Norbert Müller ist auf das Kulmbacher Klinikum nicht gut zu sprechen. Der Mann aus Altenkunstadt brachte am Montagmorgen seine 31 Jahre alte Tochter mit starken Schmerzen und einem Hörverlust im linken Ohr in die Notaufnahme. Doch die Frau sei dort nicht behandelt und zurück an ihre Hausärztin verwiesen worden, sagt er. Ein Unding, findet Müller und hat sich deshalb sogar bei der Bayerischen Landesärztekammer über das Klinikum beschwert.

Was genau war passiert? "Am Sonntag habe ich höllische Schmerzen bekommen", erklärt die 31-jährige Sabrina Müller. Die in der Nacht so schlimm wurden, dass sie es nicht mehr aushielt. "Am Montagmorgen um 6 Uhr kam meine Tochter zu mir und klagte über unerträgliche Schmerzen und Hörverlust im linken Ohr. Auf Anraten des ärztlichen Notdienstes fuhr ich von Altenkunstadt aus mit ihr zur Notaufnahme ins Klinikum Kulmbach", erklärt der ehemalige Polizist. Sie selbst habe sich nicht in der Lage gefühlt, noch Auto zu fahren, ergänzt die 31-Jährige.

Darstellungen gehen auseinander

Was dort geschah, darüber gehen die Darstellungen von Vater/Tochter und dem Klinikum allerdings auseinander. In der Notaufnahme habe sie mit Tränen in den Augen vor Schmerzen ihren Fall geschildert, erzählt Sabrina Müller. Doch sei ihr von einer Schwester am Empfang gesagt worden, dass das ein Fall für den Hausarzt oder den HNO-Arzt sei. Kein Angebot, zu warten. Daraufhin sei sie wieder ins Auto zu ihrem Vater gegangen.

Doch der habe sich damit nicht abfinden wollen. "Meine Forderung an die diensthabende Ärztin, meine Tochter aufgrund ihrer starken Schmerzen zu untersuchen, wurde abgelehnt, weil man gerade eine Reanimation durchführe und kein weiterer Arzt zur Verfügung stünde." Letzteres kann Müller nicht verstehen. "Es kann doch nicht sein, dass sie morgens um 7 Uhr die einzige Ärztin in diesem riesigen Klinikum ist." Die Tochter wurde jedenfalls an die Hausärztin in Hochstadt verwiesen. "Die hat dann später auch gesagt, das wäre ein Notarztfall gewesen."

Aus Sicht des Klinikums stellt sich der Fall allerdings ganz anders dar, wie Geschäftsführerin Brigitte Angermann betont. Sie weist die Vorwürfe von Norbert Müller vehement zurück: "Bei der Aufnahme um 6.30 Uhr wurde der Patientin gesagt, dass sie warten muss." Wartezeiten bis zu drei oder vier Stunden seien je nach Zustand des Patienten und wegen anderer dringenderer Fälle durchaus möglich.

Doch bereits um 7 Uhr habe der Vater in der Notaufnahme "Rabatz gemacht und herumgeschrien". Als daraufhin eine Ärztin mit Sabrina Müller sprechen wollte, sei diese schon im Auto gesessen. Die Ärztin, die einen schweren Notfall zu versorgen hatte, wollte sich dennoch die Frau anschauen, "das hat der Vater nicht mehr zugelassen. Sie hat die Patientin also nicht mal zu Gesicht bekommen". Am Klinikum werde niemand weggeschickt, ohne dass ihn zuvor ein Arzt angesehen habe, stellt Angermann fest.

Sollte es sich tatsächlich um eine Mittelohrentzündung gehandelt haben ("Wir hatten ja nicht die Möglichkeit zur Untersuchung bekommen") gehöre so ein Fall ohnehin nicht ins Klinikum - und das auch nicht zu dieser Zeit: "Da warte ich doch noch eine Stunde, bis die normalen Praxen öffnen." Wäre die Bereitschaftspraxis am Klinikum schon offen gewesen, hätte man die Altenkunstadterin dorthin verwiesen.

Bis Sabrina Müller letztlich bei einer HNO-Ärztin in Kronach untersucht wurde, lagen rund 100 Kilometer Fahrt hinter Vater und Tochter - mit Stationen bei einem Facharzt in Lichtenfels ("Der hatte zwar geöffnet, aber OP-Termine") und der Hausärztin in Hochstadt. "Nach drei Stunden trafen wir wieder zuhause ein. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was dies für Senioren bedeuten würde, die über kein Auto verfügen", sagt Müller und erklärt, dass in allen aufgesuchten Praxen Unverständnis über die Handlungsweise in Kulmbach geherrscht habe. Deshalb hat er Beschwerde bei der bayerischen Landesärztekammer erhoben.

Den Eingang der Beschwerde bestätigte der Pressesprecher der Ärztekammer, Jodok Müller. Die Beschwerde werde an den ärztlichen Bezirksverband Oberfranken weitergeleitet, der den Vorfall mit dem Klinikum klären und gegebenenfalls auch mit Norbert Müller Kontakt aufnehmen werde, erläutert er das weitere Vorgehen. Sollte tatsächlich ein Fehlverhalten vorliegen, kann dem Arzt oder der Ärztin eine Rüge ausgesprochen oder in schweren Fällen eine Geldstrafe verhängt werden.

Die Gretchenfrage: Was ist ein Notfall?

Prinzipiell, so erklärt Jodok Müller, sei ein Arzt verpflichtet, bei einem Notfall Erste Hilfe zu leisten. Die entscheidende Frage dabei ist jedoch: Was ist ein Notfall? Denn sollte der Arzt der Meinung sein, dass es keiner ist, dann habe er die Entscheidungsfreiheit, einen Patienten zu behandeln - oder nicht.

Wenn dann nur ein Arzt vor Ort sei, dann müsse dieser Prioritäten setzen. Das könne so aussehen, dass er bestimmte Patienten warten lässt, bis ein Arzt für sie Zeit hat - oder er kann sie an den Hausarzt weiterverweisen. "Das hängt alles vom Einzelfall ab." Aus Erfahrung wisse er allerdings, so Jodok Müller, dass die Patienten verständlicherweise oft sehr aufgeregt seien und die eigene Situation meist dramatischer bewerten als der Arzt vor Ort.