Es sind Papiere, die uns zugespielt wurden, Schreiben, die Sprengkraft besitzen: Horst Hübner, einer der beiden Vorstände der Baugenossenschaft (BG) Kulmbach, tritt zum 31. Oktober zurück. Sein Beweggrund: "Die Tätigkeit macht mir mit den Entwicklungen der letzten eineinhalb Jahre keine Freude mehr", stellt Hübner in seiner Rücktrittserklärung fest. In einem Schreiben an die Aufsichtsratsmitglieder wird er deutlicher. Er macht klar, an wem er die unerfreuliche Entwicklung festmacht: an Aufsichtsratsvorsitzender Inge Aures.

Rücktrittsforderung bei der Awo

Nicht nur bei der Arbeiterwohlfahrt werden schwere Geschütze gegen die SPD-Landtagsabgeordnete aufgefahren. Mitglieder des erweiterten Awo-Vorstands fordern (wie berichtet) ihren Rücktritt als Kreisvorsitzende, kritisieren unter anderem die Vergabe von Architekturleistungen an ihren Ehemann Hans-Hermann-Drenske, der seit Jahren immer wieder Bauvorhaben der Awo betreut.

Interessenkonflikte sind zu vermeiden

Nun kracht es bei der Baugenossenschaft. Wieder im Visier: Inge Aures und die Auftragsvergaben an das Büro Drenske. Aures habe bei den Vergaben Druck gemacht, heißt es. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft wird auch hier laut. Im Prüfbericht des Verbands Bayerischer Wohnungsbauunternehmen heißt es dazu, dass es bei der Vergabe zwar keine schriftlichen Vorgaben zur Einholung von Vergleichsangeboten gibt. Es wird jedoch festgestellt, dass die Auftragsvergaben bei Planungsleistungen jeweils an eine nahe stehende Person der Aufsichtsratsvorsitzenden erfolgt seien - ohne ein Vergleichsangebot einzuholen. Dabei wird betont, dass laut Geschäftsordnung Mitglieder des Aufsichtsrats eigentlich persönliche Interessenkonflikte zu vermeiden haben. Interessenkonflikte, die die Prüfer mit Blick auf die Vergabe der Leistungen an das Drenske-Büro sehen.

Für Vergleichsangebote

Bei der Höhe der Architekturleistungen hätten sich zwar keine marktunüblichen Konditionen ergeben, so die Verbandsprüfer, jedoch weisen sie darauf hin, "dass wir keine Überprüfung der Vertragskonditionen im Hinblick auf die Komplexität der jeweiligen Bauprojekte beziehungsweise eine abschließende Beurteilung der Marktüblichkeit der erbrachten Architekturleistungen vorgenommen haben". Es wird der BG grundsätzlich empfohlen, künftig Vergleichsangebote für Planungsleistungen einzuholen.

Der Aqua-Kindergarten

Im Blick haben Aures-Kritiker nicht nur Neubauten in der Hollergasse - dort hat beziehungsweise betreut das Büro Drenske den Bau von drei millionenschweren Mehrfamilienhäusern -, sondern auch den 2019 angedachten Bau eines Aqua-Kindergartens in Hallenbad-Nähe. Diese Pläne wurden mittlerweile fallen gelassen. Aber auch hier hätte die BG als Bauträger auftreten sollen. Auf massives Drängen von Aures, heißt es.

"Unsinniger Aures-Wunsch"

Im Schreiben an die Aufsichtsräte erklärt der scheidende Vorstand Horst Hübner dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand seit dem Frühjahr 2019 immer schlechter geworden sei. "Alles begann mit dem unsinnigen und nicht nachvollziehbaren Wunsch unserer Aufsichtsratsvorsitzenden, die Baugenossenschaft solle als Bauträger einen Aqua-Kindergarten für die Stadt Kulmbach bauen. Mieter sollte die Arbeiterwohlfahrt Kulmbach werden", so Hübner, der feststellt, dass der Stadtrat den Beschluss gefasst habe, bevor Vorstand und Aufsichtsrat informiert worden seien. Mit den satzungsgemäßen Aufgaben der BG sei das nicht vereinbar gewesen. Da der Vorstand das Projekt als viel zu riskant erachtet habe, sei es in der Folge zu "immer unschöneren Auseinandersetzungen" in den Gremiensitzungen gekommen.

Interne Konflikte

Die Wirtschaftsprüfer haben hierzu in dem uns vorliegenden Bericht auf die internen Konflikte verwiesen und ausdrücklich festgestellt, dass der Aufsichtsrat unter der Führung von Inge Aures das Leitungsbefugnis des Vorstands, zu dem neben Horst Hübner auch Udo Petzoldt gehört, zu beachten hat - was in der Vergangenheit offenbar nicht immer der Fall war.

Wird Aufsichtsrat aufgestockt?

Wie es bei der BG weiter geht? Die Wirtschaftsprüfer, die die Rolle von Inge Aures kritisch unter die Lupe genommen haben, empfehlen eine fachliche sowie personelle Aufstockung des Aufsichtsrats, dem neben Inge Aures auch Karin Rätke (frühere Sekretärin von Aures, als diese OB war), Dietmar Hofmann (früherer Thurnauer Bürgermeister) und Helmut Heinrich (BG-Mieter) angehören.

Aures unter Druck

Fest steht: Inge Aures steht unter Druck. Und das nicht nur bei der Baugenossenschaft, auch der Awo-Kreisverband steht vor einer Zerreißprobe, nachdem Mitglieder des erweiterten Vorstands ihren Rücktritt gefordert haben. Mit Spannung wird das Ergebnis einer Überprüfung der Vorgänge bei der Kulmbacher Awo durch den Bezirks- und Bundesverband erwartet, bei der auch eine externe Gesellschaft eingeschaltet worden ist. Im Fokus stehen hier die Vergabe von Architekturleistungen an den Ehemann der Kreisvorsitzenden sowie die Beschäftigung des ehemaligen Kreisgeschäftsführers Oskar Schmidt, der beim Umbau des Heiner-Stenglein-Pflegeheims als Bauberater tätig war. Ob die Ergebnisse, die schon vor Wochen vorliegen sollten, zeitnah bekanntgegeben werden? Zur mit Spannung erwarteten Sitzung des Kreisvorstands am heutigen Dienstag haben sich jedenfalls auch Bundesvorsitzender Wolfgang Stadtler, zwei Mitglieder des Compliance-Teams und eine Prüferin, die zugeschaltet wird, angekündigt.

Aures schweigt

Inge Aures selbst wollte sich gestern zu den neuen Vorwürfen nicht äußern. Begründend verwies sie auf die Satzung der Baugenossenschaft Kulmbach. In Paragraf 26, Satz 2 heißt es dort: "(Die Mitglieder des Aufsichtsrats) haben über alle vertraulichen Angaben und Geheimnisse der Genossenschaft sowie der Mitglieder und von Dritten, die ihnen durch die Tätigkeit im Aufsichtsrat bekannt geworden sind, Stillschweigen zu bewahren."