Der Frust bei vielen Schülern und Eltern ist groß. Während die Abiturjahrgänge der Kulmbacher Gymnasien und der FOS/BOS bereits seit 1. Februar wieder im Wechsel-Präsenzunterricht sind (abwechselnd ein Tag in der Schule, ein Tag von zu Hause aus lernen), bleiben die Schulhäuser für Abschlussklassen von Realschule und Mittelschulen weiterhin geschlossen. Grund dafür ist die seit Wochen hohe Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Kulmbach, die den immer wieder angedachten Öffnungen für weitere Abschlussklassen bislang einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Doch warum dürfen die Abiturienten trotz der hohen Inzidenz in den Wechselunterricht, warum gibt es diese Ungleichbehandlung? Das hat zwei Gründe, erläutert Oliver Hempfling vom Corona-Krisenstab des Landkreises auf Nachfrage der Bayerischen Rundschau. Zum einen ist per Verordnung rechtlich geregelt, dass die Beschulung der Abiturjahrgänge inzidenzunabhängig erfolgen kann. Zum anderen finden die Abiturprüfungen einfach viel früher statt als die anderen Abschlussprüfungen, nämlich bereits ab 12. Mai. Die Prüfungen für die Mittlere Reife (sowohl an der Carl-von-Linde-Realschule als auch in den M-Zügen der Mittelschulen) starten erst am 6. Juli, der Qualifizierende Mittelschulabschluss ab 12. Juli.

Eine entscheidende Voraussetzung

Doch es gibt einen Lichtblick. Ab kommendem Montag, 15. März, lässt die Verordnung für alle Abschlussjahrgänge einen inzidenzunabhängigen Wechselunterricht zu. Dafür gibt es aber eine große Voraussetzung, betont Oliver Hempfling. Nämlich, dass es - wie bei den Abiturjahrgängen bislang auch - keine Corona-Fälle im Zusammenhang mit den betreffenden Klassen, Lehrern oder Schulangestellten gibt. In enger Abstimmung mit den Verantwortlichen wird die Situation deshalb genau im Auge behalten und zum Ende der Woche hin eine Entscheidung getroffen.

Egal wie die Entscheidung für Montag ausfällt - Kritik daran wird es wohl in jedem Fall geben, denn die Verantwortlichen in Landratsamt und Schulamt erhalten zunehmend Anfragen und Beschwerden von besorgten Eltern - und zwar in alle Richtungen. "Wir werden mit der gesamten Bandbreite konfrontiert. Von ,Schule auf' unter allen Umständen bis ,Schule zu' unter allen Umständen", so Schulamtsleiter Michael Hack, der betont: "Wir versuchen natürlich, die Schulen wieder aufzumachen, sobald es geht, der Präsenzunterricht ist immer noch die beste Bildungsform für die Schüler. Aber einen Inzidenzwert von weit über 200 können wir einfach nicht ignorieren." Hack hat im einen Moment eine Mutter am Telefon, die sich darüber beklagt, dass sie zwar in den Baumarkt, ihr Kind aber nicht in die Schule könne. Und im nächsten Telefonat geht es um die große Sorge, dass die Schulkinder Versuchskaninchen seien und das Virus in die Familien tragen könnten. "Man kann es niemandem recht machen."

Verständnis für beide Seiten

Krisenstabs-Chef Oliver Hempfling hat Verständnis für beide Seiten und kennt die Zwickmühle aus eigener Erfahrung. "Ich bin ja selbst betroffen. Ich habe eine Fünftklässlerin Zuhause sitzen, die ich nebenher beim Homeschooling betreuen muss." Er wisse um die enorme Zusatzbelastung für alle Eltern, könne aber auch die verstehen, die Angst vor weiteren Schulöffnungen haben.

Könnte da nicht eine konsequente Teststrategie für die Schulen etwas mehr Sicherheit für alle schaffen? Vom Freistaat beziehungsweise Kultusministerium gibt es dazu keine verpflichtenden Vorgaben. Freiwillige, kostenlose Schnelltests sind jederzeit in den drei Testzentren des Landkreises möglich, und in der Abstrichstelle in der Flessastraße wurde eine eigene Teststraße nur für das Schulpersonal geschaffen, erklärt Oliver Hempfling. "Wir haben die Schulen über diese Möglichkeiten informiert."

