Wohl noch nie zuvor ist das Ergebnis einer Oberbürgermeisterwahl in Kulmbach mit so viel Spannung erwartet worden wie gestern Abend. Schon nach den ersten ausgezählten Stimmbezirken zeichnet sich ein Trend ab, der sich im vorläufigen Ergebnis bestätigt: Henry Schramm, gemeinsamer Kandidat von CSU, WGK und FDP, schafft die absolute Mehrheit nicht, pendelt um die 45 Prozent. Es wird eine Stichwahl zwischen ihm und Ingo Lehmann von der SPD geben, dessen Ergebnis sich um die 35 Prozent bewegt.

Kein Vergleich zum Erfolg 2012

Bei der letzten OB-Wahl 2012 hatte Schramm mit 61,57 Prozent im ersten Wahlgang seine beiden Konkurrenten (Ingo Lehmann von der SPD und Hans-Dieter Herold von den Grünen), auf Anhieb deutlich hinter sich gelassen. Ein triumphales Ergebnis. Damit konnte er dieses Jahr nicht unbedingt rechnen. Erstens wollten ihm gleich drei Gegenkandidaten seinen Posten streitig machen. Zweitens war die heiße Phase des Wahlkampfs überschattet von Schramms Grundstücksaffäre und weiteren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Gegen 20 Uhr sind alle 51 Stimmbezirke ausgezählt, das vorläufige Ergebnis steht fest: Schramm liegt mit 45,53 Prozent in Führung, gefolgt von Ingo Lehmann mit 35,46 Prozent. Dagmar Keis-Lechner von den Grünen kommt auf 14,11 Prozent, AfD-Kandidat Hagen Hartmann muss sich mit mageren 4,88 Prozent begnügen.

"Das ist Demokratie"

"Natürlich habe ich gehofft, dass das, was ich in den vergangenen 13 Jahren für Kulmbach machen durfte, zu einem guten Ergebnis führt. Aber das ist in einer Demokratie so, da braucht man 50 Prozent, und die habe ich leider nicht erreicht", sagt Henry Schramm. "Bei vier Kandidaten ist das natürlich auch nicht leicht, und die letzten Wochen haben anscheinend wirklich ihre Spuren hinterlassen. Aber ich danke allen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben."

Die Aufgabe für die kommenden zwei Wochen ist für Schramm klar: "Jetzt geht es für mich darum, die Menschen zu überzeugen, die Sachpolitik wieder in den Vordergrund zu stellen und zu zeigen, dass ich der Richtige bin, um die Aufgaben der Zukunft zu lösen und die Entwicklung Kulmbachs weiter voranzubringen." Alle Wahlberechtigten bittet Schramm, die als Briefwahl durchgeführte Stichwahl zu nutzen.

Zufrieden, aber keineswegs euphorisch, zeigt sich der Zweitplatzierte im Rennen, Ingo Lehmann: "Uns war im Wahlkampf wichtig, dass das Kommunalpolitische im Mittelpunkt steht. Auch wenn die SPD bundes- und bayernweit nicht so erfolgreich ist, können wir mit dem, was wir in Kulmbach erreicht haben, schon zufrieden sein." Für den Amtsinhaber sei dessen Ergebnis allerdings "eine Niederlage", meint Lehmann.

Lehmann gibt sich optimistisch

"Ich gehe optimistisch in die Stichwahl!" Zunächst einmal sei er allerdings gespannt auf das Abschneiden der Kandidaten bei den Stadtrats- und Kreistagswahlen. Als schwierig sieht er angesichts der Corona-Krise die Möglichkeiten, bis zur Stichwahl echten Wahlkampf machen zu können. "Da müssen wir uns etwas überlegen."

Euphorie pur bei der Grünen-Kandidatin Dagmar Keis-Lechner: "Ich bin mega-glücklich!" Das Ergebnis erfülle sie durchaus mit ein wenig Stolz. Ich denke, es wurde belohnt, dass wir einen fairen Wahlkampf gemacht haben."

