Groß war der Jubel, als der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Juni 2017 nach der Sitzung des Bayerischen Kabinetts verkündet hatte, dass Kulmbach Universitäts-Standort wird. Drei Jahre später ist bei vielen Ernüchterung eingetreten. Die Fakultät VII für Lebensmittelwissenschaften der Uni Bayreuth nimmt zwar ihren Lehrbetrieb wie geplant 2020 auf - vom Campus auf dem Güterbahnhofsareal, von dem alle träumen, ist Kulmbach aber noch ein gutes Stück entfernt.

Noch zehn Jahre?

Eine gewisse Frustration macht sich breit. Nicht nur bei Gründungsdekan Stephan Clemens. Der hatte im Juni im Stadtrat von einem traurigen Kapitel gesprochen, beklagt, dass die Mühlen langsam mahlen, wenn es um öffentliche Bauvorhaben geht. Bei einem Ortstermin auf der Baustelle in der alten Spinnerei, wo provisorische Räume bezogen werden sollen, hat er deutlich gemacht, dass dort eigentlich nur eine temporäre Nutzung über vier Jahre angedacht war. Und er hat angeführt: "Ich gehe davon aus, dass wir hier länger bleiben werden." Clemens rechnet damit, dass sich das Campusleben in den nächsten zehn Jahren im Wesentlichen im Spinnereiviertel abspielen wird.

Brauerei wartet auf Angebot

Es stellen sich Fragen über Fragen: Sind die Zwischenlösungen ausreichend, um einen international ausgerichteten Studiengang jungen Leuten schmackhaft zu machen? Warum ziehen sich die Verhandlungen für den Uni-Standort auf dem Güterbahnhofsgelände so lange hin?

Der Weg zum Campus ist ein steiniger. Große Teile des Güterbahnhofsareals, die für den Bau benötigt werden, sind noch im Besitz der Brauerei, die weiterhin verkaufsbereit ist, wie Vorstand Markus Stodden erklärt: "Wir als Brauerei stehen nach wie vor zu unserer Aussage, dass wir das Bahngelände verkaufen, um den Weg für einen architektonisch und konzeptionell interessanten Uni-Campus freizumachen. Das wissen auch alle Entscheider." Fortschritte werden aber offenbar nicht erzielt, denn Stodden stellt weiter fest: "Wir verhandeln seit nunmehr eineinhalb Jahren mit der Immobiliengesellschaft des Freistaates. Bis zur Stunde liegt uns noch kein Kaufangebot vor."

Im Juni wurde bekanntgegeben, dass das Wissenschaftsministerium erst den öffentlichen Bedarf anerkennen muss, bevor die Immobiliengesellschaft mit der Stadt und der Brauerei verhandeln darf. Hätte über den Bedarf aber nicht früher entschieden werden müssen, um den Campus, der für die Fakultät von großer Bedeutung ist, zeitnah auf den Weg zu bringen? Müssen sich die zuständigen Ministerien den Vorwurf gefallen lassen, das Projekt nicht vehement genug vorangetrieben zu haben?

Ministerien nehmen Stellung

Das Wissenschafts- und das Bauministerium sowie die Immobilien Freistaat Bayern versichern auf Anfrage, dass alles getan werde, um die Voraussetzungen zur Errichtung des Campus schnellstmöglich zu schaffen. Die Feststellung des Bedarfs sei äußerst komplex und gehe einher mit einer weiteren Konkretisierung der Planungen für die Fakultät, heißt es. Und weiter: "Wir befinden uns hier in engem Austausch mit den verschiedenen Beteiligten wie der Immobilien Freistaat Bayern und insbesondere der Universität. Wir setzen alles daran, das Verfahren zügig abzuschließen."

