Es ist das laute, regelmäßige Knacken, das die Männer auf dem Baustellendamm in der Kulmbacher Flutmulde ziemlich nervös macht. Seit zwei Stunden knackt es, und es scheint, als ob sich der schwere Lastwagen bei jedem Ton ein wenig mehr zu Seite neigt. Einer der Vorderreifen hat bereits den Bodenkontakt verloren. Kippt das Gespann?

Knapp zwei Stunden vorher hatte der Fahrer des Sattelzugs einen verhängnisvollen Fehler begangen. Der 45-Jährige aus Tschechien, seit 17 Jahren unfallfrei am Steuer eines Lkw unterwegs, wie er später erzählt, biegt auf Höhe der Gaststätte "Hähnchenwirt" in den Priemershofer Weg ein.


Neue Zugmaschine

Er hat Spundwände geladen, die er auf die Baustelle an der Flutmulde bringen soll. Mit den großen Metall-Teilen soll der Hochwasser-Damm verstärkt werden. Eigentlich will er nur seine Ladung loswerden und dann weiter zur nächsten Fuhre, nach Frankreich. Knapp 40 Tonnen wiegt das Gespann. Die Zugmaschine ist nagelneu. 95 000 Euro hat sie gekostet und erst 11 000 Kilometer auf dem Tacho.

Die Baustellenzufahrt ist eigentlich stabil genug für solche Fahrzeuge. Aber der Mann am Steuer kommt ein wenig zu weit nach rechts. Es hat tagelang geregnet, das Bankett ist aufgeweicht, die Räder rutschen ab. Schnell steht fest: Aus eigener Kraft kommt der Mann mit seinem Sattelzug nicht mehr frei.

Die Kulmbacher Feuerwehr wird alarmiert. Die Helfer können zunächst nicht viel tun. Einsatzleiter Michael Weich denkt kurz einmal daran, den Kraftstoff abzupumpen: Sollte der Lkw kippen, würden rund 1000 Liter Diesel in die Flutmulde laufen. Aber der Gedanke wird wieder verworfen. Mit leerem Tank wäre die Zugmaschine zu leicht, das Risiko, dass das Gespann kippt, würde steigen.


Schweres Gerät zur Sicherung

Auch die Mitarbeiter der Baufirma Grundbau aus Kaufbeuren sind zunächst ratlos. Dann, immerhin, findet man eine Möglichkeit, den havarierten Lastwagen zu sichern: In der Nähe des Pörbitscher Wegs, gut eineinhalb Kilometer entfernt, steht eine Ramme in der Baustelle. Rund 55 Tonnen wiegt die. Das sollte ausreichen, um das Fahrzeug an der Böschung zu stabilisieren. Im Schritt-Tempo nähert sich die Ramme. Vom Lkw her dringt weiterhin das Knacken. Hält die Böschung?

Mittlerweile ist auch das THW mit Einsatzleiter Udo Wende alarmiert. Mit schweren Eisenketten verbinden die Helfer den Anhänger mit der Ramme, setzen die Ketten unter Zug, stabilisieren so den Anhänger.

Nun gibt es erst einmal nicht viel zu tun. Die Feuerwehr rückt ab. "Wir haben aber vorher alles zum Abpumpen von Diesel vorbereitet. Wäre der Lkw gekippt, hätte es schnell gehen müssen: Innerhalb von einer Stunde wäre der Kraftstoff dann in den Main geflossen", sagt Michael Weich.

Ein Autokran ist angefordert. Der kommt aus Untersiemau bei Coburg. Das dauert seine Zeit. Die Bayernwerke haben vorsorglich schon den Strom in den Hochspannungsleitungen abgeschaltet, die entlang der Flutmulde verlaufen, damit der Kran freie Fahrt hat.

Die Feuerwehr Mainleus ist informiert. Sollte doch Kraftstoff in die Flutmulde fließen, kann innerhalb kurzer Zeit einen Kilometer flussabwärts bei den "Zehn Eichen" eine Ölsperre errichtet werden.

 



Auf den Zentimeter genau Für die wenigen Männer, die noch am Unfallort sind, heißt es nun warten. Der Fahrer des Lastwagens, sichtlich angespannt, raucht viel. Von den Männern auf der Baustelle wird er mit einer Brotzeit versorgt.

Dann kommt der Kran. Ein Riesentrumm ist das: Der Priemershofer Weg hätte nicht schmaler sein dürfen. Als das gewaltige gelbe Fahrzeug an Ort und Stelle ist, geht alles ganz schnell. Die riskante Aufgabe, einen stabilen Gurt unter dem Anhänger durchzuschieben, der mittlerweile ganz bedrohlich schief über der Böschung hängt, ist rasch gemeistert. Ein paar kräftige Rucke - und wie von Zauberhand hebt sich das Heck des Anhängers gut einen halben Meter über den Boden. Zentimetergenau setzen die Reifen auf der geschotterten Fahrspur auf. Geschafft!

Der Fahrer, sichtlich erleichtert, schnippt seine Kippe auf den Boden, inspiziert die Ladung und das Führerhaus: Es scheint kein nennenswerter Schaden entstanden zu sein. Und das freut dann doch auch die Helfer sehr.