Im Vergleich zu Hans-Dieter Herold bei der OB-Wahl 2012 habe sie das Grünen-Ergebnis verdreifacht. Dies sei aber auch der aktuellen Situation geschuldet: "Wir leben in einer anderen Welt: Die Klimakrise beschäftigt die Menschen, grüne Themen sind fassbarer und fühlbarer geworden. Ich lebe dafür, dass diese Themen noch stärker ins Bewusstsein kommen."

Ganz und gar nicht zufrieden ist dagegen Hagen Hartmann: "Ich bin etwas enttäuscht, ich hatte mir wesentlich mehr erhofft." Die Ursache sieht der AfD-Mann nicht in seiner Person. "Die Berichterstattung über den Höcke-Besuch war für uns nicht besonders förderlich", sagt er. Und wegen der "Vorgänge rund um Henry Schramm" habe die AfD wenig Aufmerksamkeit bekommen, weil sie unbeteiligt gewesen sei. Im übrigen habe die AfD in der Wahlwerbung weniger Möglichkeiten, "weil wir nicht so viel Geld für Plakate haben wie die anderen".

Kommentar: Überraschung, die keine ist

Kulmbach hat gewählt, doch wer Chef im Rathaus sein wird, das ist noch nicht entschieden. Oberbürgermeister Henry Schramm, seit mehr als 13 Jahren im Amt, ist es nicht auf Anhieb gelungen, alle Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen. Es ist ein Ergebnis, das in seiner Deutlichkeit manche überrascht hat, das aber keine echte Überraschung ist.

Bis vor kurzem hatten viele Kulmbacher Schramm den Sieg im ersten Anlauf zugetraut, was ihm ja 2012 schon einmal gelungen war, allerdings gegen nur zwei Mitbewerber. Bei drei Gegenkandidaten in die Stichwahl zu müssen, ist zwar keine Schande, aber sicher doch eine Enttäuschung für den CSU-Mann.

Dass die wochenlangen Debatten um die Grundstücksaffäre und andere Vorwürfe Schramms Image geschadet und ihn Wählerstimmen gekostet haben, ist spekulativ, aber doch wahrscheinlich.

Vielleicht hat mancher Wähler, der eigentlich mit der bisherigen Arbeit des Kulmbacher Oberbürgermeisters zufrieden ist, im ersten Durchgang sein Kreuzchen bei einem anderen Kandidaten gemacht, um die Stichwahl zu erzwingen und deutlich zu machen, dass er Dinge, die strafrechtlich nicht relevant sein mögen, moralisch dennoch nicht in Ordnung findet.

Vielleicht werden diese Denkzettel-Wähler im zweiten Durchgang dann doch Schramm wählen. Immerhin hat der OB in den vergangenen beiden Amtszeiten bewiesen, dass er etwas bewegen kann und seine Ziele erreicht.

Mit Ingo Lehmann steht ebenfalls ein erfahrener Kommunalpolitiker zur Wahl, der seit vielen Jahren im Stadtrat für seine Heimat arbeitet, der sich in vielen Themen auskennt und dem ein großer Teil der Wähler ganz offensichtlich zutraut, das Amt ausfüllen zu können. Daran lässt das respektable Ergebnis des gestrigen Wahltags keinen Zweifel.

Es wird also auch in der Stichwahl noch einmal richtig spannend. Die Frage ist: Was tun die 20 Prozent, die gestern die Grünen oder die AfD gewählt haben. Ist für sie Schramm oder Lehmann der bessere Mann fürs Amt?

Beide müssen jetzt noch einmal Überzeugungsarbeit leisten. Und die Kulmbacher müssen sich fragen: Wem traue ich als Wähler(in) zu, Aufgaben zu erkennen und anzupacken, Probleme zu lösen, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen?