Das bayerische Landeskriminalamt hat etwa 1600 Mitarbeiter. Eine Abteilung - das Sachgebiet 206 - befasst sich mit Urkunden und Papier. Und diese Experten werden jetzt im Bayreuther Vergewaltigungsprozess gebraucht.


Guillotine und Sensenmann

Es geht wieder um die Tagebuchaufzeichnung einer Enkelin des 71-jährigen Angeklagten. Damit, so die Zeugin vor drei Wochen, habe sie den Missbrauch durch ihren Opa im alter von elf oder zwölf Jahren verarbeitet: Bilder des Großvaters am Galgen, unter der Guillotine oder mit dem Sensenmann, gezeichnet von der Enkelin, die ihm alles Schlechte an den Hals wünscht. "Er hat es verdient zu sterben", steht als Randbemerkung daneben.

Die Zeichnungen und Kommentare der heute 26-jährigen Frau sollen zirka zehn Jahre alt sein. Sie wären also lange vor dem Prozess entstanden, lange bevor sich die Enkelin, ihre Schwester, ihre Mutter und ihre Großmutter entschlossen haben, den Familienpatriarchen wegen Vergewaltigung und weiterer Sexualstraftaten anzuzeigen.

Die Psychologin Gabriele Drexler-Meyer, die im Auftrag des Gerichts die Glaubwürdigkeit der Belastungszeuginnen beurteilen soll, hält die Aufzeichnungen weder für eine Täuschung noch für eine Inszenierung oder den Versuch, sich als Opfer zu präsentieren. Die Enkelin reflektiere hier ihre Erfahrungen, sie äußere Gefühle, Zweifel und Zwischentöne, so die Gutachterin damals.


Verteidiger: falsches Beweismittel

Dieser Makel soll nicht an seinem Mandanten hängenbleiben: Verteidiger Johann Schwenn hält die "Schreibleistung" der Enkelin - wie die gesamten Anklagevorwürfe - für erfunden und fingiert und zweifelt die zeitliche Einordnung an: "Ein von der Nebenklägerin selbst geschaffenes falsches Beweismittel." Deshalb beantragt der Hamburger Rechtsanwalt, eine chemische Analyse von Papier und Tinte durch einen kriminaltechnischen Sachverständigen vornehmen zu lassen. Er geht davon aus, dass die angeblich zufällig wieder aufgetauchten Tagebuchseiten erst während der Hauptverhandlung angefertigt worden sind.

Die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Bayreuth nimmt den gespielten Ball auf. Im Juristendeutsch heißt dies: Sie kommt ihrer Aufklärungspflicht nach. Vorsitzender Richter Michael Eckstein beauftragt umgehend ("um die Sache zu beschleunigen") das Landeskriminalamt mit der Untersuchung.

Der Vertreter der Enkelin, Rechtsanwalt Wolfram Schädler aus Wiesbaden, erklärt dazu: "Wir treten der Beweiserhebung ausdrücklich nicht entgegen." Soll heißen, die Zeitangabe stimmt - die Nebenklägerin hat ein reines Gewissen.

Das Landeskriminalamt, so Eckstein, habe zugesagt, das Gutachten in vier Wochen vorlegen zu können. Dann wird das Gericht erfahren, was stimmt und wer Recht hat. Denn es ist offenbar tatsächlich möglich, das Alter von Handschriften zu bestimmen.


Die Arbeitsweise der Experten

"Zentrales Problem der Urkundentechnik ist die Altersbestimmung. Bei einigen Tinten ist eine direkte Altersbestimmung auf chemischem Wege mit Zeitangabe möglich, bei den Kugelschreiberpasten werden indirekte Methoden zur Altersbestimmung eingesetzt. Dazu wird eine Schreibmittelsammlung unterhalten, deren Muster bis in die dreißiger Jahre zurückreichen", schreiben die Experten des Sachgebiets 206 über ihre Arbeit.

Der Prozess wird nächsten Freitag fortgesetzt. Weitere Informationen über die Arbeit des LKA und des Sachgebiets Urkunden/Papier (mit Video) erfahren sie .