In der Nacht zum 6. November, drei Tage vor Grenzöffnung, wagte er die Flucht in seinem Skoda, auf verschlungenen Waldpfaden über die CSSR. "Zehn Stunden habe ich mit Tausenden anderen am Übergang in Schirnding gewartet, bis endlich der Schlagbaum hochging. Als ich im Westen war, bin ich ausgestiegen und habe als erstes den Boden geküsst und geweint wie ein Schlosshund."

Zu diesem Zeitpunkt hat der gelernte Autolackierer aus der Trabantenstadt Zwickau eine bewegte Ost-Geschichte hinter sich - Stasi-Bespitzelung und Internierung inklusive. "Ich war immer unangepasst und habe mich nie bevormunden lassen, das machte mich in den Augen der Oberen zum Staatsfeind." An seinem 17. Geburtstag kommt der junge Mann, der mit "asozialem Verhalten" auffällt (so steht es in Bleichs Stasi-Akte), ins Erziehungsheim.
"Die wollten mich umbiegen, aber das haben die nicht geschafft."

Auch nicht in der Haft, zu der er 1975, als 19-Jähriger, verurteilt wird. Die Strafe: zwei Jahre Arbeitslager im Braunkohle tagebau. Der Grund: eine fiktive Anklage, weil er angeblich für vier Tage seinem Arbeitsplatz im VEB Sachsenring fernblieb. "Ich hatte mitgeteilt, dass ich meine Arbeitsstelle wechseln will. Ich wollte an die Ostsee, um zu kellnern. Daraus haben die obersten Chargen mir einen Strick gedreht und behauptet, ich hätte meine Arbeitspflicht verletzt. Das hat in diesem System ausgereicht, unbequeme Leute mundtot zu machen und wegzusperren. In der Haft war's wie im KZ - mit der Ausnahme, dass keiner geschossen hat."

Vollständig rehabilitiert

2002 wurde Michael Bleich vom Landgericht Chemnitz als Justizopfer anerkannt und vollständig rehabilitiert, er bekommt seither Opferrente. Die Folgen aber, vor allem die seelischen, wirken bis heute nach. Dass ihm diese Art von Wiedergutmachung widerfährt, daran war in den Wochen und Monaten vor dem Mauerfall noch nicht zu denken. Als sich die ersten Montagsdemonstranten auf die Straße wagen, ist der Zwickauer dabei. Er schließt sich der Opposition an und trägt bei einer der Kundgebungen ein Schild mit Erich Honecker in Sträflingskleidung, darunter der Spruch "Staatsverbrecher in den Knast". Dadurch gerät er wieder ins Visier der Staatsbehörden. "Ich wurde mit Haftbefehl gesucht, deswegen musste ich die Biege machen."

Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen auf die Wiedervereinigung. Seine politischen Ambitionen in der SPD hat er mittlerweile begraben. "Ich war Gründungsmitglied des SPD-Verbands in Zwickau, aber ich habe leider miterleben müssen, wie einige alten Kader durch die Hintertür zurück an die Schaltstellen kamen." Das und die Hartz-IV-Reformen haben ihn, der selber Leistungen aus dem ALG II bezieht, ein Stück weit desillusioniert.

Was im Umkehrschluss nicht heißen soll, er wünsche sich die DDR zurück. "Man mag nicht alles gutheißen, was im Rechtsstaat vor sich geht, aber zumindest herrschen Recht und Gesetz und nicht blanke Kommunistenwillkür." Deswegen schüttelt Michael Bleich auch den Kopf, wenn er in Thüringen die Verhandlungen zur Landesregierung unter Führung der Linken verfolgt. Für ihn wäre das ein Treppenwitz der Geschichte.