy-Brandt-Haus in Berlin.
Ach Gott, ja, in der Funktion als Landesvorsitzender des damals zweitgrößten SPD-Landesverbandes war ich bei manchen Gremiensitzungen in Berlin. Mein Resümee heute? Der Philosoph Heraklit vor zweieinhalbtausend Jahren hatte schon recht: Alles fließt! Dass die Agenda 2010 unser Land und die SPD so nachhaltig verändern würde, war zu Beginn nicht zu erkennen. Hätte man es erkannt, so hätte man seitens der SPD hoffentlich einiges anders gemacht.

Bedauern Sie es, dass Sie inzwischen mit der großen Politik nichts mehr zu tun haben?
Nein, im Gegenteil, meine Lebensqualität ist heute wesentlich besser. Was ich bedauere, sind die Umstände, die zu meinem Rückzug geführt haben. Die Bayern-Wahl im Herbst 2003 war die erste nach der Verkündung dieser Agenda. Ab 2003 gibt es einen abrupten Knick - da sind die Wahlergebnisse der SPD um 7 bis 11 Prozent im Schnitt abgesunken, und die Partei hat über 200 000 Mitglieder verloren. Kein Mensch hat unsere minus 9 Prozent damals auf die Agenda geschoben. Auch Peer Steinbrück ging es nicht anders, der 2005 in NRW abgewählt wurde. Man hätte die Agenda nicht bei einer großen Rede im Bundestag verkünden dürfen, sondern vorher eine Debatte über den notwendigen Umbau des Sozialstaats anstoßen müssen. Weil in Bayern damals kein anderer zurückgetreten ist (Spitzenkandidat und Oppositionsführer war damals Franz Maget, Wahlkampfmanagerin und Generalsekretärin Susann Biedefeld, Anm. der Red.), bin ich dann gegangen. Es ist schon ein bisschen bitter, dass du die Rübe hinhalten musst, obwohl du für die Sache nichts kannst. Eigentlich war ich das erste SPD-interne Opfer der Agenda.

Was machen Sie heute, wenn Sie sich nicht gerade um Ihre kleine Tochter Helen kümmern?
Ich bin seit drei Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bamberg und dort in einem großen Bildungsforschungsprojekt integriert. Wir untersuchen in einer riesigen Längsschnittstudie mit fast 100.000 Teilnehmern Bildungserwerb und Bildungsverläufe im Werdegang eines Menschen lebens. Das ist eine Frage, die mich schon als junger Pädagogikstudent interessiert hat. Und es macht mir großen Spaß, beim größten sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt, das es zurzeit in Deutschland gibt, mit jungen Wissenschaftlern, die meine Kinder sein könnten, zusammenzuarbeiten.

Haben Sie gerade also keine Zeit, um sich Ihrem Lieblingsthema zu widmen: mit Franken, das von Bayern beherrscht wird?
Von wegen keine Zeit. In jedes Nachtgebet schließe ich die fränkischen Angelegenheiten ein. Das ist wie beim immerwährenden Reichstag - eine vermutlich nie endende Aufgabe. Nämlich, das Fränkische nicht im Bayerischen aufgehen zu lassen, sondern fränkische Geschichte, Sprache und Kultur als solche hochzuhalten und nicht zu verwechseln mit der derzeitigen Zugehörigkeit von Teilen des fränkischen Raums zum Freistaat Bayern.

Wieso Teile?
Weil wesentliche Teile Frankens im Raum Hohenlohe zum heutigen Baden-Württemberg gehören und weil - wie wir erst vor kurzem wieder gehört haben - auch Teile des heutigen Freistaats Thüringen fränkisches Territorium sind und sich die Leute dessen auch wieder besinnen. Ich persönlich glaube, dass wir um das Jahr 2020 - aufgrund verschiedenster Umstände wie demographische Entwicklung, Staatsschulden, Auslaufen des Solidarpakts, Auslaufen des jetzigen Länderfinanzausgleichs, Schuldenbremse im Grundgesetz - wieder neue Debatten bekommen werden über eine Gebietsreform auf kommunaler und Länderebene.

Stichwort benachteiligte Region: Wie sehen Sie die Zukunft Oberfrankens?
Ich sehe zwei besorgniserregende Entwicklungen. Einerseits die soziale Disharmonie bei Einkommen, Vermögen etc., was einer Gesellschaft nicht zuträglich ist. Andererseits der Kontrast zwischen Ballungszentren und ländlichem Raum, wobei Oberfranken der ländlichste aller bayerischen Räume ist. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass es permanente und massive Sondermaßnahmen in und für Oberfranken geben müsste. In jüngster Zeit bin ich da etwas zuversichtlicher, weil die Staatsregierung inzwischen ein bisschen besser reagiert, aber bei weitem nicht ausreichend. Wenn aufgrund der Sonderlage Oberfrankens keine Sondermaßnahmen kommen, wird die Schere immer weiter auseinandergehen. Ich schaue mir nur alle Daten und Fakten an. Doch die Verantwortlichen trauen sich nicht, Konsequenzen zu ziehen. Alles Jubel, Trubel, Heiterkeit - ein Bärendienst an unserer Heimat.

Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Ihrer Partei, nachdem Sie vor zwei Jahren aus- und vor einem Jahr wieder eingetreten sind?
Ich war und bin ein überzeugter Sozialdemokrat. Die Sozialdemokratie ist die Königin aller politischen Philosophien. Ich habe ein gutes Einvernehmen mit der wirklichen Basis, aber ein zunehmend kritisch-distanziertes Verhältnis zur Funktionärsklasse. Das ist eine sich mehr und mehr verselbständigende Personengruppe, die den Organisationsrahmen der SPD zur Erfüllung persönlicher Interessen nutzt.

Es muss Sie schmerzen, dass die Oberfranken-SPD im Bezirk kaum wahrgenommen wird.
Das schmerzt mich auch sehr, denn in ganz Bayern gibt es keine Region, wo die SPD so gute Voraussetzungen für eine kreative eigene Politik und ein kritisches Verhältnis zur Politik der CSU haben könnte wie in Oberfranken. An die neunziger Jahre unter dem Bezirksvorsitzenden Heinz Köhler, als die SPD die absolut dominierender Kraft im Bezirk war, erinnere ich mich ebenso gern wie schmerzlich.

Noch eine persönliche Frage: Scheiden Sie im Herbst auf eigenen Wunsch aus dem Bezirkstag aus? Und wollen Sie bei der Kommunalwahl 2014 wieder für den Kreistag kandidieren?
In die Personalkonstruktion und -diskussion für die Landtags- und Bezirkstagswahl der SPD-Kreisverbände Kulmbach und Wunsiedel war ich nicht eingebunden. Man hat mir Anfang August mitgeteilt, dass ich für den Bezirkstag nicht mehr nominiert werde. Als Zweitstimmenkandidat war ich grundsätzlich bereit anzutreten. Man hat mir Platz 10 angeboten, das habe ich dankend abgelehnt. Und Kreistag? Das will ich bewusst offen lassen. Schließlich habe ich dann 36 Jahre Kommunalpolitik "auf dem Kerbholz".

Was trauen Sie Christian Ude bei der Landtagswahl zu?
Ich wünsche mir, dass es zum Machtwechsel kommt, und Christian Ude ist der Bestmög liche für diese Aufgabe. Das wollte ich schon für 2003, da hat er mir aber abgesagt.

Nach 35 Jahren in der Politik - was halten Sie von dem Spruch: Politik verdirbt den Charakter?
Ich weiß nicht so recht ... (überlegt). Kann es auch umgekehrt sein: Schlechte Charaktere verderben die Politik?