Der Leiter des Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasiums, Horst Pfadenhauer, hat diese Informationen an Schüler und das Kollegium weitergereicht, gibt aber zu bedenken, dass ein Testergebnis immer auch nur eine Momentaufnahme sei. Deshalb setze man weiterhin konsequent auf Hygiene- und Schutzmaßnahmen. "Wir haben kleine Gruppen, die weit auseinander sitzen. Die Lehrer tragen FFP2-Masken, die Schüler zum Teil auch, und es wird regelmäßig gelüftet." Der Wechselunterricht laufe gut, und er sei froh, "dass wir die Q12 wieder in der Schule haben, damit wir eine gute Abitur-Vorbereitung gewährleisten können".

"Kinder testen lassen"

Auch an der Carl-von-Linde-Realschule wünscht man sich die Abschlussklassen zurück. "Aber bitte unter abgesicherten Bedingungen", sagt Schulleiterin Monika Hild. Die Schule sei für den Präsenzunterricht gerüstet, außerdem sei ein entsprechender Elternbrief schon vorbereitet. "Wenn wir wissen, dass die Schüler zurückkehren, bitten wir die Eltern, ihre Kinder testen zu lassen." Auch das Kollegium unterziehe sich bereits regelmäßigen Testungen. Für ihre Lehrer und das Schulpersonal wünschen sich Monika Hild und Horst Pfadenhauer aber vor allem eines: dass die Impfungen der Lehrkräfte nun schnellstmöglich vorankommen.

Das sagt ein Abiturient zur aktuellen Situation

Jonas Schütz ist in der Q12 am Caspar-Vischer-Gymnasium und macht in wenigen Wochen sein Abitur. Der 19-jährige Kulmbacher freut sich zwar, dass er schon seit einiger Zeit wieder in den Wechsel-Unterricht kann ("Man möchte das Schuljahr ja gut zu Ende bringen und auch seine Freunde mal wieder sehen"), angesichts des hohen Inzidenzwertes in Kulmbach bleibe aber auch ein mulmiges Gefühl.

Und dann ist da noch der Notendruck, der die Abiturienten sehr belastet. Jonas Schütz spricht von einer "Notenjagd" und berichtet: "Leider ist es so, dass der Notendruck nur angeblich und nicht tatsächlich minimiert wird. Uns Schülern wurden schon für den ersten Tag, an dem Noten gemacht werden dürfen, mehrere Leistungsnachweise angekündigt. Rücksichtnahme sieht anders aus." Die Schuld liege nicht bei den Lehrern, so Jonas Schütz, denn die wollten eigentlich gar keinen Notendruck erzeugen. "Aber sie müssen, denn es müssen noch Unmengen an Noten eingeholt werden. Die Aussagen des Kultusministeriums zur Reduktion des Notendrucks sind nur Worte ohne Taten."

Der Abiturient rechnet vor: Vom 8. März bis zum Notenschluss am 28. April sind es noch gut 14 Präsenz-Schultage im Wechselunterricht, von denen an drei Tagen Klausuren geschrieben werden. Nun hat ein Schüler der Oberstufe etwa zehn oder elf Fächer, in denen je zwei Noten gemacht werden müssen, was 20 bis 22 Noten ergibt. Zieht man von den 14 Schultagen drei für Klausuren ab, bleiben elf Tage und 22 Noten, was im Schnitt zwei Noten pro Tag ergibt. "So viel zu ,kein Notendruck'. Kaum auszumalen, was passiert, wenn die Schule wieder schließen sollte, oder man sich in Quarantäne befindet. In diesem Szenario würden aus zwei Noten pro Tag vielleicht nun drei oder sogar vier werden." Schütz plädiert deshalb für ein Durchschnittsabitur mit freiwilliger Prüfung, das würde den Druck deutlich senken.cf