Wenn Eltern trinken, dann leidet das Kind. "Ein Erwachsener kann tun, was er will. Ein Junge oder ein Mädchen muss damit leben, wenn der Vater oder die Mutter abhängig ist, kann nicht gehen, wie es ein Partner vielleicht tun würde", sagt Gotthard Lehner, der Leiter der Fachklinik Hutschdorf, in der alkohol- und medikamentenabhängige Frauen therapiert werden.

Sie gehören zur Hochrisikogruppe

Um Suchtabhängigen den Schritt zu erleichtern, stationäre Hilfe in Anspruch zu nehmen, können Mütter seit dem Umbau der Klinik im Jahr 2012 den Nachwuchs mitbringen. Zwölf Zwei-Zimmer-Appartements wurden geschaffen. Während die Mütter therapiert werden, wird ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der Kinder gelegt, die laut Lehner zur Hochrisikogruppe derer gehören, die Gefahr laufen, im späteren Leben selbst einmal suchtabhängig zu werden. Die Kleinsten sind im Kinderhaus untergebracht, das nur einen Steinwurf vom Neubau entfernt liegt, die Vier- bis Sechsjährigen werden im klinikeigenen Kindergarten betreut. Und schulpflichtige Kinder besuchen Grundschulen in der Region.

Probleme zeigen sich im Alltag

Während des Klinikaufenthalts wird versucht, das Familienleben, das unter der Suchterkrankung leidet, wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Bestreben, das nach der meist 15-wöchigen Therapie aber nicht immer von Erfolg gekrönt sein kann. "Probleme zeigen sich, wenn Mutter und Kind wieder in den Alltag eintauchen. Die Frauen sind trotz Therapie oft nicht stabil genug, wenn sie nach Hause kommen", berichtet Lehner. Viele seien überfordert. Leidtragende seien die Kinder.

Um die will sich die Fachklinik künftig verstärkt kümmern. Lehner hat ein Millionenprojekt im Visier, um den Müttern, vor allem aber auch dem Nachwuchs nach erfolgter Therapie ein Leben in strukturierten Bahnen zu ermöglichen. Ein Mutter-Kind-Haus ist geplant - mit zwölf Appartements, in denen Frau und Kind auch über mehrere Jahre bleiben können.

"Schutzraum bieten"

"Wir wollen die Frauen beraten und begleiten, unser Ziel ist es aber vor allem, den Kindern, die unter der Alkoholkrankheit der Mutter leiden, eine Chance zu geben", sagt Lehner und führt an: "Wir wollen ihnen einen Schutzraum bieten. Sie brauchen stabile Strukturen und Freunde, die sie länger als für 15 Wochen haben."

Es sei ein neues, völlig eigenständiges Projekt, das neben der Suchttherapie etabliert werden soll. Das Haus Bethanien, in dem die Fachklinik ihren Ursprung hat, wird dafür abgerissen. Dort sind die Appartements geplant. Parallel dazu wird auch eine neue Kita errichtet. "Wir haben unsere Pläne mit dem Bezirk und der Regierung bereits abgestimmt", sagt der Klinikleiter, nach dessen Worten die Finanzierung noch nicht in trockenen Tüchern ist.

Kosten: 7 Millionen Euro

Sieben Millionen Euro werden die Neubauten verschlingen. Geld, das man auch über Spenden aufbringen will. Von der Aktion "Sternstunden" des Bayerischen Fernsehens ist eine Million Euro eingegangen, 250 000 Euro hat die Bayerische Landesstiftung gewährt. Lehner hofft, dass weitere Spenden erfolgen und der Bau 2020 starten kann. Ende 2021, Anfang 2022 sollen die Wohnungen bezugsfertig sein. Dass die Nachfrage groß sein wird, davon ist er überzeugt. "Wir haben schon Anfragen anderer Kliniken, die uns Patientinnen schicken wollen."

Wer die Langzeitbetreuung in Anspruch nimmt, muss trocken sein. "Die Frauen dürfen nach der Therapie nicht rückfällig geworden sein." Man wolle den Frauen und Kindern auf dem Weg in ein neues Leben ohne Alkohol und Medikamente Hilfestellung leisten, sagt Lehner, den viele Einzelschicksale bewegen. So erinnert er sich an eine Zehnjährige, die ihre Mutter beim Therapieaufenthalt in Hutschdorf begleitet und diese nach der Anmeldung in der Krankenstation abgegeben hat. "Jetzt gehe ich ins Kinderhaus", habe das Mädchen gesagt. "Das Kind hat sich gefreut, denn dort konnte es wieder Kind sein."

"Nicht falsch abbiegen"

Das Mädchen habe schon in jungen Jahren Verantwortung für die Mutter übernehmen müssen. Das sei ein Rollentausch, der Heranwachsende überfordere, der sie mit den Jahren auch selbst zum Alkoholmissbrauch führen könne. Das neue Angebot soll das laut Lehner unterbinden und dazu beitragen, "dass Kinder in ihrem Leben nicht wie die Mutter an der falschen Ecke abbiegen".