Solche Fälle sind Wasser auf den Mühlen rechter Hetzer: Da können sich sämtliche Flüchtlinge noch so tatkräftig um Integration bemühen - ein einziger macht vieles kaputt. In diesem Fall ein 18-Jähriger aus Eritrea. Er hatte am 7. Juni dieses Jahres gegen 22 Uhr am Zentralparkplatz im Vorübergehen einer 57-jährigen Frau einen heftigen Schlag gegen das Gesäß verpasst. Weil die Frau an einer Wirbelsäulenverletzung litt, waren heftige Schmerzen die Folge.
Vor dem Jugendgericht wurde der geduldete Asylbewerber jetzt wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 70 Stunden gemeinnütziger und unentgeltlicher Arbeit verurteilt.


"Erziehungsmaßnahme"

Parallelen zu Köln sind in diesem Fall wohl nicht angebracht. "Eigentlich wollten wir nicht, dass er groß angezeigt wird", sagte die 57-jährige Frau aus Hamburg, die sich gerade von ihrer Kulmbacher Freundin verabschieden wollte. Es sei auch eher eine Gewalteinwirkung als ein sexueller Übergriff gewesen. Weil sie so erschrocken war und im ersten Moment auch heftige Schmerzen verspürt habe, sei sie dann doch zur Polizei gegangen. "Er sollte wenigstens eine Erziehungsmaßnahme bekommen", sagte die Frau.

Auch die Freundin, eine 56-jährige Kulmbacherin, war zunächst ziemlich perplex. Zumal beide Frauen Flüchtlingen absolut positiv gegenüberstehen und sich sogar für sie eingesetzt hatten. "Ich finde es schade dass dies passiert ist", so die Zeugin. Man werde plötzlich misstrauisch.
Er habe keinerlei Erinnerung mehr an den Vorfall, sagte der junge Mann vor Gericht. Wenn die beiden Zeuginnen ihn aber beschuldigten, dann werde er es wohl auch gewesen sein.

Er habe zuvor praktisch zum ersten Mal in seinem Leben Bier getrunken und dann gleich fünf Flaschen an einem Tag. Später wurde im Blut des Mannes fast ein Promille Alkohol nachgewiesen.
Hintergrund sei gewesen, dass er zuvor aus seiner Heimat die Nachricht bekommen hatte, dass seine Eltern beim Fluchtversuch von Eritrea nach Äthiopien verhaftet worden seien. Deshalb habe er nicht mehr aus noch ein gewusst.


Keine Ahnung, wie Alkohol wirkt

Freilich sei es auch in seiner Heimat verboten, Frauen in dieser Art und Weise anzugehen, sagte der junge Mann. Er wisse genau, dass er auch dort vor Gericht gelandet wäre.
In Eritrea ist es praktisch unmöglich an Alkohol zu kommen, so dass der Angeklagte tatsächlich keine Ahnung gehabt haben wird, welche Wirkung der Alkohol hat.
Der Angeklagte lebt seit 2015 in Deutschland, musste 18 000 Dollar für die Flucht an die Schleuser bezahlen. Geld, das sein Onkel für ihn aufgebracht habe. Allein die Überfahrt über das Mittelmeer von Libyen nach Italien habe drei Tage und Nächte gedauert. Hier habe er einen Asylantrag gestellt, sei aber bislang nur geduldet.


Entschuldigung angenommen

Der Versuch, sich zu seinem Bruder nach Schweden durchzuschlagen, sei schiefgegangen. Er sei aufgegriffen, weil damals noch minderjährig, zurück in eine Einrichtung im Landkreis Kulmbach gebracht worden. Im Gerichtssaal entschuldigte sich der junge Flüchtling bei der Frau und reichte ihr die Hand. Die 57-Jährige nahm die Entschuldigung an.

Die letztlich verhängte Arbeitsauflage von 70 Stunden nach Weisung der Arbeitsvermittlung der Geschwister-Gummi-Stiftung hatte bereits Staatsanwalt Roland Köhler beantragt. Als Heranwachsender könne beim Angeklagten das Jugendstrafrecht Anwendung finden. Der Mann sei nicht vorbestraft und habe die Tat nicht abgestritten. Allerdings sei der Schlag mit erheblicher Wucht geführt worden und die Frau habe dabei ziemliche Schmerzen erlitten. Auch Verteidiger Alexander Schmidtgall plädierte auf eine Arbeitsauflage wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Arbeit sei die beste Integration, sagte er.
Ob die Verurteilung Auswirkungen auf das Anerkennungsverfahren des Mannes hat, ist offen.

Dazu ein Kommentar unseres Redaktionsmitgliedes

Warum die Herkunft wichtig ist

Es gibt Geschichten, die machen selbst erfahrenen Redakteuren Bauchschmerzen. Da betrinkt sich ei Asylbewerber, wird im Rausch handgreiflich - und landet vor Gericht. Würden wir streng nach unseren Richtlinien handeln, dürften wir die Herkunft des Angeklagten nicht nennen. Die nämlich tut eigentlich nichts zur Sache. Aber: Kaum einer, der bei einem solchen Fall nicht sofort an die Vorfälle in der Silvesternacht denkt, an massenhafte sexuell motivierte Übergriffe von (mutmaßlich) betrunkenen (mutmaßlichen) Migranten auf Frauen.
Köln auch in Kulmbach? Das war es, zum Glück, nicht. Die betroffene Frau selbst wollte wohl keine große Sache daraus machen, hat vor Gericht auch die Entschuldigung des jungen Mannes angenommen.

Aber Vorfälle wie diese gehören leider dazu, wenn über Flüchtlinge und ihre mögliche Integration gesprochen wird. Sie zu verschweigen, wäre ebenso unredlich, wie es eine überzogene, reißerische Berichterstattung wäre.
Deswegen hat die Redaktion entschieden, in diesem Fall die Herkunft des Angeklagten zu nennen. Verbunden mit dem Hinweis, dass die Gerichte regelmäßig über alkoholbedingte Ausfälle urteilen müssen - mit Tätern, die aus aller Herren Länder kommen. Auch aus Deutschland.