Flächen im "Fritz"

Der Fokus liege nach wie vor auf dem Güterbahnhof. "Der Ankauf einer Fläche in dieser Größenordnung ist jedoch naturgemäß mit einer Vielzahl von liegenschaftlichen Fragestellungen verbunden, die vor dem Erwerb geklärt werden müssen. Derzeit befindet sich die Immobilien Freistaat Bayern mit der Brauerei in konstruktiven Gesprächen", wird betont. Damit der Unibetrieb starten könne, habe die Immobilien Freistaat zentral gelegene Flächen in der Spinnerei angemietet. Es sei empfohlen worden, weitere Flächen im Einkaufszentrum zu mieten, "in dem für die Hochschule qualitativ hochwertige Räume hergerichtet werden sollen". Eine angemessene Unterbringung und der Start des Lehrbetriebs seien schon jetzt gewährleistet.

Bei der Frage, was angemessen ist, scheiden sich die Geister. In der dritten Etage im Spinnereigebäude, die Büros, Vorlesungsräume und Bibliothek beherbergen soll, fehlen noch

Angemessen?

Fußböden, die Elektroinstallationen, abgehängte Decken. Als provisorische Unterkünfte werden wohl Räume des BRK dienen, eventuell auch der VHS. "Da ist seitens der Universität viel Improvisation und Flexibilität gefragt, seitens der Studierenden echter Pioniergeist", hat Gründungsdekan Clemens erklärt. Pioniergeist, den auch die bis zu 30 Studierenden zeigen müssen, die im November zum ersten Masterstudiengang erwartet werden. Sie müssen mit einem Raum in der Hornschuch-Villa vorlieb nehmen. Hierzu auch ein Kommentar von Alexander Hartmann Die Protagonisten müssen liefern Ob an den Unterstellungen was dran ist, dass die CSU-geführte Staatsregierung den maßgeblich auch von ihrem Parteifreund Henry Schramm angestoßenen Uni-Campus in der Prioritätenliste nach hinten geschoben hat? Ihn nicht mehr mit aller Kraft vorantreibt, nachdem Schramm bei der OB-Wahl gegen den Sozialdemokraten Ingo Lehmann den Kürzeren gezogen hat? Man mag es nicht glauben, doch die Tatsache, dass die Campus-Pläne stocken, lässt Raum für Spekulationen.

Das Parteibuch darf natürlich keine Rolle spielen. Und so wollen wir Staatsminister Bernd Sibler Glauben schenken, der am Rande einer Plenarsitzung im Landtag signalisiert haben soll, dass die Verhandlungen der Immobilien Bayern laufen. Ob sie aber auch mit Vehemenz vorangetrieben werden, wie es die Ministerien in München versichern? Nicht zielstrebig genug, könnte man meinen, wenn selbst der Gründungsdekan der Uni-Fakultät befürchtet, dass sich das Studentenleben noch im gesamten nächsten Jahrzehnt im Wesentlichen auf dem Spinnereiareal abspielen wird. Warum das Wissenschaftsministerium den Bedarf für den Campus nicht längst anerkannt hat? Warum die Immobiliengesellschaft des Freistaates der Brauerei noch kein Kaufangebot für die Grundstücksflächen auf dem Güterbahnhofsareal unterbreitet hat, die für den Campus-Bau unerlässlich sind? Das Ministerium gibt zwar Antworten, die aber weder die Stadt noch die Uni zufriedenstellen können. Fest steht: Zeitnah wird sich der Campus nicht realisieren lassen. OB Ingo Lehmann, der anders als Henry Schramm sicher nicht den direkten Draht zu den Schaltstellen in München hat, daraus einen Strick zu drehen, ist aber wohl unangebracht. Die Stadt kann die rasche Umsetzung zwar anmahnen, den Uni-Aufbau aber nur begleiten. Nachdem die Weichen unter Lehmanns Vorgänger gestellt worden sind, sind jetzt die Protagonisten gefordert: Die Ministerien in München und die Immobilien Freistaat Bayern, die - natürlich in Absprache mit der Uni - für die universitäre Infrastruktur sorgen und liefern müssen.