Was der Angeklagte verbrochen hat, ob er - wie von den Zeuginnen behauptet wird - seine Tochter, seine Ex-Frau und seine beiden Enkelinnen vergewaltigt oder sexuell missbraucht hat oder ob die Vorwürfe erfunden und erlogen sind, darüber darf weiter gerätselt werden. Doch ganz astrein erscheint sein Verhalten nicht. Bei einer Durchsuchung von Wohnung und Büro des Mannes fand die Polizei eine Mappe mit Sexfotos im Tresor, darunter sechs Nacktaufnahmen von der Tochter.


Sechs dicke Ordner

Am Dienstag wurde im großen Vergewaltigungsprozess vor dem Landgericht Bayreuth die Kriminalbeamtin, die gegen den 71-Jährigen ermittelt hatte, ausführlich befragt. Dazu brachte sie einen Wäschekorb voll Akten mit in den Schwurgerichtssaal. Sechs dicke Ordner - insgesamt über 2000 Seiten, in denen sie immer wieder blättern musste. Dafür hatte das Gericht Verständnis - denn so viele Einzelheiten könne sich kein Mensch merken.

Nach den Ausführungen der Polizistin sei das Verfahren im März 2014 durch einen Anruf der Opferhilfeorganisation Weißer Ring in Gang gekommen. Durch die Vernehmungen der mutmaßlichen Opfer hätten sich die Verdachtsmomente erhärtet, so dass der Angeklagte im Juli 2014 festgenommen wurde.


Revolver und ein Haufen Geld

Gleichzeitig, so die Kriminalhauptkommissarin, habe die Polizei bei dem Mann eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Gefunden worden seien: ein Smith & Wesson-Revolver ohne Patronen, eine große Menge Bargeld - unter anderem 57.000 Euro und 8700 Dollar - sowie eine Ledermappe mit Nacktfotos.

Die Bilder - im Prozess als seine "Trophäensammlung" bezeichnet - zeigen nach Angaben der Kriminalbeamtin den Angeklagten beim Geschlechtsverkehr mit verschiedenen Frauen. Auf sechs Fotos sei die Hauptbelastungszeugin nackt zu sehen.

Weiter überprüfte das Gericht die Aussagekonstanz der 48-jährigen Hauptbelastungszeugin: Was hat die Tochter des Angeklagten bei der Polizei gesagt? Was hat sie gegenüber dem Weißen Ring angegeben? Und was hat sie vor Gericht erklärt? Alle diese Fragen spielen eine Rolle, weil das Gericht die Glaubwürdigkeit der Zeugin beurteilen muss. Unter anderem ging es auch darum, ob sich Mitarbeiter des Weißen Ring bei der polizeilichen Vernehmung eingemischt hätten. Dies sei nicht der Fall gewesen, versicherte die Kriminalhauptkommissarin.


Belastendes Scheidungsverfahren

Parallel zu dem seit September andauernden Strafprozess tobt im Hintergrund offenbar ein Rosenkrieg: die Tochter des Angeklagten gegen ihren Noch-Ehemann. Auf Nachfrage von Verteidiger Johann Schwenn erklärte die von ihrer Verschwiegenheitspflicht entbundene Psychotherapeutin der Hauptbelastungszeugin, dass auch das Scheidungsverfahren vor dem Familiengericht in Kulmbach ihre Patientin belaste. Ihr Ehemann versuche, sie "finanziell auszuhungern". Sie habe die Kündigung und Hausverbot bekommen. Es gehe um Firmenanteile und Stimmrechte im Unternehmen, sagte die Diplom-Psychologin.

Das war neue Nahrung für die Verschwörungstheorie des Hamburger Rechtsanwalts, nach dessen Ansicht es dem Frauenclan, der sich gegen seinen Mandanten verbündet habe, nur ums Geld geht. Er meldete Zweifel an, dass die Hauptbelastungszeugin als "tüchtige Kauffrau" das Unternehmen der Familie mit aufgebaut habe.

Ferner wollte Schwenn wissen, ob die 48-Jährige in den Therapiesitzungen den Eindruck vermittelt habe, dass sie sich im Strafprozess auf der Siegesstraße befindet. "Nein, gar nicht", betonte die Zeugin, "sie hat aber auch nicht gesagt, dass sie sich auf der Verliererstraße fühlt." Sie habe lediglich die langwierigen Abläufe beklagt und die Tatsache, dass sich das Gericht mit vielen Details beschäftigt.


"Ich halte sie für glaubwürdig"

Zusammenfassend sagte die Therapeutin über ihre Patientin: "Ich halte sie für glaubwürdig. Ich traue mir zu, einschätzen zu können, ob sie mir was vorspielt." Derzeit befinde sich die 48-jährige wieder in stationärer Behandlung in einer Klinik.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.