Schnell war allen im Gerichtssaal klar, was sich da wirklich zugetragen hatte am 8. November 2014 in einer Kneipe in der Oberen Stadt in Kulmbach. Nur die Ermittlungsbehörden, Polizei und Staatsanwaltschaft, ließen sich offenbar lange täuschen.

Laut Anklage sollten zwei jeweils 32 Jahre alte Männer und eine 51-jährige Frau, alle aus Kulmbach, einen 24 Jahre jungen Mann gehörig vermöbelt haben. Nach knapp zwei Stunden Verhandlung am Amtsgericht stellte sich allerdings heraus, dass alles ganz anders war, und so wurden die drei Angeklagten freigesprochen.
Tatsächlich hatte der 24-Jährige im Flur des Lokals nicht nur zu stänkern, sondern auch zu schubsen, zu rempeln und schließlich zu schlagen begonnen. Im Visier des jungen Mannes war der 32 Jahre alte Angeklagte, ein gelernter Metallbauer, geraten.



Opfer hatte schwere Operation hinter sich


Was der 24-Jährige wohl nicht wusste: Ein heftiger Schlag gegen den Kopf des Mannes und der hätte tot sein können. Hintergrund ist, dass der 32-Jährige eine schwere Operation hinter sich hatte. Die beiden anderen Angeklagten wussten davon, schritten beherzt ein und zogen den 24-Jährigen weg.

Nun fanden sich zu ihrer eigenen Überraschung alle auf der Anklagebank wieder. Der junge Mann hatte ganz einfach den Spieß umgedreht, einen Kumpel gefunden, der für ihn aussagte, und so nahm das Verfahren seinen Lauf. Der 24-Jährige habe sich aufgeführt und randaliert, sagte der Angeklagte. Selbst als er zu Boden gegangen war, habe der junge Mann weiter auf ihn eingeschlagen. "Wenn er mich am Kopf getroffen hätte, wäre es unter Umständen zu einer gefährlichen Blutung gekommen", so der Angeklagte.


Mit blauem Auge davongekommen


So habe er außer Kopfschmerzen und einem blauen Auge keine weiteren Verletzungen davon getragen. Noch deutlicher wurde der Mitangeklagte: "Jeder Schlag hätte tödlich sein können", sagte er. Die ebenfalls angeklagte Frau sagte aus, dass sie dem 32-jährigen nur zur Hilfe kommen wollte.

Keine Angaben machte der 24-Jährige, das angebliche Opfer, im Zeugenstand. Üblich ist das nicht, doch so wie sich der Sachverhalt darstellte, durfte er keine Angaben machen, denn kein Zeuge muss sich selbst belasten und das Gericht darf daraus keine negativen Schlüsse ziehen. Aus demselben Grund machte auch ein Kumpel des 24-jährigen keine Angaben. Halblaut deutete er aber schon an, dass er seinem Bekannten mit den falschen Angaben bei der Polizei nur helfen wollte.


Vorwürfe gegen Ermittler


Spätestens zu diesem Zeitpunkt war für alle Prozessbeteiligten, auch für die Vertreterin der Staatsanwaltschaft klar, dass es einen Freispruch für alle drei Angeklagten geben müsse.

So beantragten die Anklagevertreterin, als auch die drei Verteidiger ("wegen erwiesener Unschuld") den Freispruch, den Richterin Sieglinde Tettmann auch umgehend verkündete.

Die Verteidiger ließen es sich dabei aber nicht nehmen, teilweise deutliche Kritik an den Ermittlungsbehörden zu üben. Er sei schon erschrocken, dass es hier so laufen konnte, sagte Alexander Schmidtgall aus Kulmbach. Ihm mache es als Bürger Angst, wenn sich Polizei und Staatsanwaltschaft so von Zeugen täuschen lassen, gerade in einem Fall, in dem Aussage gegen Aussage steht.


"So wurden aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer"


Allen drei Angeklagten sei Unrecht geschehen, so Verteidiger Johannes Driendl aus Bayreuth. "So wurden aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer", sagte Driendl.

Als wenig nachvollziehbar bezeichnete es Werner Brandl aus Kulmbach, dass gleich drei Unschuldige in ein Strafverfahren hineingezogen wurden, das sie eineinhalb Jahre lang belastete.
Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.